Zehntausende Frauen und Mädchen wurden während der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren vergewaltigt, gefoltert und sexuell ausgebeutet. Obwohl Bosnien-Herzegowina und der Kosovo begonnen haben, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, bleibt geschlechtsspezifische Gewalt ein weit verbreitetes Problem.

Frauenrechte in Südosteuropa

  • Es sind Erinnerungen an Kriegsterror, Internierung, Misshandlung und brutale Vergewaltigung, die das Leben zehntausender bosnischer Frauen bis heute prägen. Während des Bosnienkriegs (1992-1995) vergewaltigten Soldaten und Paramilitärs schätzungsweise zwischen 20.000 und 50.000 Frauen und Mädchen, viele von ihnen mehrfach und über Wochen und Monate hinweg. Die meisten sind seither schwer traumatisiert, leiden an chronischen Krankheiten oder Angststörungen, die den Alltag stark beeinträchtigen und eine berufliche Beschäftigung unmöglich machen. Ohne fremde Unterstützung sind sie von extremer Armut betroffen.
  • Kinder die in Bosnien und Herzegowina nach Vergewaltigungen geboren wurden, leiden im Vergleich zu anderen ihrer Altersgruppe häufiger an psychischen Problemen wie Depressionen, Angst und geringer Selbstachtung. Sie haben häufig emotionale Vernachlässigung erfahren, wenn es ihren traumatisierten Müttern schwer fiel, Zuwendung zu geben. Im Alltag stehen sie aufgrund fehlender Angaben zum Vater in Dokumenten weiteren Problemen gegenüber, zum Beispiel bei der Einschreibung für ein Studium. So werden beispielsweise Geburtsurkunden ohne den Namen des Vaters oft nicht akzeptiert.
  • 11 Prozent aller Frauen in Bosnien und Herzegowina erlebten laut UN-Women mindestens einmal in ihrem Leben physische oder sexualisierte Gewalt durch ihren Partner. Gesetze zum Schutz von Frauen existieren, kommen jedoch nur inkonsequent zur Anwendung. Das führt dazu, dass Betroffene sich nicht auf das Gesetz verlassen können und Gewalt seltener anzeigen. Zwei Drittel der Frauen halten Gewalt gegen Frauen für üblich und ein Viertel der Frauen findet, dass häusliche Gewalt Privatsache ist und in der Familie geregelt werden sollte.
  • Im Kosovo gibt es kaum FrauenärztInnen – geschweige denn auf Traumatisierung spezialisierte GynäkologInnen. Frauen, die sexualisierte Gewalt und Übergriffe erlebt haben, bleiben mit den gesundheitlichen Folgen häufig auf sich allein gestellt. Die Verfassung Kosovos garantiert Frauen gleiche Rechte wie Männer. Doch die praktische Rechtsprechung ist in kosovo-albanischen Gemeinschaften noch immer stark vom jahrhundertealten Stammesrecht "Kanun" geprägt, in dem Frauen extrem benachteiligt werden – besonders auf dem Land.
  • Dank großer Anstrengungen der Oppositionspartei und den Lobby-Aktivitäten des „Kosovarischen Frauennetzwerks“ ist das Gesetz zur Entschädigung von Kriegsopfern im Februar 2014 geändert worden und schließt seitdem auch Personen mit ein, die sexualisierte Gewalt während des Krieges erlebt haben. Seit Februar 2018 können Betroffene eine Rente von monatlich 230 Euro beantragen. Bis 2023 haben sie Zeit, Entschädigung zu beantragen. Auch mittlerweile im Ausland Lebende haben Anspruch. Viele Überlebende von Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt sehen sich jedoch noch vor großen Hindernissen im Zugang zu Rehabilitationsdiensten, Entschädigungen und Rechtshilfe. Medica Gjakova sieht Rechtsbeistand daher als wichtiges Projektziel.
  • Frauen, die einer ethnischen Minderheit angehören, haben es im Kosovo doppelt schwer. Roma (0,5 Prozent der Bevölkerung), Sinti (weniger als 0,2 Prozent) oder Askahli (0,9 Prozent) sind fast überall im Land Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt. Die meisten dieser Frauen leben zudem in bitterer Armut und unter schwierigen sozialen Bedingungen. In ihren Siedlungen herrscht oftmals ein Klima der Gewalt, von dem Frauen besonders hart betroffen sind.
  • Laut einer Studie aus 2008 erlebten 46 Prozent der Frauen im Kosovo mindestens einmal häusliche Gewalt. In 91 Prozent der Fälle wurde die Gewalt durch Männer (vorwiegend Ehemänner) ausgeübt. Entsprechende Gesetze wie das „Gender Equality Law“ oder das „Anti-Discrimination Law“ wurden in der Praxis so gut wie nie angewendet.
    Seit das Strafgesetzbuch 2018 überarbeitet und häusliche Gewalt als eigenständiger Strafbestand gilt, melden immer mehr Frauen häusliche Gewalt. Dazu zählen nun offiziell physische, psychologische, ökonomische oder sexualisierte Gewalt. Ein wichtiger Schritt, denn häufig wurde geschlechtsbasierte Gewalt, die im Rahmen häuslicher Beziehungen begangen wurde, vor Gericht als Zivilverfahren behandelt und Täter kamen meist straffrei davon.
  • In Kroatien sind laut UN Women 13 Prozent der Frauen von physischer oder sexualisierter Gewalt in Beziehungen betroffen. Im Strafgesetzbuch wurde zwischen Vergewaltigung und „Geschlechtsverkehr ohne Zustimmung“ unterschieden, wonach beispielsweise sexualisierte Gewalt in der Ehe nicht als Vergewaltigung behandelt wurde und Täter mit niedrigen Strafen davonkamen. Nach landesweiten Protesten im Jahr 2019 kündigte die Regierung an, die Gesetze zu verschärfen.
  • 17 Prozent der Frauen in Serbien haben Gewalt durch einen Partner erfahren. Es gibt ein Gesetz gegen häusliche Gewalt, doch bietet es nicht allen Betroffenen Schutz. So greift das Gesetz beispielsweise nicht bei Gewalt durch einen Ex-Partner, sofern es keine gemeinsamen Kinder gibt, oder wenn die (Ex-)PartnerInnen nicht im selben Haushalt leben.

