Von einem stabilen Staat, in dem Frauen gleichberechtigt und sicher leben können, ist Afghanistan nach wie vor weit entfernt. Heute, nach 15 Jahren internationalem Militäreinsatz, zeigt sich ein ernüchterndes Bild: Die Zahl der getöteten oder verletzten Zivilisten war 2016 so hoch wie nie. Laut einer UN-Studie wurden rund 3.500 Menschen getötet und 7.920 verletzt.

Frauenrechte in Afghanistan - Anstieg von Gewalt

Wirtschaftlich geht es dem Land extrem schlecht, die Armut wächst, während die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft schwindet. Besonders betroffen sind davon Frauen und Mädchen.  Fundamentalistische Kräfte erstarken und Errungenschaften für Frauenrechte stehen auf dem Spiel.

Vor allem in Familien und Dorfgemeinschaften kommt es immer wieder zu Lynchmorden oder Steinigungen. Frauen werden vergiftet, gefoltert, unterdrückt. Die in jüngster Vergangenheit verabschiedeten Gesetze zum Schutz von Frauen vor Gewalt werden im Alltag der patriarchalen Kultur nicht konsequent eingehalten.

Häufige Folgen der gewaltsamen Unterdrückung und Entrechtung von Frauen in Afghanistan: Psychosomatische Krankheiten und Depressionen bis hin zur Selbsttötung. Trotz ihrer schwierigen und äußerst gefährlichen Situation erheben jedoch immer mehr Frauen ihre Stimme – gegen die Ungerechtigkeit und für politische Mitsprache in ihrer Heimat.

Sieben Fakten über Frauenrechte in Afghanistan:

  • Laut UN Women werden 60 Prozent aller Ehen unter Zwang geschlossen, die meisten Frauen sind nicht einmal 16 Jahre alt.
  • Mehr als die Hälfte der Gefängnisinsassinnen sind wegen sogenannter moralischer Verbrechen inhaftiert: Sie werden wegen Ehebruchs angeklagt, sind aber in den meisten Fällen Opfer von Vergewaltigung oder Zwangsprostitution.
  • Für viele Afghaninnen ist Selbsttötung der letzte Ausweg aus allumfassender seelischer wie körperlicher Gewalt. Suizide durch Verbrennung sind verbreitet in Afghanistan.
  • Zwar haben Frauen auf dem Papier gleiche Rechte – seit 2009 gibt es sogar ein Gesetz zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen. In der Praxis setzen Richter dies aber nur selten um. Ein selbst bestimmtes Leben außerhalb der Familie ist für Afghaninnen kaum möglich.
  • Durchschnittlich bekommt jede Frau 5,3 Kinder in ihrem Leben. 51 Prozent der Geburten werden von Hebammen und ÄrztInnen begleitet.
  • Afghanistan hat mit schätzungsweise 400 Fällen bei 100.000 Lebendgeburten eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten der Welt – in Deutschland sind es vergleichsweise vier bis fünf Fälle. Ursachen der Müttersterblichkeit sind oft das junge Alter, Vitaminmangel und schlechte medizinische Versorgung der Schwangeren.
    Auch die Kindersterblichkeitsrate ist eine der höchsten der Welt – eines von 18 Kindern stirbt vor seinem fünften Lebensjahr.
  • Nur 15 Prozent der Frauen können lesen, bei den Männern sind es immerhin 49 Prozent.
Teamgespräch der Rechtsberaterinnen bei Medica Afghanistan. Copyright: Elissa Bogos/medica mondiale
Teamgespräch bei Medica Afghanistan.

medica mondiale und Medica Afghanistan

Seit Anfang 2002 engagiert sich medica mondiale für Frauen und Mädchen in Afghanistan mit verschiedenen Projekten. Von 2011 an setzten die afghanischen Kolleginnen die Arbeit in eigener Regie fort – dazu wurde die afghanische Nichtregierungsorganisation Medica Afghanistan - Women Support Organisation in Kabul gegründet. medica mondiale kooperiert weiterhin eng mit Medica Afghanistan und steht der afghanischen Frauenorganisation finanziell und beratend zur Seite.

