Während unseres mehr als zwanzigjährigen Engagements in Kriegs- und Krisengebieten hat medica mondiale verschiedene Arbeitsmethoden und Standards entwickelt, die sich in der Unterstützungsarbeit mit Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt bewährt haben. Dennoch wissen wir: Politische, ökonomische und soziokulturelle Dynamiken verändern immer wieder die Rahmenbedingungen unseres Einsatzes. Als Organisation reagieren wir darauf, indem wir unsere Arbeitsweise und deren Wirkung hinterfragen und weiterentwickeln.

medica mondiale hat verschiedene Instrumente und Methoden erarbeitet, mit denen wir die Wirkung unserer Projekte regelmäßig beobachten. Zur Wirkungsüberprüfung setzen wir auch externe ExpertInnen ein. So können wir auf mögliche Probleme reagieren und aus Fehlern lernen. Um den Besonderheiten des jeweiligen Kulturraums, in dem wir arbeiten, Rechnung zu tragen, nehmen wir den regionalen Kontext genau in den Blick und konzipieren unsere Bewertungssysteme in enger Abstimmung mit unseren Mitarbeiterinnen und Partnerinnen vor Ort.

Herausforderung Lebenswirklichkeit: Wirkungsbeobachtung am Beispiel Liberia

Auszeiten stärken die Gesundheit. Copyright:medica mondiale Liberia
Auszeiten stärken die Gesundheit.

Seit Beginn unseres Einsatzes im Südosten Liberias 2006 hat medica mondiale ein breites Unterstützungs-Netzwerk aufgebaut. Ihm gehören neben Fachberaterinnen in den Provinzhauptstädten auch Unterstützerinnengruppen auf Gemeindeebene in Form von freiwilligen Beraterinnen in den Dörfern an. Sie alle sind Ansprechpartnerinnen für von Gewalt betroffene Frauen und wurden im trauma-sensiblen Ansatz geschult.

Um ihre Beratungsarbeit fachlich zu begleiten und kontinuierlich zu verbessern, hat medica mondiale Liberia ein zweigliedriges System der Wirkungsbeobachtung entwickelt. Es umfasst die Beurteilungsbereiche Wissen und Selbstfürsorge. Mit ihm können Mitarbeiterinnen und Unterstützerinnen ihre Beratungskompetenzen überprüfen und sicherstellen, dass sie bewährte Vorgehensweisen und Standards berücksichtigen. Gleichzeitig werden sie dazu angeleitet, ihre eigene Arbeit zu reflektieren und auf ihr Wohlergehen zu achten. Denn: Die gesundheitliche Stabilität der Mitarbeiterinnen ist entscheidend für den Beratungserfolg, insbesondere für das wichtige Gefühl von Schutz und Sicherheit. Es macht den Kern unseres trauma-sensiblen Ansatzes aus.

Für beide Bereiche – Wissen und Selbstfürsorge – umfasst die Wirkungsbeobachtung vier Schritte, die aufeinander aufbauen. Um die Instrumente und Methoden für alle Unterstützerinnen anwendbar zu machen, sind sie auf unterschiedlichste Lebens- und Arbeitsbedingungen zugeschnitten. So beinhalten beispielsweise Fragebögen Bilder und Symbole anstatt Text und sprechen auch die Frauen an, die nicht lesen undschreiben können.

Qualitätssicherung unserer Beratungsarbeit

Einstellung, Fähigkeiten, Wissen

Qualitätssicherung unserer Beratungsarbeit. Copyright: medica mondiale
Qualitätssicherung unserer Beratungsarbeit. Zum Vergrößern bitte klicken.

Zunächst überprüfen die Mitarbeiterinnen mit Hilfe kleiner Tests, ob sie die grundlegende Vorgehensweise bei einer trauma-sensiblen Beratung kennen und anwenden können. Auf die Selbstreflexion aufbauend finden monatlich Gruppentreffen statt, bei denen sich die Beraterinnen im Austausch gegenseitig beurteilen. Häufig werden Fallbeispiele besprochen und gemeinsam Lösungen erarbeitet. Als dritter Schritt führen Teamleiterinnen oder externe Fachfrauen in größeren Abständen Gruppenberatungen durch. Dort erhalten Beraterinnen Feedback und Anleitung zur Verbesserung ihrer Beratungsarbeit und erproben diese in Rollenspielen. Wichtig ist, dass Unterstützerinnen diese Gespräche nicht als Kontrolle empfinden, sondern als Hilfe, wie sie ihre wertvolle Arbeit weiterentwickeln können. Schließlich wird die Qualität der Beratung und deren Wirkung von einer externen Evaluatorin überprüft.

Achtsame Organisations- und Selbstfürsorge

Viele Unterstützerinnen haben täglich mit äußerst schmerzvollen Erfahrungen ihrer Klientinnen zu tun, die sie – teilweise selbst Überlebende sexualisierter Gewalt – verarbeiten müssen. Ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen, sowie ein achtsamer Umgang in der Gruppe oder Organisation, sind daher wesentlich für die trauma-sensible Beratungsarbeit. Durch den Beobachtungsbereich der Selbstfürsorge erhalten unsere Mitarbeiterinnen Methoden und Möglichkeiten an die Hand, mit denen sie Ruhe und Abstand zu ihrer Arbeitserfahrung gewinnen können. Dazu gehören in einem ersten Schritt körperliche Entspannungsübungen sowie anschließend regelmäßige Gruppengespräche und Coachings. Dort teilen Beraterinnen ihre Erfahrungen mit Kolleginnen und Fachfrauen, lernen mit Stress umzugehen und erhalten Anleitung zur gegenseitigen Unterstützung.

Auswertung von Haltungsänderungen und gesellschaftlichem Wandel

Mit dem Ziel, die Qualität unserer eigenen Beratungsarbeit zu überprüfen, hat sich diese zweigliedrige Form der Wirkungsbeobachtung bewährt. Schwieriger ist es Faktoren wie „Haltungsänderungen“ oder „Gesellschaftlicher Wandel“ zu erheben. Hat sich durch unsere Arbeit das Selbstbewusstsein der Frauen in der Projektregion verändert, kennen sie ihre Rechte und treten sie für sie ein? Haben sich die Einstellungen gegenüber Frauen im Allgemeinen oder spezifischen Geschlechterrollen verändert?

Für die Projektregion in Liberia können wir manche dieser Fragen beantworten. Eine externe Evaluierung eines Geldgebers konnte 2012 eine deutliche Stärkung der Frauen feststellen. Auch die Haltung von Männern gegenüber Frauen hat sich zum Positiven verändert. Nicht selten treten Männer nun proaktiv für die Rechte von Frauen in ihrer Gemeinde ein. Anerkannt wird außerdem, dass die Mobilisierung von Frauen durch medica mondiale positive Effekte nicht nur für die Frauen, sondern für die ganze Gemeinschaft hat.

Um sexualisierte Gewalt langfristig zu bekämpfen, beziehen wir immer auch staatliche Stellen – etwa Gesundheitsfachkräfte, Polizei und Justiz – mit ein. Regelmäßig überprüfen wir, ob Gewaltfälle entsprechend der vorliegenden Standards dokumentiert werden und Fachkräfte die in unseren Trainings vermittelten Kenntnisse anwenden. 2013 gaben mehr als 98 Prozent der Teilnehmer einer Trainingsgruppe von Gesundheitsfachkräften an, dass sie das neu erlernte Wissen bei ihrer täglichen Arbeit abrufen und umsetzen konnten.