(Stand: 2020)

Aus der Praxis:

Im Jahr 2019 hat Medica Gjakova 454 psychosoziale Einzelberatungen durchgeführt.

Bis Anfang 2020 haben im Kosovo 766 Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt eine Kriegsrente erhalten.

Bitte unterstützen Sie diese Arbeit mit Ihrer Spende!

Partnerorganisationen:
Bosnien und Herzegowina: Medica Zenica, Vive Žene, Forgotten Children of War, Center of Womens Rights, SEKA Goražde, Budućnost, Maja Kravica, Snaga Zene, TRIAL International
Kosovo: Medica Gjakova, Kosovo Rehabilitation Centre for Torture Victims (KRCT)
Kroatien: ROSA
Serbien: LINK Sombor, Roma Novi Becej

Projektregionen:
Bosnien und Herzegowina: Zenica Doboj, Zentralbosnien, Una Sana, Bosnisches Podrinje, Tuzla, Sarajevo, Herzegowina-Neretva; Republika Srpska, Brčko Distrikt 
Kosovo: ganzes Land
Kroatien: ganzes Land mit Schwerpunkt Zagreb
Serbien: Vojvodina

Projektschwerpunkte:

  • Psychosoziale, medizinische und rechtliche Versorgung sowie Einkommen schaffende Maßnahmen 
  • Qualifizierung von Gesundheitsfachkräften und Justizpersonal
  • Advocacy-Arbeit zu Entschädigungszahlungen für Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt
  • Förderung des Wissensaustauschs und der Vernetzung von Frauenorganisationen

Finanzierung (Mittelgeber):
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Auswärtiges Amt
Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ GmbH)
Stiftung für Kriegstraumatherapie
Stiftung Anne-Marie Schindler
Louis Leitz Stiftung
Spenden

Quelle: Jahresbericht 2019

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