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Verletzte Helfer. Umgang mit dem Trauma: Risiken und Möglichkeiten sich zu schützen.

Inhaltsangabe des Verlags: "Helfen kann überfordern und auszehren. Diese Erfahrung teilen viele Traumatherapeuten und Helfer in Kriegs- und Krisenregionen, aber auch in der therapeutischen Praxis. Der Autor benennt im Detail die Stressfaktoren und zeigt, wie einer Verletzung der Helfer wirksam vorgebeugt werden kann."

Das Buch ist 2009 erschienen im Klett-Cotta Verlag und für 29,00 Euro erhältlich.

Leseprobe

Die Konfrontation hinterlässt nicht nur Spuren im einzelnen Helfer, sondern auch in Helfergruppen und Institutionen. In den letzten 30 Jahren sind überall auf der Welt Behandlungszentren für Kriegsopfer, Opfer häuslicher und sexueller Gewalt, politischer Verfolgung und Folter mit großem Engagement, Optimismus und Idealismus gegründet worden. Fast alle diese Einrichtungen haben eine krisenhafte Entwicklung durchlaufen. Die Aufbruchstimmung der Pionier-...

Christian Pross, Verletzte Helfer. Copyright: Klett-Cotta Verlag

Das Buch ist 2009 erschienen im Klett-Cotta Verlag und für 29,00 Euro erhältlich.

Leseprobe

Die Konfrontation hinterlässt nicht nur Spuren im einzelnen Helfer, sondern auch in Helfergruppen und Institutionen. In den letzten 30 Jahren sind überall auf der Welt Behandlungszentren für Kriegsopfer, Opfer häuslicher und sexueller Gewalt, politischer Verfolgung und Folter mit großem Engagement, Optimismus und Idealismus gegründet worden. Fast alle diese Einrichtungen haben eine krisenhafte Entwicklung durchlaufen. Die Aufbruchstimmung der Pionier- und Aufbauphase weicht nach einigen Jahren einer tief greifenden Ernüchterung angesichts von internen Spannungen, chronischen unlösbaren Konflikten, einhergehend mit Symptomen von Erschöpfung bei den Helfern, einer hohen Fluktuation und zahlreichen Spaltungen.

Ein anschauliches Bild davon zeichnet Norbert Gurris aus einer Einrichtung für traumatisierte Flüchtlinge: »Die Arbeit wurde ausgedehnt, manchmal auf Abend-, Nacht- und Wochenendstunden. Überstunden und Urlaubstage wurden eher dem Verfall überlassen. Vorübergehende Phasen von euphorischer Hyperaktivität wechselten sich ab mit Zusammenbrüchen, die im Volksmund wohl als hysterisch angesehen würden. Die Gefühle von Ohnmacht und Verzweiflung machten sich in gegenseitigen Beschuldigungen und Anfeindungen im Team Luft. Junge Praktikanten schilderten panische Ängste, psychisch krank zu werden angesichts des Modellverhaltens der festen Mitarbeiter. Streichungen von Mitteln durch den Träger des Projekts führten zum ›Verschwinden‹ von Kollegen quasi über Nacht. Bei den verbliebenen Mitarbeitern breiteten sich Fantasien von Krieg und Verfolgung in der eigenen Einrichtung aus«. [...]

Diese Studie zielt nicht auf eine Dämonisierung oder Pathologisierung der Helfer. Die Schwächen, Mängel und Konflikte, von denen hier die Rede sein wird, sind nicht Ausdruck schlechten Charakters oder böser Absichten. Alle erwähnten Helfer sind enorm engagierte Personen mit hohen Zielen und gutem Willen. Die Psychotraumatologie ist ein relativ junges Fachgebiet. Die Pioniere der Traumabehandlung haben alle ihre Kräfte eingesetzt zur Gründung von Traumazentren unter z. T. äußerst schwierigen Bedingungen, gegen erheblichen Widerstand in ihrer Gesellschaft und die allgegenwärtige Tendenz zur Verleugnung. Sie gaben und geben ihr Bestes.

