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16. Mai 2018

Frauenrechts-Heldin Mozn Hassan: „Wir sind überzeugt, dass feministische Solidarität ein universelles, grenzüberschreitendes Konzept ist.“

2007 gründete die Menschenrechtlerin aus Ägypten die Organisation „Nazra for Feminist Studies“ mit dem Ziel, Frauen in Ägypten zu stärken und ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen. 2016 erhielt sie den Alternativen Nobelpreis, welchen sie aufgrund eines Ausreiseverbots wegen ihres Einsatzes für Frauenrechte nicht persönlich in Empfang nehmen konnte.

„Wir sind keine nette, akzeptable Frauenorganisation, die Entwicklungsarbeit betreibt. Wir sind eine feministische Bewegung“, betont Mozn Hassan. Die 39-Jährige ist eine kämpferische Frau. Nach ihrem Studium gründete die Menschenrechtlerin aus Ägypten 2007 die Organisation „Nazra for Feminist Studies“. Ihr Ziel: Frauen in Ägypten zu stärken und ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen. Frauen im Mittleren Osten können sich oft nicht frei im öffentlichen Raum bewegen, sich kleiden wie sie wollen, und ihre Interessen verfolgen. Ihr Verhalten wird von einer patriarchalen Gesellschaft reglementiert.

Mozn Hassan hat Erfahrung mit dieser Art der sozialen Kontrolle. Ihre Kindheit verbrachte sie in Saudi Arabien, wo ihr Vater an einer Universität lehrte. Schon als Zehnjährige konnte sie nicht mehr ohne Schleier aus dem Haus gehen. Sie beneidete ihren Bruder, der mehr Freiheiten hatte als sie. „Er konnte alles tun, alles sagen, alles lesen, was für Mädchen nicht ‚passend‘ gewesen wäre“, erzählt sie. „Ich war so wütend!“

Umso entschlossener kämpft sie als Erwachsene gegen die Diskriminierung von Frauen und Mädchen. Während des „Arabischen Frühlings“ 2011 harrten Mozn Hassan und ihre Mitstreiterinnen von Nazra Tag und Nacht auf dem Tahrir-Platz aus, stimmten ein in den Ruf nach Freiheit und Demokratie für alle Ägypterinnen und Ägypter. Dort wurden Sie Zeuginnen der Gewalt gegen Frauen, die überfallen, geschlagen und im schlimmsten Fall vergewaltigt wurden, weil sie es wagten, sich mit ihrem Protest der Kontrolle des patriarchalen Systems zu entziehen.

Nazra organisierte medizinische, psychologische und juristische Unterstützung für die Betroffenen, richtete ein Notfalltelefon für Frauen ein, die sexuell belästigt wurden. In Strafverfahren gegen Vergewaltiger erreichten die Anwältinnen, mit denen Nazra zusammenarbeitet, wegweisende Urteile. Nazra setzte sich gemeinsam mit anderen Menschenrechtsorganisationen erfolgreich dafür ein, dass Frauenrechte in der neuen Verfassung von 2014 berücksichtigt und sexuelle Belästigung als Straftatbestand anerkannt wurde.

Mozn Hassans Vorbild ist Doria Shafik. Schon als Jugendliche war Hassan fasziniert von der Feministin, die in den 1940er und 1950er Jahren für das Wahlrecht für Frauen in Ägypten kämpfte. Shafik lebte viele Jahre unter Hausarrest, wurde wegen ihres Einsatzes für Frauenrechte angefeindet. Ein Schicksal, das Mozn Hassan teilt. Seit Juni 2016 verwehren ihr die ägyptischen Behörden die Ausreise. Ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet mit der Begründung, Nazra habe ausländische Gelder für illegale Zwecke angenommen. Ein Vorwurf, mit dem derzeit viele zivilgesellschaftliche Organisationen in Ägypten mundtot gemacht werden. Sollte sie verurteilt werden, droht Hassan eine lange Haftstrafe.

Als Mozn Hassan im November 2016 in Stockholm den Alternativen Nobelpreis in Empfang nehmen sollte, blieb ihr Stuhl leer. Ihre Dankesrede musste per Videobotschaft übertragen werden. Trotz aller Rückschläge gibt sie nicht auf. Sie sagt: „Wir glauben weiter an eine bessere Zukunft für die Frauen in Ägypten, in der Region und überall auf der Welt.“

 

Hintergrund der medica mondiale Serie „Frauenrechts-HeldInnen im Fokus“

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit möchten wir deren persönlichen Einsatz würdigen und zugleich daran erinnern, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

Unterstützen Sie die Frauenrechtsarbeit von medica mondiale und solidarisieren Sie sich mit Frauen auf der ganzen Welt

Weitere Frauenrechts-Heldinnen:

Mit der Gründung der Gewerkschaft SEWA, der Self-Employed Women's Association, gab Ela Bhatt den Ärmsten der indischen Gesellschaft, bis dahin rechtlose Frauen, endlich eine Stimme.

Godelieves Mukasarasis ganzes Engagement gilt den Frauen und Kindern, die an den Folgen des Genozids in Ruanda leiden.

Die Geschichten der Stockholmer Stiftung Kvinna till Kvinna und von medica mondiale in Köln sind von Anfang an eng verbunden.