Frauenrechtsarbeit an drei Standorten in Afghanistan

Zusammen unterstützen die beiden Organisationen von Gewalt betroffene Afghaninnen mit psychosozialer Beratung, Weiterbildungen und Rechtshilfe. Die Arbeit konzentriert sich auf die Städte Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif.

In Afghanistan hat sich die Sicherheitslage seit Beginn des Abzugs der internationalen Streitkräfte rapide verschlechtert. Frauen und Mädchen sind im Kontext dieser Krise besonders von Gewalt betroffen.

(Stand: 2016)

Projektregion: Kabul, Herat, Mazar-i-Sharif

Maßnahmen und Ziele: Traumasensible Unterstützung, Rechtsberatung, Bekämpfung von Folter und Misshandlung, Förderung von Frauenrechten durch Advocacy, Transnationales Gesundheitstrainingsprogramm

Finanzierung: Auswärtiges Amt, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo), Europäische Kommission, Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Schweiz (DEZA), Medica Afghanistan, private Spenden

Projektkosten 2016: 662.343 Euro für Medica Afghanistan

2016 setzte Medica Afghanistan neben psychosozialer und rechtlicher Beratung für mehr als 3.000 Frauen verstärkt auf Aufklärung und politische Menschenrechtsarbeit. Rund 300 StaatsanwältInnen, RichterInnen, PolizistInnen und religiöse Autoritäten wurden in Workshops zu Frauenrechten, Gewaltfolgen und Stress- und Traumasensibilität geschult. In 112 Gerichtsfällen gelang es den Anwältinnen von Medica Afghanistan, die Anwendung des EVAW-Gesetzes durchzusetzen und so die Lage der Frauen zu verbessern. Zudem setzte sich die Organisation gegenüber Behörden und Parlament für die Umsetzung und Verteidigung des Gewaltschutzgesetzes ein. Ein groß angelegtes Trainingsprogramm soll den von medica mondiale entwickelten stress- und traumasensiblen Ansatz in Krankenhäusern in drei Provinzen verankern.

1.614 Frauen und Mädchen in Afghanistan wurden durch rechtliche Beratung, Vertretung vor Gericht und Mediation unterstützt

1.413 Frauen erhielten psychosoziale Beratung

Quelle: Jahresbericht 2016

Beratungszentrum von Medica Afghanistan. Copyright: Lizette Potgieter
Beratungszentrum von Medica Afghanistan.

Psychosoziales Beratungsprogramm:

  • In Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif bietet Medica Afghanistan Beratungen für Frauen an, die unter psychischen und körperlichen Folgen von sexualisierter und anderer Gewalt leiden. In regelmäßigen Gesprächsgruppen und Einzelsitzungen können die Frauen ihre Traumata aufarbeiten und zu neuem Lebensmut zurück finden.
  • Medica Afghanistan hat in mehreren Kabuler Stadtteilen Beratungsräume eingerichtet, um möglichst vielen Frauen eine psychosoziale Unterstützung in ihrer Nähe und einen Treffpunkt an einem geschützten Ort zu bieten.
  • Um Nachhaltigkeit zu gewährleisten, entwickelte Medica Afghanistan 2014 ein neues Konzept: Unter Anleitung ehemaliger Medica Afghanistan-Klientinnen kommen Frauen in Selbsthilfegruppen zusammen, wo sie über Probleme oder Gewalterfahrungen sprechen können und sich zu ihren Rechten austauschen. Die Klientinnen, die diese Gruppen gestalten, werden so in ihrer Autonomie gestärkt. Sie erleben, dass sie selbst Veränderungen bewirken können. 

