Die zentralafrikanische Region der Großen Seen, die mit der DR Kongo, Ruanda, Burundi und Uganda viele ehemalige und aktuelle Bürgerkriegsländer umfasst, ist ein regionaler Förderschwerpunkt des Projektefonds. Lokale Frauenrechtsorganisationen leisten mit meist sehr geringen Mitteln unverzichtbare Hilfe für Überlebende und ihre Familien. Um ihre Arbeit zu stärken und lokale Ansätze zu fördern, stellt medica mondiale ausgewählten Partnerinnen vor Ort finanzielle und fachliche Unterstützung bereit.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Region Große Seen Afrikas

  • Laut einer amerikanischen Studie aus dem Jahre 2011 wurden in der Demokratischen Republik Kongo bis zu 1,8 Millionen Frauen und Mädchen zwischen 15 und 49 Jahren (ca. 12 Prozent) mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt. Allein im Zeitraum zwischen 2006 und 2007 waren es demnach rund 400 000 Frauen, zwei Drittel davon Kinder unter 18 Jahren, die vergewaltigt wurden. Sogenannte „häusliche Gewalt“, also sexualisierte Gewalt seitens ihrer Ehemänner oder Partner, erlebten rund 35 Prozent aller kongolesischen Frauen.  In der Nord Kivu Provinz waren es laut Europäischem Parlament (2014) sogar 50 Prozent der Frauen. 2019 dokumentierte die Mission der Vereinten Nationen für die Stabilisierung in der Demokratischen Republik Kongo (MONUSCO) 1.409 Fälle konfliktbezogener sexualisierter Gewalt, was einem Anstieg von 34 Prozent seit dem Vorjahr entspricht. 955 der Übergriffe wurden demnach von nicht-staatlichen bewaffneten Gruppen ausgeübt. Staatliche Streitkräfte der DR Kongo verübten laut MONUSCO 383 sexualisierte Übergriffe, was einen Anstieg von 76 Prozent seit 2018 ausmacht.
  • Jede vierte Vergewaltigung in der DR Kongo trifft ein Kind. Eine von hundert Frauen wird durch die Vergewaltigung schwanger. Eine von zehn Frauen wird durch die Vergewaltigung mit dem HI-Virus infiziert.
  • Von 100.000 werdenden Müttern starben 473 im Jahr 2017 bei der Geburt, so die  Weltgesundheitsorganisation (WHO).
  • In der DR Kongo werden viele Frauen auf den Feldern überfallen oder aus ihren Häusern entführt. Die Täter sind in der Regel Mitglieder bewaffneter Gruppen wie der kongolesischen Armee, Milizen oder Rebellen, aber auch immer mehr Zivilisten. Gemeinsam ist ihnen die brutale Vorgehensweise. Viele Opfer werden verschleppt, manchmal wochenlang immer wieder vergewaltigt und oftmals schwer verletzt zurückgelassen.
  • Die Überlebenden der Gewalt finden nur selten medizinisch-psychologische oder materielle Unterstützung. Insbesondere in den Krisenregionen im Osten der DR Kongo ist das Sozial- und Gesundheitswesen unzureichend. Vor allem auf dem Land fehlt es an medizinischem Personal. Viele Frauen und Mädchen werden durch die Vergewaltigung so schwer verletzt, dass sie den Weg in die nächste Klinik nicht mehr bewältigen können. Die meisten sind darüber hinaus zu arm, um die Mittel für Transport, Medikamente oder für eine Behandlung aufzubringen.
  • 2018 brach in der DR Kongo die bisher weltweit zweitgrößte Ebola-Epidemie aus. Laut WHO wurden seither mehr als 3.400 Infektionen, darunter etwa 2.300 Todesfälle, gemeldet.
  • Sexualisierte Kriegsgewalt wurde in Ruanda gezielt eingesetzt, um Angst zu verbreiten und Macht zu demonstrieren. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerkes UNICEF liegt die Zahl der vergewaltigten Frauen und Mädchen zwischen 250.000 und 500.000 – genaue Angaben sind nicht bekannt. Die meisten wurden nach den Vergewaltigungen getötet. Einige der Überlebenden wurden durch die sexualisierten Gewalttaten ungewollt zu Müttern – offizielle Schätzungen gehen von 2.000 bis 5.000 Kindern aus, die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit deutlich höher.
  • In vielen Dörfern in Norduganda verbieten die Traditionen den Frauen, Eigentum zu besitzen.
  • Seit den Anfängen der kriegerischen Auseinandersetzungen in Uganda in den frühen 80er Jahren wurden etliche junge Frauen und Mädchen verschleppt, vergewaltigt und sexuell versklavt. Über Monate, manchmal auch Jahre hindurch wurden sie von den Rebellen festgehalten, mussten ihnen sexuell zu Diensten stehen und wurden gezwungen zu töten.
  • Mädchen und junge Frauen in Uganda, die wiederholt vergewaltigt wurden, gelten in den Augen ihrer Familien als „beschmutzt“ und werden oftmals verstoßen. Außerdem haben viele der jungen Frauen in den Lagern der Rebellen als Folge der wiederholten Vergewaltigungen Kinder zur Welt gebracht. Neben der oftmals schwierigen und traumatischen Beziehung von Mutter und Kind werden die Kinder häufig weder von der eigenen Familie noch von der Gemeinschaft akzeptiert.

