Anhaltender Kampf um Frauenrechte in Afghanistan

Nach dem Fall der Taliban im Jahr 2001 begann in Afghanistan eine Phase des Wiederaufbaus, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft weckte. Von einem stabilen Staat, in dem Frauen gleichberechtigt und sicher leben können, ist Afghanistan nach wie vor weit entfernt. Heute, nach 15 Jahren internationalem Militäreinsatz, zeigt sich ein ernüchterndes Bild: Die Zahl der getöteten oder verletzten Zivilisten war 2016 so hoch wie nie. Laut einer UN-Studie wurden rund 3.500 Menschen getötet und 7.920 verletzt.

„Mein Mann behandelt mich jetzt mit Respekt, ihr habt ein Wunder für mich getan.“
Sohra, Klientin von Medica Afghanistan

Frauenrechte in Afghanistan - Anstieg von Gewalt

Wirtschaftlich geht es dem Land extrem schlecht, die Armut wächst, während die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft schwindet. Besonders betroffen sind davon Frauen und Mädchen.  Fundamentalistische Kräfte erstarken und Errungenschaften für Frauenrechte stehen auf dem Spiel.

Vor allem in Familien und Dorfgemeinschaften kommt es immer wieder zu Lynchmorden oder Steinigungen. Frauen werden vergiftet, gefoltert, unterdrückt. Die in jüngster Vergangenheit verabschiedeten Gesetze zum Schutz von Frauen vor Gewalt werden im Alltag der patriarchalen Kultur nicht konsequent eingehalten.

Häufige Folgen der gewaltsamen Unterdrückung und Entrechtung von Frauen in Afghanistan: Psychosomatische Krankheiten und Depressionen bis hin zur Selbsttötung. Trotz ihrer schwierigen und äußerst gefährlichen Situation erheben jedoch immer mehr Frauen ihre Stimme – gegen die Ungerechtigkeit und für politische Mitsprache in ihrer Heimat.

Acht Fakten über Frauenrechte in Afghanistan:

  1. Zwangs- und arrangierte Ehen: Laut UN Women werden 60 Prozent aller Ehen unter Zwang geschlossen. Vier von fünf Ehen sind arrangiert, jede zweite Frau ist bei der Hochzeit jünger als 16 Jahre.
  2. Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung: Laut Zahlen aus 2008 erleben 87 Prozent aller Frauen mindestens eine Form von Gewalt: körperliche, sexualisierte, psychische oder Zwangsheirat.
  3. Inhaftierung aufgrund "moralischer Verbrechen": Mehr als die Hälfte der Gefängnisinsassinnen sind wegen sogenannter moralischer Verbrechen inhaftiert: Sie werden wegen Ehebruchs angeklagt, sind aber in den meisten Fällen Opfer von Vergewaltigung oder Zwangsprostitution.
  4. Suizid als einziger Ausweg: In kaum einem Land auf dieser Welt leben Frauen gefährlicher als in Afghanistan. Schläge, Vergewaltigung und Erniedrigung gehören zum Alltag. Für viele Afghaninnen ist Selbsttötung der letzte Ausweg aus allumfassender seelischer wie körperlicher Gewalt. Suizide durch Verbrennung sind verbreitet in Afghanistan.
  5. Gleiche Rechte meist nur auf dem Papier: Zwar haben Frauen auf dem Papier gleiche Rechte – seit 2009 gibt es sogar ein Gesetz zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen. In der Praxis setzen Richter dies aber nur selten um. Ein selbst bestimmtes Leben außerhalb der Familie ist für Afghaninnen kaum möglich.
  6. Hohe Müttersterblichkeitsrate: Durchschnittlich bekommt jede Frau 5,3 Kinder in ihrem Leben. 51 Prozent der Geburten werden von Hebammen und ÄrztInnen begleitet. Afghanistan hat mit schätzungsweise 400 Fällen bei 100.000 Lebendgeburten eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten der Welt – in Deutschland sind es vergleichsweise vier bis fünf Fälle. Ursachen der Müttersterblichkeit sind oft das junge Alter, Vitaminmangel und schlechte medizinische Versorgung der Schwangeren.
    Auch die Kindersterblichkeitsrate ist eine der höchsten der Welt – eines von 18 Kindern stirbt vor seinem fünften Lebensjahr.
  7. Geringe Alphabetisierungsrate: Nur 15 Prozent der Frauen können lesen, bei den Männern sind es immerhin 49 Prozent.
  8. Erzwungene Jungfräulichkeits-Tests (Virginity-Tests): Obwohl das afghanische Strafgesetzbuch seit 2017 erzwungene gynäkologische Untersuchungen verbietet, werden die Tests von PolizistInnen, RichterInnen und StaatsanwältInnen weiterhin angeordnet. Diese Tests gehören zu den Routineuntersuchungen bei der Aufdeckung sexualisierter Gewalt sowie „moralischer Verbrechen“ wie außerehelichem Geschlechtsverkehr .

