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22. August 2019

Gastbeitrag von Luise Reddemann: Langzeitfolgen sexualisierter Kriegsgewalt

Prof. Luise Reddemann, Fachärztin für psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikerin: "[...] Wir sind heute mehr denn je verantwortlich für Gedenkkultur in einer Gesellschaft, die es sich leisten mag, „Erinnerungsarbeit“ zum Teil als nicht mehr notwendig anzusehen und wenn, Tatbestände zu verharmlosen oder gar zu verdrehen, ohne dass sich Protest regt. Es geht vor allem um Verantwortung für nächste Generationen – transgenerationale Verstrickungen zu erkennen kann nämlich auch entlasten und den Blick auf die Gegenwart schärfen. [...] Hier soll es insbesondere um die Folgen der Vergewaltigung von Frauen am Ende des 2. Weltkriegs gehen."

Schweigen über Vergewaltigungen von Frauen im 2. Weltkrieg wirkt über Generationen

Während die Beschäftigung mit den Folgen des 2. Weltkriegs in Familien zumindest teilweise als durchaus notwendig galt, wurden die Vergewaltigungen von Müttern, Großmüttern, aber auch jungen Mädchen fast durchgängig ver-und beschwiegen. Schlimmer noch bagatellisiert, was die Frauen erneut beschädigte, so wurde beispielsweise [...] von „vergewohltätigen“ gesprochen. [...] Monika Hauser fragt schon seit Jahren eindringlich nach den Folgen der Vergewaltigungen von Frauen Ende des 2. Weltkrieges. Sie fragte nach den Töchtern und Söhnen der 2. Generation, die mit Familiengeheimnissen und Schuld aufgewachsen seien. Und sie fragt nach den Folgen der Nichtbearbeitung und der Verdrängung, vor allem körperliche und psychische Krankheit, Drogenmissbrauch, Suizidversuche und auch neuer Gewalt wie Inzest. [...]

Viele Frauen wagten nicht, über das ihnen zugefügte Leid zu sprechen, obwohl die Erfahrung der Vergewaltigung ihr ganzes Leben lang nicht losgelassen hat. [...] Diese Frauen sahen sich gezwungen, sich vor allem in Verleugnung, Bagatellisieren, in Verdrängung sowie große, aber meist unbewusste Scham zu flüchten. Bei den Töchtern und auch manchen Söhnen spielen diese Mechanismen immer noch eine Rolle, wobei Scham ab der zweiten Generation viel häufiger bewusst zu sein scheint. Das Schweigen der Mütter führte auch zur Verinnerlichung der Schweigegebote durch deren Kinder. [...]

#metoo – Die Geschichte von Frauen darf nicht übergangen werden

Frauen haben seit Jahrtausenden lernen müssen, teils unter Schmerzen, teils aber auch mit List, sich dem Patriarchat und all seinen schlimmen Folgen zu widersetzen. Das lässt sich gut nach dem 2. Weltkrieg beobachten. Durch das Engagement der 68er Frauen und der Frauenbewegung hat sich sehr Vieles zum Besseren verändert. [...] Das sollte fortgesetzt werden, und dazu gehört, dass wir uns um unsere gesamte Geschichte kümmern, auch um die von Frauen. [...]

Es gibt immer wieder Rückschritte, aber doch auch Fortschritte wie etwa die „#metoo“-Initiative zeigt. Hier wird immerhin deutlich, dass Frauen sich ihres eigenen Wertes bewusster werden und bereit sind, dafür einzutreten. Es ist wichtig, dass wir offener werden für die Geschichten der zahllosen Traumatisierungen. Aber wir sollten auch nach der Resilienz fragen, der der direkt Betroffenen ebenso wie der ihrer Kinder und Enkel. Auch wenn das Elend weitergegeben wird, sogar an die 3. Generation, so fanden und finden vor allem Frauen auch Bewältigungsformen im Sinne einer Überlebenskunst. [...]

Über kollektive Traumata zu sprechen verbindet und schenkt Kraft zur Verarbeitung

Heute wird weltweit darüber nachgedacht, die seelischen Schmerzen, die Kriege und Genozide verursachen, verkraftbarer zu machen, indem sie von möglichst vielen geteilt werden. In anderen Ländern mit ähnlichen Erfahrungen wie in Deutschland, z.B. Kambodscha oder Ruanda, wird dieser Weg häufiger beschritten als bei uns. Viele Menschen dort sind gemeinsam bereit, sich mit dem Unvorstellbaren, aber Menschenmöglichen zu konfrontieren und zwar auf Opfer- und Täterseite. Die Erfahrung von Verbundenheit schafft Kraft, um zu verarbeiten und neu zu beginnen.

Sie finden den Beitrag in voller Länge in unserer Fachbroschüre (S. 31)

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