Seit 1. November 2016 besteht der geschäftsführende Vorstand von medica mondiale (v.l.n.r.): Dr. Monika Hauser (Vorstandsvorsitzende)
Elke Ebert (Geschäftsführender Vorstand Finanzen & Personal)
Sybille Fezer (Geschäftsführender Vorstand Programme)

Ein Jahr der Entwicklung - Bericht des Vorstandes 2017

2017 hat medica mondiale viel bewegt – im Innen wie Außen. Mit Forderungen für eine feministische Außen-, Sicherheits- und Asylpolitik haben wir zur Bundestagswahl klar Position bezogen. Unser Anliegen, Stress- und Traumasensibilität auch in die staatliche Entwicklungszusammenarbeit zu tragen, konnten wir in einem Projekt mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) voranbringen. Auf Vereinsebene haben wir mit Präsidium und geschäftsführendem Vorstand eine neue Struktur geschaffen, die den gestiegenen Herausforderungen der Arbeit in komplexen Konflikten Rechnung trägt.

Stress- und traumasensible Entwicklungszusammenarbeit

Lange hat medica mondiale dafür gekämpft, dass die Bundesregierung das strategische Ziel „Überlebende sexueller Gewalt durch psychosoziale Ansätze begleiten, fördern und stärken, um ihre Mitwirkung am Wiederaufbau zu ermöglichen“ in ihre Entwicklungspolitik aufnimmt. Mit Erfolg: Der neue Gender-Aktionsplan des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) sieht sogar konkret vor, einen traumasensiblen Ansatz zu entwickeln. medica mondiale wurde angefragt, Ansatzpunkte zu identifizieren und konzeptionelle Grundlagen zu schaffen, um den stress- und traumasensiblen Ansatz so mit bestehenden Strukturen und Konzepten der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) zu verknüpfen, dass sich Stress- und Traumasensibilität langfristig als Grundhaltung bei den Mitarbeitenden und Organisationen etabliert.

Im Juli startete dazu ein Pilotprojekt mit der GIZ. In zahlreichen Gesprächen mit Verantwortlichen von GIZ, BMZ, Zivilem Friedensdienst, KfW und der Akademie für Internationale Zusammenarbeit sowie Trainings in Deutschland und in Jordanien zeigte sich deutlich, dass das Thema für alle AkteurInnen hoch relevant ist. Denn eine hohe Arbeitsbelastung und die Auswirkungen von Stress und Trauma auf Teams und Organisationen gefährden nicht nur die Menschen in den Krisenregionen, sondern auch die Mitarbeitenden und so letztlich die Wirksamkeit entwicklungspolitischer Maßnahmen. Unser Ansatz überzeugte durch sein ganzheitliches Konzept, das alle Ebenen anspricht und sowohl Selbstfürsorge als auch unterstützende Organisationsstrukturen umfasst.

Mit dem Projekt trägt medica mondiale nicht nur dazu bei, staatliche EZ wirksamer und gendersensibler zu machen. Es vermittelt auch unser Trauma-Konzept, das Traumafolgen nicht individuell und symptomorientiert „behandelt“, sondern als schwere Menschenrechtsverletzungen, für die die Gesellschaft, die das Trauma verursacht, auch bei deren Bewältigung in die Verantwortung genommen wird.

Im nächsten Schritt wird geprüft, wie Teile des Konzeptes langfristig in die staatliche EZ integriert werden können.

Regionsübergreifende Programme

Ein Beispiel für die inhaltliche Entwicklung unserer Arbeit sind länderübergreifende Programme, die sich auf einen Sektor konzentrieren und durch den Austausch zwischen Partnerorganisationen gemeinsame Lernprozesse fördern. In Bosnien und Herzegowina und Afghanistan wird seit 2015 mit Medica Zenica und Medica Afghanistan ein solches Programm im Gesundheitsbereich umgesetzt. 2018 sollen der Nordirak und Kosovo hinzukommen. So verschieden diese Länder auch sind, gemeinsam ist ihnen, dass von Gewalt betroffene Frauen in Gesundheitseinrichtungen häufig keine adäquate Aufnahme und Behandlung erfahren. Das Programm zielt daher darauf ab, den stress- und traumasensiblen Ansatz in staatliche Strukturen zu integrieren, damit Gewaltüberlebende dort künftig kompetente und empathische Unterstützung finden.