Einige sind jedoch entweder an den zu hohen Anforderungen gescheitert oder selbst ungewollt so weit in den immanenten Sog von Gewalt und Destruktivität hineingeraten, dass sie sich selbst und anderen Verletzungen zugefügt haben. Zum Teil wussten sie es nicht besser oder sie hatten nicht die Möglichkeit, sich auf ihre Aufgabe genügend vorzubereiten. Vielerorts gibt es nur wenige oder überhaupt keine Angebote zur beruflichen Aus- und Weiterbildung zum Traumatherapeuten, verbunden mit einer professionell geleiteten Selbsterfahrung. Bisher gibt es nur wenige auf diesem Gebiet erfahrene Supervisoren. Ich würde deshalb die hier beschriebenen Phänomene als Kinderkrankheiten eines relativ jungen und sich noch in der Entwicklung befindlichen Fachgebietes bezeichnen.

Empfehlenswert

Christian Pross benennt in seinem Buch Stressfaktoren für Personen, die belastete Menschen mit traumatischen Erfahrungen unterstützen. Er geht unter anderem auf Spannungen und Spaltungsmechanismen in Teams, auf Stress- und Überlastungssymptome, auf Reinszenierungen von Traumata und Machtmissbraucht, aber auch auf Ressourcen von Unterstützenden ein, damit vorbeugend mit Überlastungen umgegangen werden kann.

medica mondiale, Mai 2019

Über das Buch

"Traumatisierte Menschen zu begleiten birgt besondere Risiken. Christian Pross bereitet sie in dem Buch 'Verletzte Helfer' auf, um Möglichkeiten des Selbstschutzes aufzuzeigen. Der Arzt und Leiter eines Behandlungszentrums für Folteropfer beleuchtet die Risiko-, aber auch die Hilfsquellen für die Helfenden."
Norbert Copray, Publik-Forum, Januar 2012

"Überforderte und ausgebrannte Helfer und Therapeuten werden sich und ihre Arbeitsbedingungen in Pross' Buch wieder finden sowie wertvolle Hinweise erhalten, wie sie ihre Kräfte bewahren, Ressourcen nutzen und ihr Engagement erhalten können."
Christiane Eichenberg, Deutsches Ärzteblatt, Februar 2010

"Heute gehört es fast zum Allgemeinwissen, dass Betroffene langfristig Therapien brauchen. Die Risiken ihrer Therapeuten aber kommen erst allmählich in den Blick. Christian Pross leistet dazu einen wichtigen Beitrag, indem er vor allem Arbeitsstrukturen und Professionalisierungsgrad von Traumazentren untersucht."
Ursula Rüssmann, Frankfurter Rundschau, Januar 2010

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Völkerstrafrechtspolitik – Praxis des Völkerstrafrechts

Zehn Jahre nach dem Inkrafttreten des Völkerstrafgesetzbuches (VStGB) vereinigt der vorliegende Sammelband unterschiedliche Blickwinkel und Perspektiven auf das noch junge Gesetzeswerk und dessen Praxis. Die Bestandsaufnahme enthält – neben einem Blick auf die Rechtslage in Österreich und der Schweiz – Beiträge zur Entstehung des Gesetzes, seiner Anwendung in der Praxis und zu aktuellen Entwicklungen. Dabei wird eines klar: ohne einen interdisziplinären Ansatz, der neben rechtsdogmatischen Erwägungen auch politische und historische Argumente zulässt, können die mit der Ausbildung einer internationalen Strafrechtsordnung verbundenen Herausforderungen nicht gemeistert werden.

Christoph Safferling, LL.M. (LSE), Stefan Kirsch (Hrsg.): Völkerstraftrechtspolitik - Praxis des Völkerstrafrechts, 2014 l Springer-Verlag l XXIX l 470 Seiten l 1 Abb. l Hardcover l € 99,99 (D) l ISBN: 978-3-642-28933-0

Inhalt


  • Kapitel 1: Völkerstrafrechtspolitik (Christoph Safferling und Stefan Kirsch)
  • Kapitel 2: Frieden durch Recht (Eckart Conze)
  • Kapitel 3: Die "Wende" 1989/1990 in Deutschland und die Völkerstrafrechtspolitik (Manfred Görtemaker)
  • Kapitel 4: Der Beitrag Deutschlands zum Völkerstrafrecht (Hans-Peter Kaul)
  • Kapitel 5:...
Völkerstraftrechtspolitik - Praxis des Völkerstrafrechts. Copyright: Springer

Christoph Safferling, LL.M. (LSE), Stefan Kirsch (Hrsg.): Völkerstraftrechtspolitik - Praxis des Völkerstrafrechts, 2014 l Springer-Verlag l XXIX l 470 Seiten l 1 Abb. l Hardcover l € 99,99 (D) l ISBN: 978-3-642-28933-0