„Ich bin so froh, dass es euch alle gibt, die ihr solchen Frauen wie mir helft!“
Sahar S.*, Klientin von Medica Afghanistan (*Name geändert)

Aus der Praxis:

181
von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen hat das Rechtshilfeteam von Medica Afghanistan zwischen 2016 und 2017 vertreten.

In 32 Fällen kam es zu einer Verurteilung der Täter.

Projektregion: Kabul, Herat, Mazar-i-Sharif

Projektschwerpunkte: Advocacy und Lobbyarbeit unter anderem zum Gewaltschutzgesetz (EWAW) und gynäkologischen Zwangsuntersuchungen psychosoziale Arbeit und Rechtsberatung Qualifizierung von Gesundheitsfachkräften Sensibilisierung und Aufklärung zu geschlechtsspezifischer Gewalt

Partnerorganisation: Medica Afghanistan

Finanzierung (Mittelgeber):
Bundesentwicklungsministerium (BMZ)
Auswärtiges Amt (AA)
Stiftung Anne-Marie Schindler
GIZ
Direktion für Entwicklung u. Zusammenarbeit (DEZA)
Spenden/Eigenmittel

Projektkosten 2017: 563.470,44 Euro für Medica Afghanistan

Quelle: Jahresbericht 2017

Übersicht über alle Partnerorganisationen von medica mondiale

Fotogalerie 25 Jahre medica mondiale

Beratungszentrum von Medica Afghanistan. Copyright: Lizette Potgieter
Beratungszentrum von Medica Afghanistan.

Psychosoziales Beratungsprogramm:

  • In Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif bietet Medica Afghanistan Beratungen für Frauen an, die unter psychischen und körperlichen Folgen von sexualisierter und anderer Gewalt leiden. In regelmäßigen Gesprächsgruppen und Einzelsitzungen können die Frauen ihre Traumata aufarbeiten und zu neuem Lebensmut zurück finden.
  • Medica Afghanistan hat in mehreren Kabuler Stadtteilen Beratungsräume eingerichtet, um möglichst vielen Frauen eine psychosoziale Unterstützung in ihrer Nähe und einen Treffpunkt an einem geschützten Ort zu bieten.
  • Um Nachhaltigkeit zu gewährleisten, entwickelte Medica Afghanistan 2014 ein neues Konzept: Unter Anleitung ehemaliger Medica Afghanistan-Klientinnen kommen Frauen in Selbsthilfegruppen zusammen, wo sie über Probleme oder Gewalterfahrungen sprechen können und sich zu ihren Rechten austauschen. Die Klientinnen, die diese Gruppen gestalten, werden so in ihrer Autonomie gestärkt. Sie erleben, dass sie selbst Veränderungen bewirken können. 
Familiäre Konfliktsituationen sind häufig Ursache für die Inhaftierung von Frauen. Copyright: Lizette Potgieter/medica mondiale

Rechtshilfeprojekt:

