Die Länder der Mano-River-Region, wozu neben Liberia auch Sierra Leone und die Elfenbeinküste gehören, sind Teil eines regionalen Konfliktsystems. Jahrzehnte von Gewalt, Aufständen und politischer Instabilität haben die Region geprägt. In allen Konflikten hat es ein großes Ausmaß an sexualisierter Gewalt gegeben. Bis heute ist geschlechtsspezifische Gewalt weit verbreitet. Während die Täter meist straffrei ausgehen, haben die Überlebenden kaum Zugang zu Unterstützung und Schutz und werden zudem oft stigmatisiert.

Zahlreiche Frauenorganisationen setzen sich in der Mano-River-Region für die Rechte und den Schutz von Frauen und Mädchen ein. Um ihre Arbeit zu unterstützen, fördert medica mondiale mehrere Partnerinnen in der Region.

Die längste Partnerschaft besteht mit medica Liberia, die seit 2006 von medica mondiale gefördert wurde und sich seit 2015 als unabhängige und inzwischen größte und bekannteste Frauenrechtsorganisation in Liberia im Südosten und in der Hauptstadtregion für Frauen und Mädchen einsetzt.

Seit 2018 werden zudem verschiedene Projekte in Sierra Leone und der Elfenbeinküste gefördert und untereinander vernetzt. Im Verbund können Frauen ihren politischen Einfluss erhöhen und ihre Gesellschaften nachhaltig verändern.

Liberia – sexualisierte Gewalt als Erbe des Bürgerkriegs

Erst 14 Jahre Bürgerkrieg, 2014 dann die Ebola-Epidemie – nur mühsam findet Liberia zur Normalität zurück. Ein Erbe des Krieges und gesamtgesellschaftliches Problem ist die hohe sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Aus Scham und Angst vor Ausgrenzung zeigen Frauen eine Vergewaltigung nur selten an. Wenn doch, gehen die Täter meist straffrei aus. Das Justizwesen ist ineffizient, die Korruption groß. Hinzu kommen frauenfeindliche Traditionen. Es fehlt an Wissen zu den bestehenden Gesetzen ebenso wie an Verständnis dafür, dass es sich bei den Übergriffen um gravierende Menschenrechtsverletzungen handelt.

  • Während des Bürgerkrieges wurden in Liberia von 1989 bis 2003 nach UN-Schätzungen mindestens 40.000 Frauen vergewaltigt.
  • Oftmals waren die Frauen Gruppenvergewaltigungen, sexueller Folter und Verstümmelungen ausgesetzt, ausgeübt von Beteiligten aller Kriegsparteien in Liberia.
  • Schätzungsweise 40 Prozent der rund 53.000 KämpferInnen in Liberia waren KindersoldatInnen, ungefähr 2.000 davon Mädchen. KindersoldatInnen sind fast immer von sexueller Ausbeutung betroffen.
  • Auf psychosoziale Betreuung oder medizinische Versorgung können vergewaltigte Frauen höchst selten zurückgreifen. Gerade Teenager-Schwangerschaften sind ein großes Problem. Laut UNFPA sind drei von fünf jungen Frauen in Liberia sind mit 19 Jahren bereits Mutter.

Sierra Leone – Akzeptanz weiblicher Genitalverstümmelung und mangelnder Bildungszugang

  • Weibliche Genitalverstümmelung ist in Sierra Leone sehr weit verbreitet. Sie wird als gängige Praxis akzeptiert und öffentlich als Teil der patriarchalen Kultur befürwortet. Über 80 Prozent der Frauen in Sierra Leone wurden beschnitten.
  • Über die Hälfte der Mädchen können nicht lesen und schreiben. Ein im Jahr 2015 eingeführtes Gesetz verbietet es schwangeren Mädchen zur Schule zu gehen. Obwohl das Gesetz verfassungswidrig ist betrifft es ein Drittel der unter 18-jährigen Mädchen.

Elfenbeinküste – Stigmatisierung nach Vergewaltigung und illegale Beschneidungen

  • Seit 1998 ist Genitalverstümmelung in der Elfenbeinküste verboten, doch das Verbot wird nicht aktiv durchgesetzt und weibliche Genitalverstümmelung heimlich weiter durchgeführt. 38 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind laut Terre des Femmes betroffen.
  • Überlebende sexualisierter Gewalt werden stigmatisiert und nach einer Vergewaltigung oft zur Schuldigen deklariert, isoliert und geächtet.

(Stand: 2019)

Aus der Praxis:

Während der 16-tägigen Proteste gegen sexualisierte Gewalt in Liberia nahmen über 300.000 Menschen an den Sit-Ins teil.

540 Mädchen nahmen an den von Medica Liberia initiierten Girls Clubs teil. Die Teilnehmerinnen haben ihr Wissen in einem „Peer-to-Peer“-Programm an 1346 weitere Mädchen weitergegeben.

Bitte unterstützen Sie diese Arbeit mit Ihrer Spende!

