Frauen und Mädchen aus Syrien und dem Irak sind sowohl in ihren Heimatländern als auch auf der Flucht von sexualisierter Gewalt betroffen und bedroht. Gründe hierfür sind unter anderem der Krieg in Syrien, die instabile politische Situation im Irak und Angriffe der Terrormiliz "Islamischer Staat".

„Wenn wir es schaffen, dem Leben der Frauen wieder Sinn zu geben, hilft ihnen das bei der Genesung.“
Beraterin aus dem Irak

Die Autonome Region Kurdistan im Irak ächzt unter der andauernden finanziellen Last durch Geflüchtete und Binnenvertriebene. Trotz nationaler und internationaler Hilfe fehlt es an Geldern.

Auch während und nach der Flucht in sichere Gebiete sind Frauen weiterhin einem hohen Maß an Gewalt ausgesetzt. Viele Frauen und Mädchen berichten, besonders in Flüchtlingslagern, von ständiger Angst vor Aggression und Übergriffen.

Frauenrechtsarbeit mit lokalen Partnerinnen

Mehr Schutz und verbesserter Zugang zu traumasensibler Beratung für gewaltbetroffene Frauen stehen deshalb im Mittelpunkt unserer Projekte in der Region.

Durch die Kooperation mit regionalen Frauenorganisationen und mit der Regionalregierung der Autonomen Region Kurdistan in Dohuk/Irak wollen wir die Unterstützungsangebote für Frauen und Mädchen in der Region langfristig und nachhaltig stärken und verbessern. Neben finanzieller Hilfe bekommen die Frauengruppen Schulungen im Organisationsaufbau und in ihrer fachlichen Qualifikation.

Irak - politische und ökonomische Krise:

Irakischer Soldat vor einer Schule, im Hintergrund eine Gruppe von Kindern.
  • Im Irak gibt es laut der UN-Flüchtlingshilfe (UNHCR) 1,4 Millionen Binnenvertriebene. Über 257.000 Menschen aus dem Irak suchen Zuflucht in Nachbarländern. Von fast 290.000 Geflüchteten aus Nachbarländern kommt die große Mehrheit (fast 250.000) aus Syrien. Etwa 1,5 Millionen Binnenvertriebene und Geflüchtete suchen Schutz in der Autonomen Region Kurdistan.
  • Etwa 6,7 Millionen Menschen in Irak (etwa 18 Prozent der Bevölkerung), darunter 3 Millionen Frauen und Mädchen, benötigen humanitäre Hilfe und Schutz.
  • Weibliche Genitalverstümmelung  ist vor allem in Kurdistan verbreitet: 37,5 Prozent der 15 bis 49 Jahre alten Mädchen und Frauen in der Autonomen Republik Kurdistan berichteten laut einer UNICEF-Studie 2018, sie seien genital verstümmelt worden. Im Rest des Landes schätzt UNICEF die Rate auf ein Prozent, für das gesamte Land liegt die Schätzung bei sieben Prozent.
  • In einer vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und der irakischen Regierung 2009 veröffentlichten Umfrage erklärten 68 Prozent der jungen irakischen Männer, es sei akzeptabel ein Mädchen für die Verletzung der Familienehre zu töten.
Irakisches Mädchen blickt durch vergittertes Fenster.
  • Seit der ökonomischen und politischen Krise ab 2015 hat innerfamiliäre Gewalt in der Autonomen Region Kurdistan deutlich zugenommen. Frauen, die vor dieser Gewalt geflohen sind, werden in einem Zufluchtshaus oft über Jahre vor der Ermordung durch ihre Familien geschützt. Für die Frauen bedeutet das quasi ein Leben in Gefangenschaft.
  • Einer Studie des irakischen Gesundheitsministeriums aus den Jahren 2006-2007 zufolge, hat mehr als jede fünfte irakische Frau (21 Prozent) zwischen 15 und 49 Jahren bereits physische Gewalt durch ihren Ehemann erlitten. Die Mehrheit (83 Prozent) aller verheirateten Frauen im Irak werden laut einem von Human Rights Watch 2011 veröffentlichten Bericht von ihren Männern massiv kontrolliert.
  • Im Irak wurde 1959 ein fortschrittliches Familiengesetz verabschiedet. Durch die Sanktionen der Vereinten Nationen nach dem Golfkrieg (1990-1991) litt die irakische Wirtschaft. Frauen wurden vom Arbeitsmarkt verdrängt und traditionellen Rollenvorschriften und Kleidungsvorschriften unterworfen. Zahlreiche Gewalttaten gegen Frauen durch irakische Sicherheitskräfte, US-Soldaten und vor allem auch jihadistische Kämpfer sind dokumentiert. Existierende Gesetze, die die Rechte von Frauen schützen, werden nicht angewandt. Sexuelle Übergriffe stehen unter Strafe, Anklagen werden aber auf Basis patriarchaler Rechtsaulegung fallengelassen, wenn der Täter das Opfer heiratet. Bemühungen im Parlament, Gesetzte gegen häusliche Gewalt zu verabschieden, kamen 2019 zum Stillstand.
  • Die Regionalregierung der Autonomen Region Kurdistan hat seit 2009 weitreichende Rechtsreformen zum Schutz von Frauen vor Gewalt verabschiedet. So auch das Gesetz gegen häusliche Gewalt von 2011, welches unter anderem sogenannte häusliche Gewalt, Zwangsverheiratung, und weibliche Genitalverstümmelung unter Strafe stellt. Darüber hinaus wurden in Kurdistan zahlreiche Anlaufstellen für Frauen eingerichtet.
  • Homosexuelle Menschen, Bisexuelle und Transgender werden nach Information von IGLHRC (International gay and lesbian human rights commission) sowohl durch IS-Milizen als auch durch irakische Milizen mit dem Tode bedroht. Menschenrechtsverletzungen gegen diese Menschengruppe – zum Beispiel Ermordung oder Zwangsverheiratung durch ihre Familien und gewalttätige Übergriffe von Sicherheitskräften – nehmen im Irak seit Jahren zu.
  • Laut UNICEF können aufgrund der jahrzehntelangen Konflikte und Unterfinanzierung aktuell rund 3,2 Millionen Kinder im Irak die Schule nicht besuchen.

