Frauen und Mädchen aus Syrien und dem Irak sind sowohl in ihren Heimatländern als auch auf der Flucht von sexualisierter Gewalt betroffen und bedroht. Gründe hierfür sind unter anderem der Krieg in Syrien, die instabile politische Situation im Irak und Angriffe der Terrormiliz "Islamischer Staat".

„Wenn wir es schaffen, dem Leben der Frauen wieder Sinn zu geben, hilft ihnen das bei der Genesung.“
Beraterin aus dem Irak

Die Autonome Region Kurdistan im Irak ächzt unter der andauernden finanziellen Last durch Geflüchtete und Binnenvertriebene. Trotz nationaler und internationaler Hilfe fehlt es an Geldern. Der Krieg in Syrien und im Irak ist nicht vorbei. Frauen, Männer und Kinder flüchten weiterhin mit wenigen Habseligkeiten in sicherere Gebiet.

Auch die hohe Gewalt gegen Frauen geht weiter. Viele Frauen und Mädchen berichten, besonders in Flüchtlingslagern, von ständiger Angst vor Aggression und Übergriffen.

Frauenrechtsarbeit mit lokalen Partnerinnen

Mehr Schutz und verbesserter Zugang zu traumasensibler Beratung für gewaltbetroffene Frauen stehen deshalb im Mittelpunkt unserer Projekte in der Region.

Durch die Kooperation mit regionalen Frauenorganisationen und mit der Regionalregierung der Autonomen Region Kurdistan in Dohuk/Irak wollen wir die Unterstützungsangebote für Frauen und Mädchen in der Region langfristig und nachhaltig stärken und verbessern. Neben finanzieller Hilfe bekommen die Frauengruppen Schulungen im Organisationsaufbau und in ihrer fachlichen Qualifikation.

Irak - politische und ökonomische Krise:

  • Seit Januar 2014 sind laut einem Bericht der EU-Kommission 3,2 Millionen Binnenvertriebene im Irak auf der Flucht vor der Gewalt der IS-Milizen. Etwa 1,8 Millionen Binnenvertriebene und Geflüchtete haben laut UN Schutz in der Autonomen Region Kurdistan gesucht, die von einer Regionalregierung geleitet wird. 
  • 43 Prozent der 15 bis 49 Jahre alten Mädchen und Frauen in der Autonomen Republik Kurdistan berichteten laut einer UNICEF-Studie 2011, sie seien genital verstümmelt worden.
  • In einer vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und der irakischen Regierung 2009 veröffentlichten Umfrage erklärten 68 Prozent der jungen irakischen Männer, es sei akzeptabel ein Mädchen für die Verletzung der Familienehre zu töten.
  • 2013 wurden laut dem gerichtsmedizinischen Institut der Autonomen Region Kurdistan 1.748 Frauen verbrannt, erschossen oder erstickt. Weitere 236 Frauen wurden durch Verbrennungen verletzt. 
Irakisches Mädchen blickt durch vergittertes Fenster.
  • Seit der ökonomischen und politischen Krise hat innerfamiliäre Gewalt in der Autonomen Region Kurdistan deutlich zugenommen. Frauen, die vor dieser Gewalt geflohen sind, werden in einem Zufluchtshaus oft über Jahre vor der Ermordung durch ihre Familien geschützt. Für die Frauen bedeutet das quasi ein Leben in Gefangenschaft.
  • Einer Studie des irakischen Gesundheitsministeriums aus den Jahren 2006-2007 zufolge, hat mehr als jede fünfte irakische Frau (21 Prozent) zwischen 15 und 49 Jahren bereits physische Gewalt durch ihren Ehemann erlitten. Die Mehrheit (83 Prozent) aller verheirateten Frauen im Irak werden laut einem von Human Rights Watch 2011 veröffentlichten Bericht von ihren Männern massiv kontrolliert.
  • Im Irak wurde 1959 ein fortschrittliches Familiengesetz verabschiedet. Durch die Sanktionen der Vereinten Nationen nach dem Golfkrieg (1990-1991) litt die irakische Wirtschaft. Frauen wurden vom Arbeitsmarkt verdrängt und traditionellen Rollenvorschriften und Kleidungsvorschriften unterworfen. Zahlreiche Gewalttaten gegen Frauen durch irakische Sicherheitskräfte, US-Soldaten und vor allem auch jihadistische Kämpfer sind dokumentiert. Existierende Gesetze, die die Rechte von Frauen schützen, werden nicht angewandt.
  • Die Regionalregierung der Autonomen Region Kurdistan hat seit 2009 weitreichende Rechtsreformen zum Schutz von Frauen vor Gewalt verabschiedet. So auch das Gesetz gegen häusliche Gewalt von 2011, welches unter anderem sogenannte häusliche Gewalt, Zwangsverheiratung, und weibliche Genitalverstümmelung unter Strafe stellt. Darüber hinaus wurden in Kurdistan zahlreiche Anlaufstellen für Frauen eingerichtet.
  • Homosexuelle Menschen, Bisexuelle und Transgender werden nach Information von IGLHRC (International gay and lesbian human rights commission) sowohl durch IS-Milizen als auch durch irakische Milizen mit dem Tode bedroht. Menschenrechtsverletzungen gegen diese Menschengruppe – zum Beispiel Ermordung oder Zwangsverheiratung durch ihre Familien und gewalttätige Übergriffe von Sicherheitskräften – nehmen im Irak seit Jahren zu.
  • UNICEF berichtete im Oktober 2015, dass rund zwei Millionen Kinder im Irak aufgrund des Krieges keine Schule besuchen können.

