Seit 1. November 2016 besteht der geschäftsführende Vorstand von medica mondiale (v.l.n.r.): Dr. Monika Hauser (Vorstandsvorsitzende)
Elke Ebert (Geschäftsführender Vorstand Finanzen & Personal)
Sybille Fezer (Geschäftsführender Vorstand Programme)

Jubiläumsjahr - Bericht des Vorstandes 2018

25 Jahre medica mondiale – ein Anlass, um zurückzublicken und mit unseren Partnerinnen und Unterstützerinnen zu feiern. Gemeinsam freuen wir uns über das Erreichte und begreifen die 25 Jahre als Meilenstein feministischen Engagements. Doch angesichts der wachsenden Zahl von bewaffneten Konflikten und der weltweit zunehmenden Bedrohung von Frauenrechten bleibt nicht viel Zeit zum Innehalten. Mit der Kampagne „Kein Krieg auf meinem Körper“, mit neuen Projekten, in politischen Verhandlungen und psychosozialen Trainings solidarisieren wir uns mit Frauen und Mädchen weltweit. Wir danken allen, die diesen Weg mit uns gehen.

Neue Akzente in der politischen Arbeit

Unter dem Schlagwort #AidToo war das Thema auf einmal im Fokus der Öffentlichkeit: sexualisierte Gewalt und sexuelle Ausbeutung von hilfebedürftigen Frauen und Kindern durch Mitarbeiter humanitärer Organisationen. War das eine Überraschung? Nein: Wer die Verkettung von Sexismus, Geschlechterdiskriminierung, Ungleichheit, globaler Ungerechtigkeit und post-kolonialen Abhängigkeiten versteht, den wundert das nicht. Je größer die Machtgefälle, desto akuter die Gefahr von Machtmissbrauch: Hier die HelferInnen, oft weiß, wohlhabend und aus dem Globalen Norden, dort lokale Frauen, Männer und Kinder, von Gewaltkonflikten und Naturkatastrophen schwer getroffen.

Nachdem wir in der Vergangenheit immer wieder auf dieses Problem aufmerksam gemacht haben, war #AidToo ein Momentum, um endlich strukturelle Veränderungen voranzubringen: Dafür haben wir uns im Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) eingesetzt, bei dem wir Mitglied sind. Ergebnis ist, dass der Verhaltenskodex von VENRO um das Thema „Prävention von und Umgang mit sexualisierter Gewalt“ erweitert wurde.

Doch sexuelle Ausbeutung beginnt nicht erst in den Einsatzländern, wo Hilfsgüter gegen „Sex“ verkauft werden. Der Nährboden für sexualisierte Gewalt in Krisenregionen sind patriarchale Strukturen weltweit – auch in sogenannten Friedenszeiten. Wo Alltagssexismus herrscht und die Verfügbarkeit weiblicher Körper selbstverständlich erscheint, werden eigene Machtpositionen kaum hinterfragt. Mit unserer im Jubiläumsjahr gestarteten Kampagne „Kein Krieg auf meinem Körper“ machen wir genau auf diese Zusammenhänge aufmerksam.

Was wir uns in unserer Advocacy-Strategie und durch die Eröffnung unseres Büros in Berlin vorgenommen haben, konnten wir erreichen: Wir werden verstärkt als politische Akteurin angefragt und mischen uns ein. 2018 mündete dies in zahlreichen Hintergrundgesprächen, Lobbybriefen, Stellungnahmen, Kommentierungen von Kleinen Anfragen, Reden und Veranstaltungen wie dem parlamentarischen Frühstück zu Feministischer Außen- und Asylpolitik.

Lokale Kompetenzen stärken

Die in der Auslandsstrategie beschlossene Konzentration auf vier Schwerpunktregionen hat sich bewährt. So wurde in der Region der Großen Seen Afrikas ein länderübergreifender Pool von Trainerinnen für psychosoziale Arbeit gebildet. Die Frauen bilden Partnerorganisationen in Burundi und in der Demokratischen Republik Kongo in unserem stress- und traumasensiblen Ansatz STA© aus. So müssen keine Trainerinnen aus Europa einfliegen, was das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen stärkt. Die gemeinsame Förderung von sechs Partnerorganisationen im Südkivu ist ebenfalls wegweisend. Gegenseitige Solidarität, das Lernen voneinander und ein breites zivilgesellschaftliches Engagement gegen geschlechtsbasierte Gewalt werden somit gestärkt. In Westafrika hat nach unserem langjährigen Engagement in Liberia nun auch eine Zusammenarbeit mit Frauenorganisationen in Sierra Leone und der Elfenbeinküste begonnen.

Gleichzeitig wird der Handlungsspielraum für die Zivilgesellschaft weltweit eingeschränkt. Unsere Kolleginnen in den Projektländern sind Überwachung, bürokratischer Überregulierung und struktureller Ausgrenzung ausgesetzt. Hier müssen wir wachsam bleiben und Unterstützung bieten.

Einsatz in Deutschland

Frauen, die vor Gewalt und Krieg geflohen sind, sind oft schwer traumatisiert. Statt Schutz zu erfahren, leiden sie unter unsicheren Bleibeperspektiven und erleben nicht selten neue Gewalt. Fachkräfte, die mit geflüchteten Menschen arbeiten, berichten, dass sie sich im „ständigen Notfallmodus“ fühlen; die besonderen Bedürfnisse von Frauen, die Gewalt erlebt haben, überfordern sie. Um dieser Überforderung zu begegnen, sind wir seit 2015 auch im Inland aktiv. Mit einer Förderung der Aktion Mensch haben wir 2018 ein weiteres, dreijähriges Projekt ins Leben gerufen, bei dem wir mit Fachkräften in Unterkünften arbeiten. Wir sind wichtige Ansprechpartnerinnen, weil wir Expertise in niedrigschwelliger Arbeit mit traumatisierten Frauen und Erfahrung aus Kriegs- und Konfliktländern mitbringen – und dabei immer auch den Selbstschutz für die überlasteten HelferInnen im Blick haben. Wir greifen in die migrations- und asylpolitische Debatte ein, setzen uns für verbesserte Gewaltschutzkonzepte und gegen AnKER-Zentren ein und verurteilen rassistische Tendenzen in der öffentlichen Berichterstattung.

Strategie- und Organisationsentwicklung

2018 haben wir gemeinsam mit unseren Mitarbeiterinnen ein feministisches Führungsleitbild erarbeitet. Weiterhin haben wir mit der der Erarbeitung einer Strategie für unsere Trauma-Arbeit begonnen. Angesichts steigender Anfragen an Trainings gilt es zu priorisieren, Ressourcen strategischer einzusetzen und weitere Fachkonzepte zu erarbeiten. In der Entwicklungszusammenarbeit und Flüchtlingsarbeit breiten sich derzeit Kurzzeittherapieansätze aus, die wir fachlich kritisieren; das macht es umso dringender, diesen einen sozialpolitischen, feministischen psychosozialen Ansatz entgegenzusetzen.

Ausblick

Die Politik muss im Jahr 2019 ihren Absichtserklärungen zu feministischer Außenpolitik Taten folgen lassen. Für den Schwerpunkt „Frauen, Frieden und Sicherheit“, den die Bundesregierung im Rahmen der nichtständigen Mitgliedschaft Deutschlands im UN-Sicherheitsrat gesetzt hat, werden wir unsere Themen weiter einbringen. Auch die Kampagne „Kein Krieg auf meinem Körper“ führen wir fort, um auf die Ausbeutung und Verletzung weiblicher Körper aufmerksam zu machen.