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02. Februar 2018

Sexualisierte Gewalt im Krieg: „Niemand hatte Interesse, darüber zu reden“

Sexualisierte Gewalt kann strategisch als Kriegswaffe eingesetzt werden. Warum ist diese Gewaltform so effektiv bei der Zersetzung ganzer Gesellschaften über Generationen hinweg? Ist sie unvermeidbar? Was hat sie mit unserer Lebensweise, mit Geschlechterrollen, mit Macht zu tun? Wieso werden die Opfer sexualisierter Gewalt in ihrem Leid selten anerkannt? Beim Kolloquium zu diesem Thema zeichnete sich deutlich ab: Sexualisierte Kriegsgewalt kann nur wirksam bekämpft werden, wenn wir gesellschaftliche Zusammenhänge in den Blick nehmen. Renommierte Gäste aus der Wissenschaft, Forschung, Entwicklungszusammenarbeit, Politik und medizinischen Praxis wurden von der Heinrich-Böll-Stiftung und medica mondiale am 31.1. nach Berlin zur Diskussion geladen. Zahlreiche HörerInnen waren per Livestream zugeschaltet.

„Wir sind weit davon entfernt, zufrieden damit zu sein, wie sexualisierte Kriegsgewalt wahrgenommen wird“, betonte Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, in ihren einleitenden Worten. Monika Hauser stellte in ihrer Begrüßung heraus, dass es nicht reiche, sexualisierte Kriegsgewalt nur in entfernten aktuellen Konfliktgebieten zu betrachten: „Um wirklich im Außen wirksam sein zu können, müssen wir erstmal ins Innen schauen. Auch wir hierzulande brauchen Heilungsarbeit. Heilungsarbeit braucht Erinnerung.“ Damit bezog sie sich auf die kaum aufgearbeiteten Traumata, welche durch sexualisierte Gewalt während und nach dem zweiten Weltkrieg entstanden sind. Bisher seien sexualisierte Kriegsgewalt und ihre lebenslangen Folgen beschwiegen und banalisiert worden.

Historische Aufarbeitung und Benennung der Gewalt als erster Schritt der Traumabewältigung

Eine in den Geschichtsbüchern enorm verzerrte und einseitige Darstellung sexualisierter Kriegsgewalt hatte die Historikerin Miriam Gebhardt bereits in ihrem Buch „Als die Soldaten kamen“ mit Schwerpunkt auf dem zweiten Weltkrieg dargelegt. Mit ihrem Diskussionsbeitrag machte sie deutlich, in welchen „Sog des Schweigens“ sich sowohl die Überlebenden sexualisierter Gewalt, als auch die Nachkriegsgesellschaft sich begeben haben. Die Opfer empfanden Scham und Schuldgefühle. Ihr soziales Umfeld wollte durch den Deckmantel des Schweigens die zerstörten Familienstrukturen und „die guten Sitten“ vermeintlich schnell wiederherstellen.

Sexualisierte Gewalt während und nach dem Krieg wurde zu einem vernachlässigbaren Nebenprodukt degradiert. Den Opfern wurde in der Regel Mitschuld zugewiesen, die ihnen zugefügten Menschenrechtsverletzungen weder benannt noch anerkannt. Die Täterschaft wurde jahrzehntelang diffus dem Kriegsgegner zugeordnet, die westlichen Alliierten und deutschen Männer wurden ausgespart, weil es nicht ins Bild passte. Die Täter selbst blieben unbenannt und unbestraft. Miriam Gebhardt: „Es ist klar: Es war die größte Massenvergewaltigung bis dahin. Mir ist es ein Anliegen, dass es in die Schulbücher und die Lehrbücher kommt.“ Gebhardt machte in ihrem Vortrag deutlich, dass das Schweigen das Leid über Jahrzehnte konserviert und die nachfolgenden Generationen in Mitleidenschaft gezogen hat.