Partnerorganisationen:
Liberia: Medica Liberia
Elfenbeinküste: CEF-CI, WANEP-CI

Projektregionen:
Liberia: Grand Gedeh County, Sinoe County, Montserrado und Marghibi Counties (Monrovia)
Elfenbeinküste: Gemeinde Abobo und Gemeinde Niakara

Projektschwerpunkte:

  • Traumasensible und geschlechtsspezifische Ansätze in der psychosozialen Arbeit
  • Gesundheitsarbeit und Rechtsberatung für Überlebende sexualisierter Gewalt
  • Aus- und Weiterbildung staatlicher Dienstleister zu stress- und traumasensibler Unterstützung 
  • Förderung gemeindebasierter Strukturen zu Prävention und Schutz
  • Lobby-/Aufklärungsarbeit

Finanzierung (Mittelgeber):
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)
Welthungerhilfe
Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ)
Fondation Pro Victimis
Medicor Foundation
Stiftung Anne-Marie Schindler
Spenden

 

Quelle: Jahresbericht 2018

Übersicht über alle Partnerorganisationen von medica mondiale

Fotogalerie 25 Jahre medica mondiale

Geschulte Beraterinnen helfen den Frauen dabei, neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Copyright: Rendel Freude
Geschulte Beraterinnen helfen den Frauen dabei, neue Lebensperspektiven zu entwickeln.

Solidar-Netzwerk gegen Gewalt

In den abgelegenen Provinzen des liberianischen Südostens wissen Frauen und Mädchen oft nicht, wohin sie sich im Fall von Gewalt wenden können. Medica Liberia hat deswegen ein breites Unterstützungs- und Schutznetz aufgebaut, das Frauen auch in entlegenen Gemeinden zeitnah Hilfe bietet. Es werden auf Dorfebene freiwillige Ansprechpartnerinnen zu Dorfberaterinnen für diese Frauen ausgebildet. Erfährt die Polizei von einem Gewaltfall, überweist sie die Betroffene an Medica Liberia oder bittet eine der Kolleginnen um Unterstützung. Die Dorfberaterinnen vermitteln auch zwischen der betroffenen Frau und ihren Familienmitgliedern und beziehen die Dorfältesten in die Lösung von Konflikten mit ein. Viele Dorfälteste, die für die traditionelle Schlichtung verantwortlich sind, stellen sich inzwischen immer häufiger auf die Seite der Frauen und unterstützen eine Anzeige vor Gericht.

In gravierenden Fällen vermitteln die freiwilligen Helferinnen die Überlebenden von Vergewaltigung an das Team von Medica Liberia in den Provinzhauptstädten. Je nach Bedarf erhalten die betroffenen Frauen dann psychosoziale, rechtliche oder gesundheitliche Beratung; bei schweren medizinischen Problemen werden sie ins Krankenhaus begleitet. Im Frauenzentrum der Organisation in Fish Town können sie in einem Schutzhaus vorübergehend Zuflucht finden.

Aufklärung und Schulung zu Gewalt gegen Frauen

Medica Liberia verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen.

Damit  Dorfgemeinschaften Verantwortung für den Schutz von Frauen übernehmen, klärt Medica Liberia die Bevölkerung auf Marktplätzen, in Schulen und Krankenstationen über Menschen- und Frauenrechte und sexualisierte Gewalt auf. Im Rahmen ihres gemeindebasierten Programms leistet Medica Liberia in vielen Dörfern Aufklärungsarbeit, etwa mit der Radiosendung "Kenne Deine Rechte". Hier können DorfbewohnerInnen aunrufen oder per SMS Fragen an eine Rechtsberaterin stellen.

Im Oktober 2018 initiierte medica Liberia zusammen mit dem Liberian Feminist Forum angesichts sexualisierter Übergriffe auf Schulmädchen einen der größten Protestmärsche des Landes und richtete sich mit einer Aufklärungskampagne unter dem Schlagwort #weareunprotected an die Bevölkerung.

Außerdem veranstaltet Medica Liberia Trainings zu Themen wie Gender, Gewalt und Menschenrechte durch und schult Dorfälteste, PolizistInnen, AnwältInnen und RichterInnen im stress- und traumasensiblen Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt.

Im August 2016 startete Medica Liberia ein neues Projekt, das vorsieht, rund um die Hauptstadt Monrovia ein Schutznetzwerk aufzubauen, um die Bevölkerung für das Thema sexualisierte Gewalt zu sensibilisieren und Frauen und Mädchen besser zu schützen. Gezielt werden dabei auch Männer einbezogen, die sich in sogenannten Watch Groups zusammengeschlossen haben, um wegen der oft mangelnden Polizeipräsenz in ihren Vierteln für Sicherheit zu sorgen.

medica mondiale verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen. Copyright: Sabine Fründt
medica mondiale verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen.

Politisches Engagement in Monrovia

Um tiefgreifenden Wandel in Liberia anzustoßen, ist Medica Liberia auch auf politischer Ebene aktiv. In der Hauptstadt Monrovia arbeitet Medica Liberia gemeinsam mit weiteren Organisationen, dem Frauen- und dem Justizministerium an Grundsatzthemen zur Situation von Frauen. Medica Liberia ist Mitglied in der Steuerungsgruppe zu geschlechtsspezifischer Gewalt und hat an der Entwicklung des Gewaltschutzgesetzes und eines liberianischen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 mitgewirkt, durch den Frauen in den Friedensprozess einbezogen werden sollen.

Neue Partnerinnen in der Region

Seit 2018 werden auch Partnerorganisationen in der Elfenbeinküste gefördert. Mit dem „Westafrikanischen Netzwerk für Frieden“ setzt medica mondiale ein Projekt für den Aufbau sogenannter Friedenshütten um. In diesen Hütten bieten qualifizierte Mitarbeiterinnen Beratung für Überlebende sexualisierter Gewalt. Ein weiteres Projekt mit dem „Frauenzentrum für Demokratie und Menschenrechte“ legt den Fokus auf die Bekämpfung von Genitalverstümmelung und der Verheiratung minderjähriger Mädchen. Seit März 2019 arbeitet medica mondiale zudem mit vier neuen Partnerorganisationen in Sierra Leone zusammen.

(Stand: 2018)