(Stand: 2017)

 

 

Aus der Praxis:

15 MitarbeiterInnen aus 12 Organisationen nahmen an zwei Workshops von medica mondiale in der Türkei teil. Dabei ging es darum, durch Wissen zu Selbstfürsorge, Stress und Trauma, die eigenen Kräfte zu stärken und Teams in den Konfliktgebieten bestmöglich zu unterstützen.

Partnerorganisationen:
Haukari/Khanzad
Women Rehabilitation Organization
Women for Better Healthy Life
Women Empowerment Organization
Dachverband des Êzidischen Frauenrats e. V.

Projektregionen:
Irak: Kurdische Autonomiegebiete (Dohuk, Sulaymaniyah) und Zentralirak
Türkei: Gaziantep

Projektschwerpunkte:
Qualifizierung von Gesundheitsfachkräften und Unterstützung lokaler Frauengruppen

Finanzierung (Mittelgeber):
Bundesentwicklungsministerium (BMZ)
Auswärtiges Amt (AA)
Stiftung Anne-Marie Schindler
GIZ
Direktion für Entwicklung u. Zusammenarbeit (DEZA)
Spenden/Eigenmittel

Quelle: Jahresbericht 2017

Übersicht über alle Partnerorganisationen von medica mondiale

Fotogalerie 25 Jahre medica mondiale

Die Region Syrien/Irak ist seit Herbst 2014 regionaler Schwerpunkt des Projektefonds. Ziel ist es, direkte Hilfe für von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen und Mädchen vor Ort zu sichern, den Aufbau fachlicher Kapazitäten zu unterstützen und den Organisationen Zugang zu Wissen und Netzwerken zu erleichtern. Kooperationen, die sich im Laufe der Förderung als erfolgreich erweisen, können zu einer umfangreicheren Zusammenarbeit ausgeweitet werden. So will medica mondiale langfristige Partnerschaften etablieren.

In der kurdischen Region Dohuk schult medica mondiale Gesundheitspersonal zu sexualisierter Gewalt und traumasensibler psychosozialer Beratung. 2016 haben wir diesen Ansatz mit der Fortführung laufender und dem Beginn neuer Qualifizierungsprogramme verstärkt. Ein kleines Büro in Dohuk koordiniert seit 2016 die Aktivitäten vor Ort.

Zudem unterstützt medica mondiale die Gesundheitsbehörde der Region Dohuk darin, Standards für die psychosoziale Beratung zu entwickeln. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Beratung von Überlebenden sexualisierter Gewalt.

Einsatzgebiet von medica mondiale im Nordirak: Ziel ist es, direkte Hilfe für betroffene Frauen und Mädchen vor Ort zu sichern, den Aufbau fachlicher Kapazitäten zu unterstützen und den Organisationen Zugang zu Wissen und Netzwerken zu erleichtern.