  • Das Rechtshilfeprojekt von Medica Afghanistan bietet allgemeine Rechtsberatung für Frauen sowie Strafverteidigung von inhaftierten Frauen vor Gericht. Die afghanischen Anwältinnen setzen sich dafür ein, dass inhaftierte Frauen ein gerechtes Verfahren erhalten und beraten darüber hinaus auch in Zivilrechtsfällen beispielsweise bei Scheidungs- und Sorgerechtsfragen. Viele Frauen hören dann zum ersten Mal, dass auch sie Rechte haben. Des Weiteren führen die Anwältinnen und Sozialarbeiterinnen von Medica Afghanistan Vermittlungsgespräche zwischen Frauen und ihren Familienangehörigen durch, um familiäre Konfliktsituationen – häufig Ursache für die Inhaftierung von Frauen – zu entschärfen und dadurch ein Gerichtsverfahren und eine Verurteilung bereits im Vorfeld verhindern.
  • In Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif gibt es dafür Mediations-Räume.

Politischer Einsatz:

  • Die zentrale politische Forderung von Medica Afghanistan lautet: Die gesetzlich verbrieften Rechte von Frauen müssen im Alltag umgesetzt werden.
  • Daher setzt sich Medica Afghanistan auf politischer und gesellschaftlicher Ebene kontinuierlich für die Umsetzung und Verwirklichung gleicher Rechte für Frauen in Afghanistan ein.
  • In Kooperation mit nationalen und internationalen Frauen- und Menschenrechtsorganisationen will Medica Afghanistan erreichen, dass das Gesetz gegen Gewalt an Frauen (EVAW Law) Anwendung findet. Im Dezember 2014 organisierte Medica Afghanistan eine Konferenz zu diesem Gesetz. Ebenso setzt sich die Organisation für eine Reformierung des Familienrechts ein und gegen Zwangsehen sowie Kinderheiraten.
  • In Deutschland setzten wir uns dafür ein, dass Afghanistan weiterhin öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wurde und auf der politischen Agenda blieb.

Schulung medizinischen und psychosozialen Fachpersonals:

  • Medica Afghanistan trainiert afghanische Fachfrauen, die in medizinischen und psychosozialen Berufen tätig sind. Das Ziel: eine verbesserte und trauma-sensitive Behandlung von Frauen, die an den Folgen von Gewalt leiden.
  • Afghanische Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen lernen in den Fortbildungen mehr über Trauma und Retraumatisierung, Psychosomatik und traumasensible Untersuchungs- und Behandlungsmethoden. Auch die Vorbeugung vor eigener Überbelastung spielt eine wichtige Rolle. Die Teilnehmerinnen lernen, wie sie ihre eigenen Kräfte durch den intensiven Kontakt mit traumatisierten Patientinnen schonen können. Gleichzeitig erfahren sie, wie eine indirekte Traumatisierung, bei der die Helfenden selbst Traumasymptome entwickeln, vermieden werden kann. Zusätzlich bietet Medica Afghanistan in den Krankenhäusern Vorträge an, die auch das männliche Personal auf die besondere Situation von Frauen aufmerksam machen sollen.

Aufklärungsarbeit:

  • Um Gewalt an Frauen per Gesetz zu verhindern, hat sich Medica Afghanistan zum Ziel gesetzt, Gesellschaft und Justiz über das EVAW Gesetz zu informieren und für seine Akzeptanz zu werben.
  • Medica Afghanistan klärt Familien, Gemeinden und Richter über die Folgen von Kinder- und Zwangsverheiratungen auf.
  • Mittels Radiosendungen zu Themen wie Trauma, Trauer und Depression klärt Medica Afghanistan über die Folgen von Gewalt gegen Frauen auf.
  • Medica Afghanistan führt Schulungen mit PolizistInnen zum Thema Gewalt gegen Frauen und Menschenrechte durch. Sichtbare Auswirkungen sind, dass die Polizei vermehrt Fälle von Gewalt in der Familie an das Rechtshilfe-Team von Medica Afghanistan überweist. Auch GefängniswärterInnen werden über die völkerrechtlich verbindlichen Vorschriften zur Behandlung von Gefangenen aufgeklärt und auf die spezielle Situation von inhaftierten Frauen aufmerksam gemacht.

(Stand: 2017)