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19. April 2018

Liberia: Die erste Frau an der Spitze der Regierung - ein feministischer Rückblick

Sie war die erste Frau, die durch eine Wahl zum Staatsoberhaupt eines afrikanischen Staates wurde. 2011 erhielt sie den Friedensnobelpreis: Ellen Johnson Sirleaf. Kürzlich schied sie nach zwei Legislaturperioden aus dem Amt der Präsidentin. Zeit für ein feministisches Fazit von Caroline Bowah Brown, Leiterin der lokalen Frauenrechtsorganisation Medica Liberia:

„Ellen Johnson Sirleaf hat ihre Amtszeit nicht genutzt um eine starke frauenpolitische Agenda zu verfolgen. Das steht im Widerspruch zu den hohen Erwartungen an sie und der Tatsache, dass Frauen und Mädchen in Liberia seit Jahrzehnten großes Leid erfahren. Jetzt könnten einige Leute einwenden: „Sie war eben keine Präsidentin ausschließlich für Frauen, sondern für eine ganze Nation“

Diesen Menschen möchte ich ein Zitat aus Sirleafs Rede bei ihrer Amtseinführung entgegenhalten. Dort sagte sie:

„Mein Ziel ist es, die Frauen in Liberia an allen politischen Angelegenheiten zu beteiligen und sie in allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu unterstützen. Wir werden Gesetze ändern, um die Würde der Frauen wiederherzustellen und uns endlich mit den unmenschlichen Verbrechen auseinandersetzen, die den Frauen in Liberia angetan wurden. Wir werden Gesetzte gegen Vergewaltigung in Kraft setzen.“

Unterstützung der Frauen sicherte Sirleaf das Amt

Es gab (und gibt) eine alarmierend hohe Anzahl an Vergewaltigen in Liberia. Also gingen wir davon aus, dass die erste Frau in diesem Amt sich politisch dafür einsetzt, die Situation von Frauen und Mädchen zu verbessern. Unsere ehemalige Präsidentin war sich durchaus bewusst, welche wichtige Rolle die Frauen im Friedensprozess spielten und bei der Befriedung der Gesellschaft, also der Menschen, die sie später zur Präsidentin wählten. 

Die erste Frau an der Spitze eines afrikanischen Staates

All das ist nicht passiert. Die Regierungszeit von Ellen Johnson Sirleaf war aus Frauensicht eine Enttäuschung. Trotzdem sind wir fast gezwungen sie zu feiern. Warum? Weil sie die erste Frau im höchsten Amt dieses Landes und überhaupt des Kontinents Afrika war und dieser Schritt bleibt epochal. Es war das erste Mal eine - zumindest symbolische – politische Repräsentation der Frauen in Liberia und Afrika. Das wird uns keiner mehr nehmen, das hat die Geschichte verändert, es steht jetzt schon in den Geschichtsbüchern.

Ein zu tiefst frauenfeindliches System

Wir haben mehr erwartet von unserer ersten Präsidentin. Dabei haben wir nicht bedacht, dass Ellen Johnson Sirleaf in einem zu tiefst frauenfeindlichen System an die Macht kam. Wir haben nicht bedacht, dass es nicht ausreicht, wenn eine Frau an der Spitze dieses Systems steht. Heute wissen wir, dass es dazu viel, viel mehr braucht.

Die liberianische Gesellschaft ist äußerst patriarchal, die Rolle der Frau wird traditionell als Hausfrau und Erzieherin von den Kindern gesehen. Sirleaf hat mit dieser Tradition gebrochen und neues Terrain betreten, an einem Ort, der vorher kein Platz für Frauen war. Das war ein großer Schock innerhalb dieses Systems, das Frauen unterdrückt und diskriminiert.

Ellen Johnson Sirleaf ist keine Feministin

Am Ende ihrer Amtszeit steht jedoch fest: Dieses System ist nicht gemacht, um politisch oder gesellschaftlich die Gleichberechtigung herbeizuführen.

Außerdem ist Ellen Johnson Sirleaf keine Feministin. Deshalb gab sie sich auch keine Mühe, feministisch zu führen oder Geschlechtergerechtigkeit in der von Männern dominierten Gesellschaft zu etablieren.

Wie können wir diese Ikone feiern, ohne sie an ihren Leistungen für Frauen und Mädchen zu messen? Auf der anderen Seite war das unser erster Aufstieg zur Macht, den wir wertschätzen und immer feiern werden. Wir erkennen an, dass seit Sirleaf mehrere Ministerien von Frauen geleitet werden und mehr Frauen im Kabinett waren als bisher.

  • Es bleiben die folgenden Fragen, die unser feministisches Dilemma beschreiben:
  • Was hat sie getan für die Rechte für Frauen und Mädchen?
  • Was hat sie getan für die Repräsentation der Frauen in unserer Gesellschaft?
  • Was hat sie getan für junge und alte Frauen, die täglich vergewaltigt werden?

Das sind die Fragen, an denen wir die Politiker und Politikerinnen unseres Landes messen sollten."