Rechtshilfeprojekt:

  • Das Rechtshilfeprojekt von Medica Afghanistan bietet allgemeine Rechtsberatung für Frauen sowie Strafverteidigung von inhaftierten Frauen vor Gericht. Die afghanischen Anwältinnen setzen sich dafür ein, dass inhaftierte Frauen ein gerechtes Verfahren erhalten und beraten darüber hinaus auch in Zivilrechtsfällen beispielsweise bei Scheidungs- und Sorgerechtsfragen. Des Weiteren führen die Anwältinnen und Sozialarbeiterinnen von Medica Afghanistan Vermittlungsgespräche zwischen Frauen und ihren Familienangehörigen durch, um familiäre Konfliktsituationen – häufig Ursache für die Inhaftierung von Frauen – zu entschärfen und dadurch ein Gerichtsverfahren und eine Verurteilung bereits im Vorfeld verhindern.
  • In Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif gibt es dafür Mediations-Räume.

Politischer Einsatz:

  • Die zentrale politische Forderung von Medica Afghanistan lautet: Die gesetzlich verbrieften Rechte von Frauen müssen im Alltag umgesetzt werden.
  • Daher setzt sich Medica Afghanistan auf politischer und gesellschaftlicher Ebene kontinuierlich für die Umsetzung und Verwirklichung gleicher Rechte für Frauen in Afghanistan ein.
  • In Kooperation mit nationalen und internationalen Frauen- und Menschenrechtsorganisationen will Medica Afghanistan erreichen, dass das Gesetz gegen Gewalt an Frauen (EVAW Law) Anwendung findet. Im Dezember 2014 organisierte Medica Afghanistan eine Konferenz zu diesem Gesetz. Ebenso setzt sich die Organisation für eine Reformierung des Familienrechts ein und gegen Zwangsehen sowie Kinderheiraten.
  • In Deutschland setzten wir uns dafür ein, dass Afghanistan weiterhin öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wurde und auf der politischen Agenda blieb.

Schulung medizinischen und psychosozialen Fachpersonals:

  • Medica Afghanistan trainiert afghanische Fachfrauen, die in medizinischen und psychosozialen Berufen tätig sind. Das Ziel: eine verbesserte und trauma-sensitive Behandlung von Frauen, die an den Folgen von Gewalt leiden.
  • Afghanische Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen lernen in den Fortbildungen mehr über Trauma und Retraumatisierung, Psychosomatik und traumasensible Untersuchungs- und Behandlungsmethoden. Auch die Vorbeugung vor eigener Überbelastung spielt eine wichtige Rolle. Die Teilnehmerinnen lernen, wie sie ihre eigenen Kräfte durch den intensiven Kontakt mit traumatisierten Patientinnen schonen können. Gleichzeitig erfahren sie, wie eine indirekte Traumatisierung, bei der die Helfenden selbst Traumasymptome entwickeln, vermieden werden kann. Zusätzlich bietet Medica Afghanistan in den Krankenhäusern Vorträge an, die auch das männliche Personal auf die besondere Situation von Frauen aufmerksam machen sollen.

Aufklärungsarbeit:

  • Um Gewalt an Frauen per Gesetz zu verhindern, hat sich Medica Afghanistan zum Ziel gesetzt, Gesellschaft und Justiz über das EVAW Gesetz zu informieren und für seine Akzeptanz zu werben.
  • Medica Afghanistan klärt Familien, Gemeinden und Richter über die Folgen von Kinder- und Zwangsverheiratungen auf.
  • Mittels Radiosendungen zu Themen wie Trauma, Trauer und Depression klärt Medica Afghanistan über die Folgen von Gewalt gegen Frauen auf.
  • Medica Afghanistan führt Schulungen mit PolizistInnen zum Thema Gewalt gegen Frauen und Menschenrechte durch. Sichtbare Auswirkungen sind, dass die Polizei vermehrt Fälle von Gewalt in der Familie an das Rechtshilfe-Team von Medica Afghanistan überweist. Auch GefängniswärterInnen werden über die völkerrechtlich verbindlichen Vorschriften zur Behandlung von Gefangenen aufgeklärt und auf die spezielle Situation von inhaftierten Frauen aufmerksam gemacht.

(Stand: 2016)