(Stand: 2020)

Aus der Praxis:

In einem 8-monatigen Kurs hat die Partnerorganisation Marthe Robin 10 alleinerziehende junge Mütter in Burundi im Schneiderhandwerk ausgebildet.

535 Überlebende sexualisierter Gewalt hat die Partnerorganisation Nturengaho in Burundi 2019 in ihrem Beratungszentrum aufgenommen und psychosozial betreut.

Zur Bekämpfung der Ebola-Epidemie hat PAIF im Süd- und Nord-Kivu 15 Präventionsstellen eingerichtet. 3.868 Menschen haben gelernt, dass es ein Mittel der Ebola Prävention ist, sich die Hände mit einer Wasser-Chlor-Mischung zu waschen.

Bitte unterstützen Sie diese Arbeit mit Ihrer Spende!

Partnerorganisationen:
Burundi: Maison Marthe Robin, MUKENYEZI MENYA, Association NTURENGAHO, Dushirehamwe
DR Kongo: ADDF, PAIF, AFPDE, EPF, HAM, La Floraison, RAPI, RFDP
Ruanda: SEVOTA
Uganda: FOWAC, MEMPROW

Projektregionen:
Burundi: Bujumbura, Provinzen Cibitoke, Kayanza, Ngozi
DR Kongo: Provinzen Nord- und Südkivu
Ruanda: Muhanga, Kirehe, Kigali, Kamonyi, Rubavu, Bugesera
Uganda: Kampala, Distrikte Apac, Nebbi Kingdom (Arua und Zombo), Kitgum und Lamwo

Projektschwerpunkte:

  • Ganzheitliche Unterstützung für Überlebende sexualisierter Gewalt und ihre Kinder
  • Prävention in Gemeinden und Schulen
  • Gemeindearbeit gegen Gewalt in der Familie
  • Advocacy-Arbeit für Unterstützung von Überlebenden
  • Organisationsentwicklung für Frauenorganisationen

Finanzierung (Mittelgeber):
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Europäische Union/ NGO Konsortium mit HealthNet TPO
Fondation Smartpeace
Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ GmbH)
Medicor Foundation
Fürsorge und Bildungsstiftung
Spenden

Quelle: Jahresbericht 2019

Übersicht über alle Partnerorganisationen von medica mondiale

Seit den 1990er Jahren kämpfen bewaffnete Gruppen im Ostkongo und Grenzgebiet zu Uganda und Ruanda um Macht, Land und Ressourcen. Frauen und Mädchen sind von den Auswirkungen der Konflikte besonders betroffen. Immer wieder kommt es bei bewaffneten Angriffen zu Vergewaltigungen von Frauen mit massiver Gewaltausübung. Im Ostkongo stellte der Ebola-Ausbruch im August 2018 das Land vor neue Probleme. Auch hier sind Frauen und Mädchen besonders stark betroffen: Ihr Risiko, sich zu infizieren, ist erhöht, weil die Versorgung von Kranken häufig als weibliche Aufgabe gilt. Erst Ende 2019 ebbte die Epidemie langsam ab, worauf kurz danach die Corona-Pandemie folgte.

