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06. Juli 2018

Frauenrechts-Heldin Nataša Kandić: "Die Volkszugehörigkeit spielt keine Rolle; ein Verbrechen ist ein Verbrechen."

Nataša Kandić ist Gründerin des Humanitarian Law Centers in Belgrad und Kosovo und setzt sich dafür ein, dass ihr Heimatland Serbien Verantwortung übernimmt für die Gräueltaten, die in den 1990er Jahren dort und im Kosovo begangen wurden.

Bei der Suche nach der Wahrheit ist die serbische Soziologin und Rechtsanwältin Nataša Kandić unermüdlich. Schon seit über zwei Jahrzehnten trägt sie Dokumente, Zeugenaussagen und Beweisstücke zusammen und versucht ans Licht zu bringen, was in den 1990er Jahren während der Kriege auf dem Balkan geschah – damals, als lange unterdrückte ethnische Spannungen die Oberhand gewannen und das ehemalige sozialistische Jugoslawien in seine sechs Teilrepubliken zerfiel: Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro und Mazedonien.

Serbien war die größte Teilrepublik und auch in den angrenzenden Landesteilen Kroatien und Bosnien und Herzegowina lebten viele Serben. Der serbische Präsident Slobodan Milošević plante, sein Land um diese Territorien zu erweitern und die nicht-serbische Bevölkerung daraus zu vertreiben. Über 250.000 Menschen verloren während der Konflikte ihr Leben. Zehntausende Frauen waren das Ziel von sexualisierter Kriegsgewalt. Ein Großteil der Bevölkerung musste fliehen.

Nataša Kandić möchte, dass ihr Heimatland Verantwortung übernimmt für die Gräueltaten, die dort und im Kosovo – damals eine autonome Provinz Serbiens – begangen wurden. Bereits 1992 gründete sie in Belgrad das Humanitarian Law Center (HLC, dt. „Fond für humanitäres Recht“), das sie 20 Jahre lang leitete. Bis heute dokumentiert es sämtliche Menschenrechtsverletzungen, die von den Kriegsparteien verübt wurden, bringt die Verantwortlichen vor Gericht und ermutigt ZeugInnen, auszusagen. Fünf Jahre später eröffnete Nataša Kandić in Pristina das Humanitarian Law Center Kosovo, dessen Vorstandsmitglied sie nach wie vor ist.

Einen besonderen Erfolg konnte das HLC 2005 verbuchen, als es gelang, dem „Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien“ in Den Haag ein Video zu übergeben, auf dem zu sehen ist, wie eine serbische paramilitärische Einheit sechs bosnische Muslime erschießt. Dieses Video, das auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde, führte nicht nur zur Verurteilung der Täter, sondern auch zur Überstellung der politisch und militärisch Verantwortlichen an den Strafgerichtshof.

Als Nataša Kandić im Februar 2008 an der Verabschiedung der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo im kosovarischen Parlament teilnahm, erreichten die Anfeindungen und Drohungen gegen sie einen Höhepunkt. Doch die 72-jährige Aktivistin, die schon viele nationale und internationale Menschenrechtspreise erhielt, lässt sich nicht einschüchtern und macht weiter, mit einem klaren Ziel vor Augen: „Wenn wir Veränderungen wollen, wenn wir eine demokratische Zukunft wollen, wenn wir wollen, dass Serbien Mitglied der Europäischen Union wird, bedeutet das, dass wir neue Leute brauchen, die für begangenes Unrecht Verantwortung übernehmen, die die Opfer in Zukunft ernst nehmen und ihrem erlittenen Leid sowie ihrem Bedürfnis nach Gerechtigkeit Beachtung schenken.“

Auch medica mondiale engagiert sich mit mehreren Projekten auf dem Balkan. Gemeinsam mit der von uns gegründeten Organisation Medica Zenica unterstützen wir bis heute kriegstraumatisierte Frauen und Mädchen in Bosnien und Herzegowina durch gynäkologische Versorgung sowie psychosoziale und juristische Beratung. Mit beharrlichem politischen Engagement ist es den Partnerinnen zudem gelungen, eine Rente für Frauen durchzusetzen, die während des Kriegs vergewaltigt worden sind.

Hintergrund der medica mondiale Serie „Frauenrechts-HeldInnen im Fokus“

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit möchten wir deren persönlichen Einsatz würdigen und zugleich daran erinnern, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

Unterstützen Sie die Frauenrechtsarbeit von medica mondiale und solidarisieren Sie sich mit Frauen auf der ganzen Welt

Weitere Frauenrechts-Heldinnen:

2007 gründete die Menschenrechtlerin Mozn Hassan aus Ägypten die Organisation „Nazra for Feminist Studies“ mit dem Ziel, Frauen in Ägypten zu stärken und ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen.

Mit der Gründung der Gewerkschaft SEWA, der Self-Employed Women's Association, gab Ela Bhatt den Ärmsten der indischen Gesellschaft, bis dahin rechtlose Frauen, endlich eine Stimme.

Godelieves Mukasarasis ganzes Engagement gilt den Frauen und Kindern, die an den Folgen des Genozids in Ruanda leiden.