Inhalt


  • Kapitel 1: Völkerstrafrechtspolitik (Christoph Safferling und Stefan Kirsch)
  • Kapitel 2: Frieden durch Recht (Eckart Conze)
  • Kapitel 3: Die "Wende" 1989/1990 in Deutschland und die Völkerstrafrechtspolitik (Manfred Görtemaker)
  • Kapitel 4: Der Beitrag Deutschlands zum Völkerstrafrecht (Hans-Peter Kaul)
  • Kapitel 5: Völkerstrafrechtspolitik und Transitional Justice. Warum UN-Administrationen sich schwertun, Kriegsverbrechen anzuklagen (Thorsten Bonacker)
  • Kapitel 6: Die andere Sicht "zur Sache" – Elvire aus Süd-Kivu und das deutsche Völkerstrafgesetzbuch (Gabriela Mischkowski, Mitbegründerin von medica mondiale, Expertin zur Geschichte und Strafverfolgung sexualisierter Kriegsgewalt)
  • Kapitel 7: Legitimation des Völkerstrafrechts in Deutschland – Völkerstrafrecht als Bürgerstrafrecht (Klaus Günther und Vasco Reuss)
  • Kapitel 8: Völkerstrafrecht und humanitäres Völkerrecht. Einige Anmerkungen aus Sicht der internationalen Beziehungen (Thomas Jäger)
  • Kapitel 9: Die Opfer in völkerstrafrechtlichen Prozessen in Deutschland (Dieter Magsam)
  • Kapitel 10: Das Bundesministerium der Justiz und das Völkerstrafrecht (Thomas Dittmann und Johannes Heinitz)
  • Kapitel 11: VStGB und Strafverfahren: Beweisaufnahme und Angeklagtenrechte (Natalie von Wistinghausen)
  • Kapitel 12: Polizeiliche Ermittlungstätigkeit im Ausland zur Verfolgung von Völkerstraftaten (Jürgen Stock)
  • Kapitel 13: Die Ermittlungstätigkeit des Generalbundesanwalts zum Völkerstrafrecht: Herausforderungen und Chancen (Christian Ritscher)
  • Kapitel 14: Die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zum Völkerstrafrecht (Jürgen Schäfer)
  • Kapitel 15: Die "Straf-Rechtspflege" in den Streitkräften – die Unterstützung (völker-) strafrechtlicher Ermittlungen durch Rechtsberater der Bundeswehr (Stephan Weber)
  • Kapitel 16: Das Zusammenspiel von nationaler und internationaler Strafverfolgung aus Sicht des Internationalen Strafgerichtshofs (Klaus Rackwitz)
  • Kapitel 17: Verfahren der Seepiraterie in Deutschland – Rechtlicher Rahmen und Umsetzung in der Praxis (Ewald Brandt)
  • Kapitel 18: Neue Transnationale Verbrechen für das VStGB? (Kai Ambos und Anina Timmermann)
  • Kapitel 19: Der Tatbestand der Aggression – Wege zur Implementierung der Ergebnisse von Kampala in das Völkerstrafgesetzbuch (Elisa Hoven)
  • Kapitel 20: Rechtsvergleichung Österreich (Hilde Farthofer)
  • Kapitel 21: Die Verfolgung von Völkerstraftaten in der Schweiz (Elisabeth Baumgartner)
  • Kapitel 22: Zwischenbericht zur Verfahrensbeobachtung im Strafverfahren gegen Onesphore R. vor dem Oberlandesgericht Frankfurt (Florian Hansen)
  • Kapitel 23: Völkerstrafgesetzbuch und Grundgesetz (Monika Böhm und Viola Teubert)

Leseprobe

Opfer von Gewaltverbrechen treten vor Gericht, um Gehör zu finden. Dies gilt umso mehr für Opfer von Massenverbrechen. Sie sagen aus, um Zeugnis abzulegen – für sich und für andere. Sie sind tatsächlich der lebende Beweis nicht nur für die Anklage, sondern vor allem für das, was sie zu sagen haben. Sie sind nicht neutral und ihre Erinnerung – so wie die Erinnerung des Angeklagten oder wie menschliche Erinnerung überhaupt - ist niemals objektiv. Eine Frau, die über monatelange sexuelle Versklavung aussagt, beschreibt nicht lediglich ein Ereignis, sie beschreibt und bezeugt ein an ihr begangenes Unrecht, d.h. sie beschwört ihre Erinnerung, "in order to address another, to impress upon a listener, to appeal to a community." Sie ist Verletzte, Zeugin und Klägerin in einer Person. Indem die Verletzte als Zeugin aussagt, bezeugt und erzeugt sie eine Wahrheit, in der sich andere wiederfinden und ihrer Klage anschließen können – einer Klage, die dann ins kollektive Gedächtnis eingehen kann, so sie denn gehört, festgehalten und öffentlich wird.