Trash-Kultur als Spiegel des unverarbeiteten Traumas: Pornographisch-verzerrte Darstellung in Film und Comics

Die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Insa Eschebach, veranschaulichte in ihrem Redebeitrag, dass in der internationalen Film- und Comic-Kultur die Verarbeitung der erlebten sexualisierten Gewalt und Zwangsprostitution in Zwangsarbeitslagern teils groteske Züge annahm. Der italienische Sexploitationfilm der 60er/70er Jahre, wie zum Beispiel „Der Nachtportier“, ergötzt sich an überzeichneten sadomasochistischen Zügen, die der Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Konzentrations- und Zwangslagern angedichtet wurde. Israelische Stalag-Comics aus den 60ern stellen in Trash-Qualität vollbusige Nazisoldatinnen in den Mittelpunkt, welche in pornographischer Weise Lagerinsassen quälen.

Eschebach: „Die Überlebenden sexualisierter Gewalt fühlten sich von den Medien ausgebeutet. Niemand hatte Interesse, darüber zu reden, was an sexualisierter Gewalt wirklich geschehen war.“ Die unausgesprochene Wahrheit war, dass Tausende von Frauen und Mädchen in den Lagern zur Prostitution gezwungen wurden. Sie seien „Anreiz und Belohnung für den fleißig arbeitenden Häftling und Soldaten gleichermaßen“ gewesen, so Eschebach.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen im Krieg: Ein belastendes Erbe auch für die nachfolgenden Generationen

Aus Sicht der Psychotherapeutin Luise Reddemann ist der von Verachtung und Verdrängung geprägte Umgang der Nachkriegs-Gesellschaft mit Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt eine Verletzung der Menschenwürde: „Diese Frauen und Mädchen sind sechzig Jahre und länger innerlich nicht zur Ruhe gekommen. Das ist eine fortgesetzte Quälerei, die fast foltermäßig erlebt wird.“ Reddemann machte anhand mehrerer Fallbeispiele aus ihrer therapeutischen Praxis deutlich, welches Leid diese unbewältigten traumatischen Erfahrungen auch für die folgenden Generationen mit sich bringen. Die Söhne und Töchter wüssten oft nichts von der Vergewaltigung ihrer Mütter, hätten eine Kindheit ohne Bindung und Nähe erleben müssen, voller Schmerz und Trauer. Die Folge seien sekundäre Traumatisierungen mit ähnlichen Symptomen wie bei den Überlebenden.

Zu den Langzeitfolgen sexualisierter Kriegsgewalt zählen ein geringes Selbstbewusstsein, Schlafstörungen, selbstzerstörerische Züge, Alkoholismus und Depressionen. Dabei gebe es laut Reddemann eine klare Verbindung zwischen sozialer Unterstützung und der empfundenen Belastung. In der zweiten und dritten Nachkriegsgeneration könne erst Ruhe eintreten, wenn das Leid anerkannt und Bewältigungsstrategien zur Verfügung gestellt würden. Monika Hauser dazu: „Betroffene Frauen und Mädchen (aber auch Männer und Jungen) werden von der Politik und Gesellschaft weitestgehend allein gelassen. Der Umgang mit den Folgen von sexualisierter Kriegsgewalt und den damit einhergehenden Traumata wird individualisiert. Überlebende bleiben auf der Last sitzen und müssen sehen, wie sie damit klarkommen.“

Analyse der Geschlechterverhältnisse ist der Ansatzpunkt für Prävention sexualisierter Gewalt

Die Soziologin Ruth Seifert legte in ihrer kurzen Rückschau auf die Forschung zu sexualisierter Kriegsgewalt offen, wie sich die Sichtweisen verändert haben. Betrachtete man in den Anfängen dieser Forschung noch die Zusammenhänge zwischen sexualisierter Kriegsgewalt und Diskriminierung in Friedenszeiten (Kontinuum der Gewalt), rückten später das überzeichnete Männlichkeitsbild bei Institutionen wie dem Militär sowie die gruppenbildende Wirkung gemeinsam ausgeübter Gewalt in den Mittelpunkt der Analyse. In den 2000er Jahren war das Erklärmuster der sexualisierten Kriegsgewalt als strategisch eingesetzte Kriegswaffe weit verbreitet und fand in der UN-Resolution 1820 ihren politischen Ausdruck auf internationaler Ebene.

