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10. Januar 2020

Ein solidarischer, stress- und traumasensibler Ansatz zur Unterstützung von Gewaltüberlebenden

Ein Gastbeitrag von Karin Griese, Alena Mehlau und Maria Zemp: Handlungsleitend für die Arbeit von medica mondiale ist eine solidarische stress- und traumasensible Haltung, die sowohl auf die Betroffenen als auch auf AktivistInnen, Fachpersonal und Arbeitsteams stärkend und entlastend wirkt. Trauma-Dynamiken wirken über das psychosoziale Handlungsfeld hinaus bis auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Unterstützung für Gewaltbetroffene muss daher Hand in Hand gehen mit Maßnahmen zur Veränderung von politischen Rahmenbedingungen, Strukturen und gesellschaftlichem Bewusstsein.

[...] In Kriegs- und Konfliktgebieten ist die Bevölkerung einer Vielzahl von belastenden Erfahrungen und Stressoren ausgesetzt, die eine existenzielle Bedrohung der körperlichen und psychischen Unversehrtheit bedeuten, Betroffene erleben extreme Hilflosigkeit und Ohnmacht. [...] Wie stark und dauerhaft die Folgen sind, hängt nicht nur von der Schwere der traumatischen Erlebnisse und der Persönlichkeit der Überlebenden ab, sondern ganz wesentlich auch von den Erfahrungen, die die Betroffenen danach machen. [...]

Keine Anerkennung der Menschenrechtsverletzung, keine angemessene Unterstützung

Frauen und Mädchen erleben in Kriegs- und Postkonfliktkontexten besonders häufig geschlechtsspezifische Gewalt. [...] Viele dieser Erfahrungen führen zu Traumafolgereaktionen, Depressionen oder psychosomatischen Erkrankungen. Auch in der Postkonfliktzeit bleibt das Ausmaß an alltäglicher Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Regel hoch und es fehlt die gesellschaftliche Anerkennung für die Menschenrechtsverletzungen, die sie erfahren haben. Häufig werden sie sogar für das, was passiert ist, verantwortlich gemacht und es wird ihnen Solidarität und Unterstützung verweigert. Anstatt zur Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt beizutragen, fördern politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen die Gewalt oftmals, etwa durch eine ungleiche Machtverteilung zwischen den Geschlechtern auch in Friedenszeiten, unzureichende Gesetzgebungen oder politische und gesellschaftliche Tabuisierung.

Finden Gewaltüberlebende die Kraft und den Mut Hilfe zu suchen, [...] erfahren sie [...] häufig keine angemessene Behandlung und Begleitung. Nicht selten werden sie aufgrund ihrer Gewalterfahrung und den daraus resultierenden psychischen Problemen diskriminiert. Neben einem generellen Mangel an Unterstützungsangeboten in Kriegs- oder Postkonfliktregionen liegen die Ursachen dafür zum einen darin, dass AnsprechpartnerInnen, Fachkräften und AktivistInnen Grundkenntnisse zu den Folgen und Verarbeitungsbedingungen traumatischer Erfahrungen fehlen, die ihre KlientInnen und PatientInnen, aber auch sie selbst und ihre Familien betreffen. Zum anderen sind sowohl sexualisierte Gewalt als auch psychische Probleme oft tabuisiert und stigmatisiert. So treffen die Hilfesuchenden auf ein überfordertes und manchmal auch ablehnendes Gegenüber, das sie entwertet oder entmündigt und damit schlimmstenfalls retraumatisiert. Um angemessene Unterstützung zu ermöglichen und weitere Gewalt zu verhindern sind daher Aufklärung und die gesellschaftliche Enttabuisierung speziell von sexualisierter Gewalt ebenso notwendig wie eine stress- und traumasensible Haltung unter Fachkräften und Aktivistinnen.

Stress- und Traumasensibilität im Empowerment von Frauen

Traumasensibilität kommt bei der Förderung von gleichberechtigter Teilhabe von Frauen an der gesellschaftlichen Entwicklung in Kriegs- oder Postkonfliktgebieten eine besondere Bedeutung zu. Häufig brennt sich das Ohnmachtsgefühl bei den Frauen und Mädchen ein, das sie bei traumatischen Ereignissen erfahren haben. Infolgedessen empfinden sie oftmals eine geringe Selbstwirksamkeit, ihr Selbstwertgefühl ist herabgesetzt oder sie leiden an extremer Kraftlosigkeit. Daher ist es für sie schwer möglich, sich in gesellschaftliche Prozesse in ihrem Umfeld einzubringen, oder für ihre Rechte und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen einzutreten.

Fühlen die betroffenen Frauen und Mädchen sich jedoch mit ihren schmerzlichen Erlebnissen angenommen, kann diese Erfahrung für sie sehr kraftspendend sein. Traumasensibilität bedeutet daher auch, entwicklungspolitische und Menschenrechtsarbeit so zu gestalten, dass sie das verübte Unrecht als Menschenrechtsverletzung anerkennt, wenn Betroffene ihre Erfahrungen mutig offenbaren. Erhalten sie zudem die Möglichkeit, dem Schmerz einen sinnstiftenden Erklärungsrahmen zu geben, indem sie in Gemeinde- und Projektarbeit aktiv werden und andere Menschen, besonders auch andere Überlebende, solidarisch unterstützen, können sie das Ohnmachtsgefühl überwinden. Stärkung und Solidarität zu erleben kann sich langfristig positiv auf die Widerstandskraft (Resilienz) der Überlebenden auswirken. [...]

Stress- und Traumasensibilität als Grundhaltung

Gewalt im Kontext von Kriegen und Konflikten hat Folgen auf verschiedenen Ebenen. Insbesondere im Bereich der psychischen und physischen Gesundheit, auf sozialer, ökonomischer und auf rechtlicher Ebene werden Menschen in Kriegs- und Postkonfliktgebieten Unterstützung und Hilfe suchen. Der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® kann auf diesen verschiedenen Ebenen angewendet werden, ohne dass es sich um einen klinischen Arbeitsansatz handelt, in dem die Diagnostik und Therapie der traumatischen Erfahrung in den Mittelpunkt gestellt werden. Vielmehr geht es darum, dass die Mitglieder der Unterstützungssysteme eine Haltung und Fachlichkeit entwickeln, welche die Menschen, mit denen sie zu tun haben, grundsätzlich stärkt und stabilisiert – basierend auf dem Wissen um die zerstörerischen Folgen von Gewalt und anderen Menschenrechtsverletzungen. Da im Kontext von Krieg und Konflikt auch ganze Teams und Unterstützungsorganisationen von Traumadynamiken betroffen sein können, ist die Umsetzung einer stress- und traumasensiblen Haltung nicht nur im Kontakt mit Gewaltüberlebenden wesentlich, die Unterstützung suchen. Sie kann auch im Umgang mit MitarbeiterInnen und KollegInnen Anwendung finden. Traumasensibilität leistet dann einen Beitrag dazu, dass Teams langfristig konstruktiv zusammenarbeiten und Organisationen nicht durch destruktive Dynamiken wie Fraktionsbildung oder häufige Konflikteskalation destabilisiert werden. [...]

Sie finden den Beitrag in voller Länge in unserer Fachbroschüre (S. 22)


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