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10. August 2018

Mädchenbildung in Nachkriegsländern: Maßnahmen am Beispiel von Medica Liberia

Bildung ist ein Menschenrecht. Als Frauenrechtsorganisation engagieren wir uns dafür, dass auch Mädchen dieses Recht wahrnehmen können. Anlässlich des Fachgesprächs zu Mädchenbildung in Nachkriegsländern der GRÜNEN-Bundestagsfraktion am 27. Juni 2018 in Berlin, berichtete Jeannette Böhme, Referentin für Politik und Menschenrechte bei medica mondiale, von unseren Erfahrungen aus dem Postkonfliktland Liberia. Dort arbeitet unsere Partnerorganisation Medica Liberia eng mit Schulen zusammen. Warum wird Mädchen der Zugang zu Bildung erschwert und welche Lösungsansätze gibt es?

Wenn wir über Mädchenbildung in bewaffneten Konflikten reden, dann müssen wir auch über geschlechtsspezifische Gewalt und Trauma reden. Denn Gewalt und Trauma schränken den Zugang von Mädchen zu Bildung massiv ein. Die Gründe, warum Mädchen nicht zur Schule gehen beziehungsweise ihr Recht auf Bildung nicht in vollem Umfang wahrnehmen können, sind vielfältig und müssen auf individueller, familiärer, institutioneller, politischer und gesellschaftlicher Ebene angegangen werden. Gemeinsam mit unseren Partnerinnen vor Ort entwickeln wir ganzheitliche Unterstützungsangebote nach diesem Mehrebenenansatz.

Sensibilität für erlebte Gewalt und Traumatisierungen notwendig

Bewaffnete Konflikte gehen für die Zivilbevölkerung mit traumatischen Erfahrungen wie Vertreibung, Hunger, dem Tod von Angehörigen und natürlich der andauernden Gefahr für Leib und Leben einher. Für Frauen und Mädchen endet die Gewalt jedoch nicht nach Waffenstillstandsvereinbarungen, sondern setzt sich in Nachkriegskontexten fort. Gerade sexualisierte Gewalt führt zu besonders starken traumatischen Stressreaktionen, wie zum Beispiel andauernden Flashbacks, Angstattacken und Depressionen. Dies schränkt den Zugang von Mädchen zu Bildung gravierend ein. Es ist daher wichtig, dass die Prinzipien der Traumasensibilität in Bildungsangeboten und Institutionen verankert werden:

  • Die Schule muss ein Ort sein, an dem Mädchen sicher sind und vor erneuter Gewalt geschützt werden.
  • Mädchen müssen Anerkennung und Wertschätzung erfahren und ihre eigene Selbstwirksamkeit erleben können.
  • Und Mädchen müssen in Schulen die Erfahrung von Solidarität und sozialer Verbindung machen. Sie können so gemeinsam mit anderen ihre Bewältigungskompetenz nach Gewalterfahrungen stärken.

Mädchen haben so die Möglichkeit, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren und Kontrolle über ihr Leben sowie Vertrauen in sich und andere wiederzuerlangen. Um den Zugang von Mädchen zu Bildung zu gewährleisten, bedarf es eines ganzheitlichen Ansatzes.

Mädchen oder junge Frau: Benachteiligung aufgrund des biologischen und sozialen Geschlechts

  • Vielfältige Erfahrungen von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt führen zu Trauma-Folgereaktionen und schränken die Lernfähigkeit von Mädchen ein. Hinzu kommt, dass Mädchen stigmatisiert und sozial ausgegrenzt werden.
  • Teenagerschwangerschaften aufgrund derer der Schulbesuch nicht fortgeführt wird. In Liberia liegt der Anteil von Mädchen an den weiterführenden Schulen bei rund 40 Prozent. Zwei Drittel aller Mütter sind unter 19 Jahren.
  • Menstruation: Da keine Hygieneartikel verfügbar sind, können sie in dieser Zeit nicht zur Schule gehen. Das kenianische Bildungsministerium schätzt, dass Mädchen in vier Jahren Highschool insgesamt 156 Tage verpassen, weil sie wegen ihrer Periode dem Unterricht fernbleiben.

Lösungsansatz – Mädchen beraten und direkt unterstützen

  • Trauma-sensible ganzheitliche Unterstützung für von Gewalt betroffene Mädchen bereitstellen, zum Beispiel psychosoziale und rechtliche Beratung.
  • Schon im Vorfeld Gesundheitsberatung und konkrete Unterstützung von schwangeren Mädchen und jungen Müttern etwa durch Berufsförderung.
  • Gesundheitsberatung und Hygieneartikel kostenlos zur Verfügung stellen.

Familie und Dorfgemeinschaft: Für Mädchen werden weniger Ressourcen bereitgestellt

  • Finanzielle Ressourcen werden prioritär in die Schulbildung von Jungen investiert, wie zum Beispiel das fällig werdende Schulgeld.
  • Mädchen erhalten weniger Nahrung. Mit hungrigem Magen lernt es sich schlecht.
  • Mädchen müssen zusätzlich unbezahlte Arbeit leisten, etwa Feldarbeit oder Wasser holen. Ihnen bleibt so weniger Zeit für den Schulbesuch und um zu lernen.

Lösungsansatz – Familien und Dorfgemeinschaften an Bord holen

  • Es braucht Sensibilisierungsarbeit über die Rechte von Mädchen in den Familien und Dorfgemeinschaften.
  • Konkrete Lösungen müssen gemeinsam mit Familien und Dorfgemeinschaften erarbeitet werden.

Institution Schule: Diskriminierung und Gewalt an Schulen

  • Sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt sowie sexuelle Ausbeutung durch Mitschüler aber vor allem durch Lehrer sind allgegenwärtig, beispielsweise die sogenannten „Grades for Sex“, welche in Liberia ein großes Problem darstellen.
  • Geschlechterdiskriminierende Einstellungen von Lehrern und in Lehrmaterial wirken entmutigend: „Du kannst niemals Ärztin werden, das ist für Jungs.“

Lösungsansatz – aktive Gestaltung sicherer und gleichberechtigter Schulen

  • Es bedarf Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit mit LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern über Frauenrechte, Gewalt und Traumafolgen.
  • Schutzstrukturen müssen etabliert werden, zum Beispiel Ombudspersonen, an die sich Mädchen wenden können.
  • Es braucht dringend mehr Lehrerinnen. Bezahlte Lehrerjobs gehen vor allem im ländlichen Raum überwiegend an Männer.
  • Jungenarbeit zur Selbstreflexion sollte gefördert werden.
  • Sichere Räume für Mädchen müssen geschaffen werden, in denen sie Solidarität erleben und sich gegenseitig unterstützen. Ein erfolgreiches Beispiel hierfür sind die Girls Clubs von Medica Liberia.

Politik: Rahmenbedingungen für das Recht der Mädchen auf Bildung schaffen

  • Bessere Verzahnung und Zusammenarbeit von staatlichen Stellen aus den Bereichen Bildung, Gesundheit, Justiz, Sozialwesen und Polizei. Zum Beispiel müssen Gewalttaten strafrechtlich konsequent verfolgt werden.
  • Es ist aber auch notwendig, dass die Politik in qualifizierte Bildung investiert: in geschlechter- und trauma-sensible Curricula für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern, in geschlechtergerechtes Unterrichtsmaterial und in regelmäßige Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer.
  • Gesellschaftliche Ebene: Aufklärungskampagne gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung initiieren.