Im Vorfeld erfolgten sorgfältige Grundlagenstudien, um den Wissensstand der Gesundheitskräfte zu erheben und Schwachstellen im System zu identifizieren. Anschließend wurden Fachkräfte aus Pflege, ÄrztInnenschaft und anderen Bereichen in mehrtägigen Kursen zu Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt, Trauma und Selbstfürsorge geschult und ReferentInnen ausgebildet. Sie sollen die Trainings künftig weiterführen und so das Wissen vor Ort verankern. Ebenso wichtig ist zudem der Austausch mit EntscheidungsträgerInnen, um institutionelle Barrieren wie unzureichende Infrastruktur anzugehen, oder auf Leitungsebene Bewusstsein für das Thema zu wecken.

Strategie für die politische Arbeit

Mit Unterstützung einer externen Beraterin haben wir 2017 die politische Arbeit von medica mondiale in Bezug auf ihre Wirksamkeit sowie ihre Stärken und Schwächen analysiert. Gleichzeitig wurden aktuelle politische Chancen und Risiken abgewogen und neue politische Allianzen in den Blick genommen. Daraus entstand eine Advocacy-Strategie, die konkrete Maßnahmen für die nächsten vier Jahre benennt.

Die zwei wichtigsten Arbeitsfelder sind die Bekämpfung sexualisierter Kriegsgewalt im Rahmen deutscher Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik sowie der Bereich Flucht- und Asylpolitik. Durch Daten und Belege aus eigenen und externen Studien wollen wir zudem unsere Forderungen verstärkt wissenschaftlich untermauern. In der Fach- Advocacy zum stress- und traumasensiblen Ansatz haben wir uns vorgenommen, den immanent politischen Gehalt und die transformative Kraft des Ansatzes deutlicher zu kommunizieren.

Veränderte Vereinsstruktur

Mit dem Erfolg der Arbeit von medica mondiale sind auch die Aufgaben des Vereins in den letzten Jahren stark gewachsen. Die Zahl der Projekte ist auf rund 40 gestiegen, damit auch die Zahl der Mitarbeiterinnen und die Komplexität der Herausforderungen. Der bislang vorwiegend ehrenamtlich tätige Vorstand ist dadurch an die Grenzen der zeitlichen Belastung geraten. Er musste rechtlich verantwortlich sein für eine Organisation mittelständischer Unternehmensgröße.

Mit einer Konsultationsgruppe aus Mitfrauen des Vereins haben wir daher beschlossen, die Vereinsstruktur neu zu ordnen. Künftig gibt es drei hauptamtliche Vorstände, die für die verschiedenen Geschäftsfelder zuständig sind. Mit einem von der Mitgliederversammlung gewählten Präsidium wurde zudem ein starkes Kontrollorgan bestellt. Ein Fachbeirat soll den Vorstand und die Organisation in fachlichen Fragen beraten. Im Oktober 2017 wurden diese Strukturen per Mitgliederbeschluss in eine neue Satzung gegossen.

Ausblick

2018 steht ganz im Zeichen des 25-jährigen Jubiläums von medica mondiale. Mit der Kampagne „Kein Krieg auf meinem Körper“ wollen wir darauf aufmerksam machen, dass Frauen und Mädchen weltweit tagtäglich sexualisierte Gewalt erfahren. Über Veranstaltungen und Publikationen wollen wir andere motivieren, sich mit uns für ein Ende der Gewalt einzusetzen.

In der internationalen Programmarbeit wird medica mondiale ihr Engagement im Irak fortführen und weiterentwickeln. Schwerpunkt wird die Zusammenarbeit mit der kurdischen Frauenrechtsorganisation EMMA sein.

Zur Organisationsentwicklung wollen wir unser Sicherheitsmanagement, das 2017 im Rahmen externer Assessments überprüft wurde, an neue Herausforderungen anpassen. Für ein verbessertes Controlling ist geplant, die Anti-Korruptionsleitlinien zu überarbeiten.