(Stand: 2020)

 

Aus der Praxis:

EMMA erreichte 615 Frauen durch berufsbezogene Kurse wie Nähen, Handarbeiten, Englisch und Frisurentechnik. In diese Kurse ist immer auch Aufklärung zu Frauenrechten eingebunden.

Bitte unterstützen Sie diese Arbeit mit Ihrer Spende!

Partnerorganisationen:
Haukari e.V. mit UmsetzungspartnerInnen Khanzad und PDO
EMMA Organisation for Human Development

Projektregionen:
Kurdische Autonomiegebiete

Projektschwerpunkte:

Finanzierung (Mittelgeber):
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 
Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ GmbH)
Auswärtiges Amt
Spenden

Quelle: Jahresbericht 2019

Übersicht über alle Partnerorganisationen von medica mondiale

Seit 2014 fördert medica mondiale Projekte im Nordirak.

EMMA – Ganzheitliche Unterstützung für Frauen und Mädchen

Seit September 2018 arbeitet medica mondiale mit der Frauenrechtsorganisation EMMA zusammen. Sie verfolgt das Ziel, geschlechtsspezifische Gewalt zu beseitigen und Frauen zu stärken. In Erbil, Dohuk und Shekhan bietet EMMA direkte Anlaufstellen für von Gewalt betroffene oder bedrohte Frauen. Therapeutische Angebote unterstützen Überlebende sexualisierter Gewalt bei der Verarbeitung des Erlebten. Durch Lehrangebote wie Alphabetisierung oder Nähen werden Frauen dabei unterstützt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Zudem sensibilisiert EMMA Fachkräfte in öffentlichen Einrichtungen für den Umgang mit Gewaltüberlebenden und betreibt Lobbyarbeit auf politischer Ebene.

2019 organisierte EMMA eine große Friedenskonferenz und diskutierte mit VertreterInnen aus Politik und Wissenschaft sowie Mitgliedern nationaler und internationaler Nichtregierungsorganisationen unter anderem über die Situation von jesidischen Frauen und ihren aus Vergewaltigungen hervorgegangenen Kindern.

Außerdem fand ein Netzwerktreffen von EMMA Mitarbeiterinnen mit Frauenrechts-Aktivistinnen aus Indien und Afghanistan statt. Als Frauenrechtlerinnen in einer Gesellschaft, die Frauen und Mädchen für die ihnen zugefügte Gewalt verantwortlich macht, teilen sie ähnliche Herausforderungen. Diesbezüglich tauschten Sie sich zu verschiedenen politischen Themen aus. Ein starkes Netzwerk von Frauenorganisationen ist dabei nicht nur für den Erfahrungsaustausch hilfreich, sondern erhöht auch ihre jeweilige politische Schlagkraft.

Schulung medizinischen und psychosozialen Fachpersonals

In der kurdischen Region Dohuk schult medica mondiale Gesundheitspersonal zu sexualisierter Gewalt und traumasensibler psychosozialer Beratung. 2016 haben wir diesen Ansatz mit der Fortführung laufender und dem Beginn neuer Qualifizierungsprogramme verstärkt. Ein kleines Büro in Dohuk koordiniert seit 2016 die Aktivitäten vor Ort.

Zudem unterstützt medica mondiale die Gesundheitsbehörde der Region Dohuk darin, Standards für die psychosoziale Beratung zu entwickeln. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Beratung von Überlebenden sexualisierter Gewalt.

(Stand: 2019)