(Aus "Die andere Sicht "zur Sache" - Elvire aus Süd-Kivu und das deutsche Völkerstrafgesetzbuch", Artikel von Gabriela Mischkowski, Mitbegründerin von medica mondiale, Expertin zur Geschichte und Strafverfolgung sexualisierter Kriegsgewalt, Seite 8, zweiter Absatz).

 

Empfehlenswert

Angesichts der in Deutschland im Zusammenhang mit Völkerrechtsprozessen entbrannten Debatte um Sinn und Unsinn und die Herausforderungen, internationale Strafprozesse auf deutschem Boden durchzuführen, greift der Sammelband "Völkerstrafrechtspolitik – Praxis des Völkerstrafrechts" von Christopfh Safferling und Stefan Kirsch, ein hoch aktuelles Thema auf. So setzen sich die AutorInnen denn auch mit dem Spannungsfeld zwischen Politik und Völkerstrafrecht auseinander, stellen die Frage danach, inwiefern Völkerstrafrecht zum internationalen Frieden beitragen kann und beschreiben die Schwierigkeiten bei der Ermittlungstätigkeit im Ausland von Völkerstraftaten.

medica mondiale (Juni 2014)

Über die Autoren

Prof. Dr. Christoph Safferling, LL.M. (LSE), ist Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht, Internationales Strafrecht und Völkerrecht an der Philipps-Universität Marburg. Zugleich fungiert er dort als stellvertretender Direktor des Forschungs- und Dokumentationszentrums Kriegsverbrecherprozesse. 2006 erhielt er den Preis für gute Lehre des Bayerischen Wissenschaftsministers. Er ist Whitney R. Harris Fellow des Robert H. Jackson Centers in Jamestown, New York, USA.

Dr. Stefan Kirsch ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht in Frankfurt am Main. Er ist Lehrbeauftragter an der Philipps-Universität Marburg und als Verteidiger u.a. vor dem Internationalen Jugoslawienstrafgerichtshof in Den Haag und vor dem Internationalen Ruandastrafgerichtshof in Arusha (Tansania) aufgetreten.

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VOX

Inhaltsangabe des Verlags: In einer Welt, in der Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, bricht eine das Gesetz. Das provozierende Überraschungsdebüt aus den USA, über das niemand schweigen wird! Als die neue Regierung anordnet, dass Frauen ab sofort nicht mehr als hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, will Jean McClellan diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Nicht ihr. Das ist der Anfang. Schon bald kann Jean ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht länger ausüben. Schon bald wird ihrer Tochter Sonia in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Sie und alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmuts, ihrer Träume beraubt. Aber das ist nicht das Ende. Für Sonia und alle entmündigten Frauen will Jean sich ihre Stimme zurückerkämpfen.

Das Buch ist 2018 erschienen im S. Fischer Verlag und für 20,00 (D) Euro erhältlich.

400 Seiten l gebunden mit Schutzumschlag l ISBN 978-3-10-397407-2

Leseprobe des Verlags


"Wenn mir jemand erzählt hätte, ich könnte den Präsidenten, die Bewegung der Reinen und diesen unfähigen kleinen Scheißkerl Morgan LeBron innerhalb einer Woche zu Fall bringen, hätte ich ihm nicht geglaubt. Aber ich hätte auch keinen Einwand erhoben. Ich hätte überhaupt nichts gesagt.

Ich bin eine Frau weniger Worte geworden. Heute Abend beim Essen, ...

VOX (Christina Dalcher). Copyright: S. Fischer Verlag

Das Buch ist 2018 erschienen im S. Fischer Verlag und für 20,00 (D) Euro erhältlich.

400 Seiten l gebunden mit Schutzumschlag l ISBN 978-3-10-397407-2

Leseprobe des Verlags


"Wenn mir jemand erzählt hätte, ich könnte den Präsidenten, die Bewegung der Reinen und diesen unfähigen kleinen Scheißkerl Morgan LeBron innerhalb einer Woche zu Fall bringen, hätte ich ihm nicht geglaubt. Aber ich hätte auch keinen Einwand erhoben. Ich hätte überhaupt nichts gesagt.

