"Wut und Entschlossenheit ließen mich im Winter 1992 nach Bosnien aufbrechen – mitten ins Kriegsgebiet. Die Medien berichteten ausgiebig über die massenweisen Vergewaltigungen auf dem Balkan. Von Hilfe für die traumatisierten Frauen aber war nirgends die Rede. Als angehender Frauenärztin war mir klar, dass sie dringend medizinische und psychologische Unterstützung benötigten. Gemeinsam mit bosnischen Ärztinnen und Psychologinnen bauten wir 1993 in der Stadt Zenica das erste Therapiezentrum für kriegsvergewaltigte Frauen auf.

Heute unterstützt medica mondiale gemeinsam mit rund 30 Partnerorganisationen Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten weltweit. Mehr als 150.000 Überlebenden von Gewalt haben wir in den letzten 25 Jahren mit medizinischen, psychosozialen und juristischen Angeboten neue Kraft und Perspektiven gegeben. Solidarität und Sensibilität prägen nach wie vor unsere Arbeit, verbunden mit beharrlichem Engagement für Frauenrechte und Gerechtigkeit.

Zusammen mit anderen Aktivistinnen ist es uns gelungen, das Thema sexualisierte Kriegsgewalt auf die politische Tagesordnung zu setzen. Mit der Resolution 1325 zu Frauen, Frieden und Sicherheit haben sich die Mitglieder der Vereinten Nationen im Jahr 2000 verpflichtet, Frauen und Mädchen vor Gewalt zu schützen und an Friedensprozessen zu beteiligen. Vergewaltigungen gelten seither als Kriegsverbrechen. Doch aktuelle Konflikte zeigen: Resolutionen alleine reichen nicht. Sexualisierte Gewalt ist längst nicht gebannt – ob im Irak, Ostkongo, in Afghanistan oder hierzulande, ob durch Soldaten, Milizionäre, Nachbarn oder Ehemänner. Gewalt im Krieg setzt sich zudem auch nach Ende der Konflikte fort. Etwa in Liberia oder Uganda, wo nach langen Bürgerkriegen Gewalt den Alltag vieler Frauen und Mädchen bestimmt.

Ein Problem ist die anhaltende Straflosigkeit, sowohl in Kriegs- und Nachkriegsgebieten als auch vermeintlich fortschrittlichen Ländern. Auch in Deutschland wird nur ein Fünftel aller Vergewaltigungen angezeigt, nur ein Bruchteil der Täter verurteilt. Was fehlt, ist der politische Wille, bestehende Gesetze tatsächlich umzusetzen. Was im Weg steht, sind patriarchalische Einstellungen und Machtstrukturen. Geschlechterungerechtigkeit macht sexualisierte Gewalt erst möglich, zeigt sich aber schon, wo es um Bildung oder Einkommen geht.

Auch gegenwärtig gibt es also genug Grund, wütend zu sein. Wir bleiben dran auch nach 25 Jahren und stehen denen zur Seite, auf deren Rücken Konflikte ausgetragen werden und deren Würde mit Füßen getreten wird. Nur so haben Frauen die Chance, erfahrene Gewalt zu bewältigen und gestärkt ins Leben zurückzukehren. Und wir alle die Chance auf ein gerechtes und gewaltfreies Miteinander.

Im Jubiläumsjahr 2018 starten wir eine Kampagne gegen sexualisierte Gewalt. Machen Sie mit, damit Frauen und Mädchen weltweit sagen können: Kein Krieg auf meinem Körper!"

Dr. Monika Hauser

 

 

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