Unsere Partnerorganisationen unterstützen gewaltbetroffene Frauen und Mädchen. Copyright: Nyokabi Kahura/Malteser International
Unsere Partnerorganisationen unterstützen gewaltbetroffene Frauen und Mädchen. Copyright: Nyokabi Kahura/Malteser International

Ganzheitliche Unterstützung Überlebender

Um Überlebende nachhaltig zu stärken, leisten Partnerorganisationen wie AFPDE und EPF in der DR Kongo oder Mukenyezi Menya in Burundi neben medizinischer Versorgung auch psychosoziale, rechtliche oder sozioökonomische Unterstützung.

Im Süd-Kivu bildet medica mondiale zusammen mit Expertinnen vor Ort psychosoziale Assistentinnen aus. Die Assistentinnen lernen, wie sie gewaltbetroffene Frauen und Mädchen traumasensibel beraten und kompetent unterstützen können. 2019 konnte medica mondiale ein Partnerschaftsabkommen mit dem Gesundheitsministerium in Bukavu unterzeichnen. Dieses legt fest, dass die Expertinnen in Zukunft auch Schulungen für MitarbeiterInnen von Gesundheitseinrichtungen anbieten werden.

Ebola oder Covid-19 stellen eine zusätzliche Bedrohung für Frauenrechte dar, da Frauen verhältnismäßig stark von den gesellschaftlichen Folgen betroffen sind. Unsere Partnerorganisation PAIF im Ostkongo reagierte 2019 mit einem Präventionsprojekt auf den Ebola-Ausbruch. Als lokale Organisation genießt PAIF Vertrauen bei den Menschen – ein entscheidender Vorteil: Viele Menschen sind misstrauisch gegenüber Institutionen und ausländischen Organisationen. Die Mitarbeiterinnen von PAIF klärten mit Radiospots, Flyern und Plakaten in verschiedenen regionalen Sprachen über Ansteckungswege und Schutzmaßnahmen auf. Sie verteilten Präventionsartikel und bauten Händewaschstationen mit Chlorlösungen auf, unter anderem in Schulen und kirchlichen Gemeinden. Die gewonnene Expertise hilft PAIF nun, auch in der aktuellen Corona-Krise über Risiken und Prävention aufzuklären.

Mitarbeiterinnen unserer Partnerorganisation SEVOTA in ihrem Büro. Copyright: Rendel Freude/medica mondiale

Aufklärungs- und Präventionsarbeit

Um der weit verbreiteten geschlechtsspezifischen Gewalt in der Region zu begegnen, hat medica mondiale 2019 mit den Partnerorganisationen PAIF im Ostkongo, SEVOTA in Ruanda und MEMPROW in Uganda das Gemeinschaftsprojekt „See Far“ entwickelt. Im „See Far“-Programm unterstützt zum einen jede der Organisationen Frauen und Mädchen mit lokalen Angeboten. So hat MEMPROW 2019 im Rahmen des Programms mehrere Schulungen zu den Rechten von Teenager-Müttern durchgeführt, PAIF legte einen Schwerpunkt auf Ebola-Prävention und SEVOTA auf die Stärkung und Reintegration von gewaltbetroffenen Frauen in ihre Gemeinschaften. Als zweite Komponente von „See Far“ führten die drei Organisationen gemeinsame Aufklärungsaktionen zur Prävention sexualisierter Gewalt durch. In Burundi setzen sich die Organisation Nturengaho sowie das Netzwerk Dushirehamwe für die Prävention von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt ein.

Advocacy-Arbeit

Der dritte Teil des „See Far“-Programms ist eine gemeinsame Advocacy-Strategie, um EntscheidungsträgerInnen auf regionaler Ebene zu erreichen. Unter anderem wollen die Partnerinnen gemeinsame Schulungskonzepte für Eltern, Lehrkräfte, Gemeindeälteste, Polizei und Gerichte entwickeln. Auch La Floraison im Kongo setzt sich für die Interessen Überlebender ein, in dem sie Autoritäten und Gemeinden zu sexualisierter Gewalt sensibilisiert. 

(Stand: 2019)