Ich bin eine Frau weniger Worte geworden. Heute Abend beim Essen, bevor ich meine letzten Silben des Tages äußere, tippt Patrick auf das silbrige Gerät an meinem linken Handgelenk, als wolle er meinen Schmerz teilen oder mich vielleicht daran erinnern, stumm zu bleiben, bis das Zählwerk um Mitternacht zurückgesetzt wird. Dieses magische Ereignis wird geschehen, während ich schlafe, und ich werde den Dienstag mit einem leeren Display beginnen. Das Zählwerk meiner Tochter Sonia wird dasselbe tun. Meine Söhne tragen keine Wortzähler. Während des Abendessens quatschen sie wie üblich über die Schule.

Sonia geht auch zur Schule, verschwendet jedoch keine Wörter für ihren Tagesbericht. Beim Essen des einfachen Eintopfs, den ich aus dem Gedächtnis zusammengeschustert habe, fragt Patrick sie nach ihren Fortschritten in Hauswirtschaftslehre, Körperlicher Fitness und einem neuen Unterrichtsfach namens Einfache Haushaltsbuchführung ab. Gehorcht sie ihren Lehrern? Wird sie in diesem Halbjahr gute Noten bekommen? Er weiß genau, welche Art von Fragen er stellen muss: geschlossene Fragen, die man nur mit Nicken oder Kopfschütteln beantworten kann."

Wenig empfehlenswert

Ein feministischer Science-Fiction-Roman, der sich mit der Vorstellung auseinandersetzt, dass Frauen in naher Zukunft die meisten Rechte und sogar das Sprechen verwehrt werden könnten? Das mag zum Nachdenken anregen in Zeiten, in denen ein offensichtlich sexistischer US-Präsident mehrheitlich gewählt wird, #metoo-Opfer von Frauen als Denunziantinnen diffamiert werden und der Pabst Abtreibung mit Auftragsmord gleichsetzt. Dass das Buch nach eigenen Angaben der Autorin Christine Dalcher innerhalb von zwei Monaten runtergeschrieben wurde, merkt man ihm aber leider an: Die Figuren wirken hölzern, ihre schematisch aufeinander abgestimmten Handlungen sind vorhersehbar, die Liebesbeziehung und das actiongeladene Happy-End entstammen dem VHS-Bestseller-Bausatz.

Gelungen ist das Gedankenspiel in Bezug auf die Darstellung des „So schnell sind Frauenrechte abgeschafft“. Dass es heutzutage leicht passieren könnte, dass erste Anzeichen für schwindende Rechte die eigene Bequemlichkeit nicht genügend ankratzen:

„Das Schlimmste war, dass Jackie sich irrte. Wir wurden nicht von zwanzig Prozent weiblicher Abgeordneter im Kongress auf fünf Prozent gedrückt. Innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre wurden wir auf fast gar nichts mehr gedrückt. (…) Der Kongress hatte die Vielfalt einer Schüssel Vanilleeis, und die beiden Frauen, die noch Regierungsämter innehatten, wurden rasch durch zwei Männer ersetzt.“

Der rasche Gewöhnungseffekt insbesondere bei der jungen Generation wird so detailliert geschildert, dass es in allen gruseligen Facetten vorstellbar wird. Erst seit etwa einem Jahr ist die christlich-fundamentalistische Bewegung „Make America moral again“ in den USA an der Macht und schon haben sich die Kinder und Jugendlichen daran gewöhnt, dass Mädchen schweigend in der Schule Hauswirtschaft lernen, während die Jungs zu Führungspersönlichkeiten ausgebildet werden. Das Verhältnis der Ich-Erzählerin zu ihrem pubertierenden Sohn verdeutlicht anschaulich, was es bedeutet, wenn die Hälfte der Menschheit ignoriert, nicht gehört und unterdrückt wird: Einfluss und Achtung lösen sich quasi in Luft auf. Die Diskriminierung nimmt ihren Lauf wie ein Flächenbrand, der immer weitere Gruppen umfasst – auch Homosexuelle:

