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23. Mai 2018

Sarajevo: Kinder des Krieges – Jahrzehnte des Schweigens

In Frieden leben. Das wollen wohl alle Menschen. Wie kann eine Gesellschaft nach dem Krieg Frieden finden? Ist mit den letzten Bomben und Maschinengewehrsalven alles vorbei? Der Wunsch ist mächtig, sich von der ausgeübten und erlebten Gewalt schlichtweg abzuwenden. Doch eine Gesellschaft kann nicht heilen, wenn sie (sexualisierte) Kriegsgewalt und die damit verbundenen traumatischen Erfahrungen nicht aufarbeitet, nicht darüber spricht. Selbst nachfolgende Generationen leiden darunter ein Leben lang. Zu diesem Schluss kamen die meisten TeilnehmerInnen der Konferenz „Eine generationenübergreifende Perspektive auf sexualisierte Kriegsgewalt“, die am 14. Mai in Sarajevo stattfand. Unter ihnen Monika Hauser sowie VertreterInnen der bosnischen Organisation Forgotten Children of War.

Im Mittelpunkt der Konferenz standen die Kinder des Krieges in Bosnien. Jene, deren Leben vor rund 25 Jahren damit begann, dass ihre Mütter vergewaltigt wurden. Die Täter? (Gegnerische) Soldaten, Blauhelmsoldaten, Paramilitärs, Angehörige verfeindeter Volksgruppen, ehemalige Nachbarn, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und andere. Über deren Kinder wird jahrzehntelang ebenso geschwiegen, wie über die Menschrechtsverletzungen, die ihre Mütter erleiden mussten. Kaum ein Krieg, in dem das anders ist. Eins ist klar: Sexualisierte Gewalt und das Schweigen darüber sind kein Zufall. Wenigstens wurden in Bosnien-Herzegowina durch Frauenorganisationen wie Medica Zenica oder Vive Žene in Tuzla schon sehr früh Unterstützungsangebote für Frauen und Mädchen aufgebaut.

Zeit zu sprechen über Vergewaltigung im Krieg

Bereits zum 60. Jahrestag des Endes des zweiten Weltkriegs hat medica mondiale 2005 mit einer Öffentlichkeitskampagne und der Broschüre „Zeit zu sprechen“ auf das Schweigen über sexualisierte Kriegsgewalt aufmerksam gemacht. Was braucht es, um darüber zu sprechen? Auf die Frage, wie lange es dauere, bis Menschen in der Lage seien, über sexualisierte Kriegsgewalt zu sprechen, antwortete Heide Glaesmer, Psychologin an der Uni Leipzig: „Das hängt von den historischen und politischen Umständen ab. Es hat mit Schuld zu tun, mit traumatischen Erfahrungen.“ Sabine Lee, Geschichtsprofessorin der Universität Birmingham, ergänzte: „Erst wenn die Gesellschaft bereit ist, darüber zu sprechen, erst, wenn sie es erlaubt, ist dieses Gespräch möglich, sobald die Betroffenen die Kraft dazu finden.“ Esmina Avdibegovic, Professorin und Medizinerin an der Universität Tuzla, sprach in diesem Zusammenhang von einem „Komplott des Schweigens“.

Doch wie können die Überlebenden Kraft finden, wenn weder der Staat noch die Gesellschaft ihr Leid anerkennen? Wenn sie nicht darüber sprechen sollen und aufgrund der erlebten Gewalt sogar diskriminiert, ausgestoßen werden? Avdibegovic betonte, wie relevant es für Bosnien-Herzegowina war, dass Monika Hauser in den 90er Jahren mit Hilfe von Spenden nicht nur ganzheitliche Unterstützungsangebote initiierte, sondern auch der Stigmatisierung ganz bewusst Aufklärung entgegensetzte. Das vor 25 Jahren gegründete Medica Zenica war eine der ersten Frauenrechtsorganisationen, die sich gegen dieses Schweigen aufbäumte, den Frauen Unterstützung anbot und gesellschaftlichen Wandel einforderte.