Seifert stellte klar, dass es nicht ausreicht, auf die Nachweisbarkeit von militärischer Strategie und beweisbaren Befehlen und Anweisungen zu blicken. Aus ihrer Sicht ist es weitaus sinnvoller, sich die Effekte dieser Gewaltform und ihre kriegsstrategischen Folgen zu betrachten: „Effekte sind die körperliche und psychische Zerstörung der Opfer. Dazu kommen kollektive Effekte, die Kommunikationsfunktion übernehmen.“ Kommuniziert werden beispielsweise Demütigung, Niederlage und die Dominanzposition der Täter. Sexualisierte Kriegsgewalt demoralisiert und zerstört den Zusammenhalt der Gemeinschaft, aus welcher die Opfer stammen. Darüber hinaus kommen Langzeiteffekte wie kollektive Traumatisierungen.

Auch wenn es in der Forschung zwischenzeitlich Tendenzen gab, sexualisierte Kriegsgewalt geschlechtsneutral zu betrachten („Ent-Geschlechlichung“), ist nach Seiferts Meinung diese Position nicht haltbar: „Warum ist es ausgerechnet die sexualisierte Gewalt, die eine solche Schlagkraft hervorbringt? Was bedeutet es für ein Kollektiv, wenn ein Mitglied sexualisierter Folter ausgesetzt ist? Diese Fragen sind nur auf der Analyse der Geschlechterverhältnisse allgemein zu beantworten.“ Darauf antwortete Monika Hauser abschließend: „Sexualisierte Kriegsgewalt hat diese verheerende Wirkung, weil sie den innersten sozialen Kern einer Gesellschaft trifft!“

Politische und gesellschaftliche Übernahme der Verantwortung für eine gewaltfreie Zukunft

Sybille Fezer, Geschäftsführerin für Programmarbeit bei medica mondiale, war für die kurzfristig erkrankte Historikerin Gabriela Mischkowski als Referentin eingesprungen. Sie zitierte einen gemeinsamen Artikel Mischkowskis und Hausers zur Erläuterung, warum sexualisierte Kriegsgewalt keinesfalls nur als strategisch eingesetzte Kriegswaffe gesehen werden darf: „Vergewaltigungen können im Krieg als Waffe dienen und zur Erreichung bestimmter Kriegsziele dienlich sein. Sie jedoch ausschließlich funktional zu sehen, heißt, den Fokus auf Ereignisse und Täter zu legen, die mit uns und unserer Welt nichts zu tun haben. So können wir uns davon abgrenzen, moralisch darüber erheben und müssen keine Verantwortung übernehmen.“

Monika Hauser war es bezüglich dieser Übernahme von Verantwortung besonders wichtig, in ihrem Beitrag den politischen Auftrag für Schutz, Aufarbeitung und Prävention klarzustellen: „Es wird zugelassen, dass sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt ausgeübt wird, dass die Täter und Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden und dass Überlebende keine adäquate Unterstützung erhalten. Es kann nicht angehen, dass Politik und Gesellschaft hier keine Verantwortung übernehmen!“ Sie betonte, dass es hierbei nicht um Wohltätigkeit gehe, sondern darum, Menschenrechte für die Hälfte der Bevölkerung durchzusetzen: „Nur so kann nachhaltiger Frieden gelingen!“

 

Weitere Themen des Kolloquiums

  • Der geplante Vortrag des Sozialpsychologen Rolf Pohl „Militarisierte Männlichkeit und sexuelle Gewalt – der Kampf um männliche Vorherrschaft in der westdeutschen Nachkriegszeit“ musste wegen kurzfristiger Erkrankung leider entfallen.
  • Franziska Brantner, Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen, äußerte sich in ihrem Beitrag zur „Umsetzung der UN-Resolution 1325“ im politischen Alltagsgeschäft.
  • Die Rechtsanwältin Silke Studzinsky beschäftgite sich mit dem Thema „Ende der Straflosigkeit – opferzentrierte Strafverfolgung“.


Verwandte Themen

Die ersten Stunden des Kolloquiums über sexualisierte Kriegsgewalt sind bei YouTube verfügbar.

Die deutsche Zusammenfassung der Studie „We are still alive. We have been harmed but we are brave and strong.” und ein Video zu den Langzeitfolgen sexualisierter Kriegsgewalt finden Sie in der Mediathek.