„Im letzten Herbst hatte ich eine Dokumentation über diese Umerziehungslager gesehen. Steven hatte sie eingeschaltet. ‘Freaks‘, sagte er. ‚Geschieht ihnen recht.‘ (…) Er stellt den Ton ab, als eine endlose Reihe von Männern und Frauen aus einem Loch in einer Betonmauer quoll und zu der Farm marschierte. Jeeps mit bewaffneten Soldaten flankierten die Gefangenenparade. ‚Das ist eine Lebensentscheidung, Mom‘, sagte Steven. ‚Wenn man sich für eine Sexualität entscheiden kann, dann genauso gut für eine andere. Mehr wollen sie damit doch gar nicht beweisen.‘“

In der Bilanz ist das Buch eher eine seichte Strandlektüre mit geringem Anspruch und einigen wenigen Denkimpulsen zum Kampf gegen Diskriminierung und für Frauenrechte.

medica mondiale 10/2018

Über das Buch


„Ja, die Idee, um die sie ihr Debüt strickt, denkt schonungslos konsequent weiter, was all die Debatten zu #mansplaining, #metoo, #manterrupting in sich tragen: In einem Amerika nicht allzu ferner Zeit sind ultrachristliche Theokraten an der Macht. Ihr Slogan lautet "Make America Moral Again" - und die Frauen haben sie kurzerhand zum Schweigen gebracht. (…) Doch nun kommt der Haken. Auch wenn die These, auf der Dalcher ihre Sci-Fi-Story ausrollt, schlau ins Zentrum der Debatte um Gleichberechtigung zielt: Sie macht daraus nicht nur ein Buch, das literarisch etwa so wertvoll ist wie der x-te Dan-Brown-Aufguss. Sondern was als durchdringender, patriarchatsvernichtender Aufschrei beginnt, wird viele am Ende nur noch aufjaulen lassen - und sich bestimmt trotzdem zum internationalen Megaseller entwickeln.“

Spiegel Online, August 2018

 
„Viel „Inspiration“ – aber nichts inspiriert Dalcher zu etwas Neuem, wirklich Originellem. Auch wenn die Protagonistin sich von einer unpolitischen Karrierefrau zur feministischen Rebellin entwickelt, wirken die anderen Figuren schablonenhaft. Und anders als bei Atwood, die mit viel Aufwand den Gesellschaftsaufbau der Ultrareligiösen beschreibt, ist bei Dalcher nichts plausibel.“

Deutschlandfunk Kultur, September 2018

"In Vox erscheint kaum etwas plausibel. Man versteht nicht, wie die Armbänder funktionieren, wie sie finanziert werden, warum sie nie aufgeladen werden müssen und warum es auf einmal keine Hacker mehr gibt. Aber es sind nicht nur die Details. Vor allem bleibt unklar, warum die Armreifen überhaupt vonnöten sind, wenn es doch ausreicht, Frauen schlicht zu ignorieren, wie die letzten zweitausend Jahre eindrücklich bewiesen haben."

Zeit Online, August 2018

" (...) dies ist kein einfacher Anti-Trump-Roman. Er geht tiefer. Der Präsident twittert nicht, flucht nicht, sondern verfolgt kalt und berechnend sein Ziel, das in seinem Größenwahn jeden James-Bond-Film in den Schatten stellt. Hier trägt Dalcher doch etwas dick auf. Aber hätten wir das nicht auch über einen Roman gesagt, der vor zehn Jahren die USA von heute beschrieben hätte?
Dalchers Roman bleibt daher trotzdem auf eine unheimliche Weise aktuell. Weil er zeigt, wie schnell sich das, was wir für sicher halten, ändern kann. Wie schnell sich auch eine Demokratie in ein Land der Unterdrückung und Überwachung verändern kann - wenn niemand seine Stimme erhebt. Und damit sind ganz sicher nicht nur Frauen gemeint."

NDR, August 2018

"Nimmt man Christina Dalchers 'Vox' als Maß für den Debattenstand, hat die Megamassentauglichkeit gewonnen. Dabei hat dieses Debüt mit seiner imposanten Marketing-Bugwelle im Kern eine geniale Idee: Dalcher, promovierte Linguistin, dreht den Gedanken um Männerdominanz derart konsequent zu Ende, dass einem das Gruseln kommt. (...) Die geradezu aufrührerische Idee, um die Dalcher ihren Plot strickt, ist wirkungslos gegen unsägliche Stereotype, die ihren Dan-Brown-Lookalike-Roman prägen. Das irre Weltuntergangskomplott mit Biowaffenkriegsszenario kann Jean selbst nicht verhindern – sie braucht einen Ritter: ihren Lover mit dem Groschenroman-Namen Lorenzo."

taz, August 2018

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