Was bedeutet das jahrzehntelange Schweigen für die Kinder des Krieges?

Es gab für viele Frauen einen zusätzlichen Grund, stigmatisiert zu werden: Ihre Kinder, die aus Vergewaltigungen hervorgegangen sind. Als „Bastarde“ und „Feindeskinder“ beschimpft, erlebten diese eine ähnliche Stigmatisierung wie ihre Mütter. Ihr Leid wurde ignoriert, die “Schande“ ging vom Täter auf das Opfer über. Gleichzeitig wirkten sich die Folgen der traumatischen Erfahrung ihrer Mütter auf ihre Mutter-Kind-Beziehung aus: eine geringe Bindung, Gewalt und emotionale Vernachlässigung prägen ihre Kindheit, werden diese Familien nicht traumasensibel sozialpsychologisch unterstützt. Die gesundheitlichen und seelischen Folgen für die Kinder sind laut vorgestellter Studienergebnisse von Amra Delic, Universität Greifswald, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit unter anderem eine geringe Selbstachtung, Angstgefühle, Depressionen, Bindungsunfähigkeit sowie Alpträume.

Monika Hauser benennt Ursachen für dieses generationenübergreifende Wirken dieser traumatischen Erfahrungen: "Wir können davon ausgehen, dass das Tabu, über erlebte sexualisierte Gewalt, über diese Verbrechen zu sprechen, einer der Hauptgründe ist, warum dieses Trauma auf die nächste Generation übergeht. Wir müssen also die Gründe für dieses Tabu beseitigen." Es gehe darum, so Monika Hauser, die traumatischen Kriegserlebnisse als Ganzes anzusprechen und die eigenen Wunden des Krieges zu verstehen und zu verarbeiten. Erst dann ist das Fachpersonal aus dem Gesundheitsbereich, der Polizei oder der Justiz in der Lage, auf traumasensible Weise den Opfern sexualisierter Kriegsgewalt und deren Kindern zu begegnen, ohne sie und sich selbst der Gefahr von (Re-)traumatisierung auszusetzen. Dies ist eine wichtige Erfahrung aus den vergangenen 25 Jahren Praxisarbeit von medica mondiale und Medica Zenica.

Stärke und Widerstandskraft im Einsatz für eine gewaltfreie Zukunft

Tabus zu beseitigen, das Schweigen zu brechen und die Gesellschaft auf die schwelenden Folgen der Kriegsgewalt aufmerksam zu machen, hat sich die neu gegründete Organisation Forgotten Children of War auf die Fahnen geschrieben. Gegründet wurde sie 2015 von zwei Menschen, die eine Kindheit und Jugend lang damit leben mussten, stigmatisierte Kriegskinder zu sein und die Stärke besitzen, Ungerechtigkeiten und Tabus anzuprangern: Ajna Jusic und Alen Muhic. Ajna Jusic war gemeinsam mit ihrer Mutter Sabina Basic gekommen. Basic war mit ihrer Tochter eine der ersten Klientinnen von Medica Zenica; Monika Hauser wiegte Ajna als Baby mehr als einmal behutsam in den Schlaf. In einer abschließenden Gesprächsrunde mit Ajna und Sabina wurde besonders deutlich, wie sich bei zugewandter Unterstützung eine gestärkte Widerstandskraft (Resilienz) selbst nach solch schweren Erfahrungen ausbilden kann. medica mondiale ist sehr daran interessiert, die Arbeit von Forgotten Children of War mittels Spenden finanziell und fachlich beratend zu unterstützen.

Hintergrundinformationen zur Konferenz

Veranstalterin der Konferenz „A transgenerational perspective on conflict-related sexual violence – Facing the Past – Transforming the Future“ war der Wissenschaftsverbund CHIBOW (Children Born of War) in Kooperation mit den Universitäten Leipzig und Greifswald. Sie fand am 14. Mai in Sarajevo statt und wurde von rund 100 Menschen aus der Wissenschaft, aus Ministerien, aus Frauenrechtsorganisationen und der Presse besucht.

 

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