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19. Januar 2018

Frauenrechts-Heldin: Kvinna till Kvinna – Frau zu Frau

Die Geschichten der Stockholmer Stiftung Kvinna till Kvinna und von medica mondiale in Köln sind von Anfang an eng verbunden. Beide Organisationen entstehen aus dem ehrenamtlichen Einsatz von Bürgerinnen und Bürgern angesichts der Massenvergewaltigungen in Bosnien. Beide setzen sich bis heute weltweit gegen sexualisierte Gewalt, für die Rechte von Frauen in Kriegs- und Krisengebieten und für ihre politische Teilhabe ein. Beide erhalten für ihr Engagement den „Alternativen Nobelpreis“, Right Livelihood Award (RLA).

Vereint im Einsatz für Frauenrechte

1993 tobt der Bosnienkrieg. Seit zwei Jahren erreichen Berichte über Auseinandersetzungen im zerfallenden Ex-Jugoslawien den Rest Europas. Doch jetzt erst wird das Schicksal der Zivilbevölkerung in seinem grausamen Ausmaß offenbart. Hunderttausend Menschen werden gefoltert und getötet, Frauen und Mädchen massenhaft vergewaltigt. Viele Menschen sind von den Berichten zutiefst betroffen und wollen aktiv werden oder spenden, um Frauen vor Ort zu unterstützen.

Die junge Frauenärztin Monika Hauser gehört zu den mutigen Menschen, die reißerische Medienberichte über Kriegsvergewaltigungen nicht länger untätig hinnehmen wollen. Die junge Gynäkologin erfährt, dass serbische Soldaten Hotels und Fabriken in Bordelle mit kriegsgefangenen Frauen umwandeln. Im Winter 1992 reist sie kurzentschlossen nach Zenica in Bosnien. Gemeinsam mit lokalen Frauen leistet sie gynäkologische Nothilfe. Am 4. April 1993 öffnet in Zenica das erste Therapiezentrum für kriegsvergewaltigte Frauen und in Köln gründet sich der Verein medica mondiale. Genau 14 Tage später erscheint in der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“ ein Kommentar, der mit den folgenden Worten beginnt und die Entstehung von Kvinna till Kvinna markiert:

„In der Mitte Europas geschieht ein Genozid. Alles nur Mögliche muss dafür getan werden, diesen Krieg zu beenden. Wir beteiligen uns an der Aktion Kvinna till Kvinna (Frau zu Frau).“

Kvinna till Kvinna ist seit 2002 Preisträgerin des Right Livelihood Award „für ihren bemerkenswerten Erfolg, die durch Hass zwischen ethnischen Gruppen und Krieg verursachten Wunden zu heilen, indem sie Frauen, oftmals die vorrangigen Opfer des Krieges, dabei hilft, Vorreiter auf dem Weg der Aussöhnung und Friedensbildung zu werden“. Auch Monika Hauser erhält 2008 den „Alternativen Nobelpreis“ für „ihren unermüdlichen Einsatz für Frauen, die in Krisenregionen schrecklichste sexualisierte Gewalt erfahren haben“.

Lena Ag über Kvinna till Kvinna

Lena Ag, die langjährige Generalsekretärin von Kvinna till Kvinna, berichtet über das Engagement der schwedischen Frauenrechtsorganisation:

„Kvinna till Kvinna gibt es wie medica mondiale seit 1993. Einige SchwedInnen, die in der Friedensbewegung aktiv waren, hörten erschüttert die Berichte über Massenvergewaltigungen auf dem Balkan. Sie beschlossen kurzerhand, etwas für die Frauen zu tun. Die ursprüngliche Idee war, dass jede Schwedin mit einer kleinen Summe die Situation für Frauen verbessern könnte. Daher stammt der Name Kvinna till Kvinna - ‚Frau zu Frau‘. Von Anfang an war es uns wichtig, die Frauen nicht aus unserer Perspektive heraus zu unterstützen, sondern ausgehend von ihrer Lebensrealität. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Wenn ich zurückblicke, ist eine Geschichte aus den Anfangsjahren ganz besonders. 1995 wartete eine unserer Kolleginnen mit einer Gruppe Kroatinnen auf einige Serbinnen. Die Frauen waren in der Frauenbewegung aktiv und Freundinnen, bis sie sich plötzlich auf entgegengesetzten Seiten wiederfanden und den Kontakt zueinander verloren. An der Bushaltestelle in Zagreb kam es zu einem freudigen und tränenreichen Wiedersehen. Wir haben dafür gesorgt, dass die Frauen sich wieder offen austauschen konnten – jenseits der Propaganda durch Regierung und Medien. Das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen und prägt die Vision von Kvinna till Kvinna bis heute.

Aktuell arbeiten wir mit über 100 fantastischen Partnerorganisationen in 20 Ländern zusammen. Einige davon machen unabhängig von uns sehr gute internationale Lobbyarbeit, andere fangen gerade erst damit an. Der Austausch untereinander begeistert mich und auch wir lernen dazu. Immer wenn ich bei einem überregionalen Treffen bin, erlebe ich, wie die Organisationen sich über Methoden und Erfahrungen austauschen, die wir ihnen niemals an die Hand hätten geben können.

Genau darauf kommt es uns an, denn ‚Frau zu Frau‘ bedeutet Unterstützung von Frau zu Frau ohne (männliche) Einmischung. Es geht um Solidarität und Schwesterlichkeit, denn Frauen sind diejenigen, die die Bedürfnisse anderer Frauen am besten kennen. Bewusstsein, Erfahrung und Verständnis werden direkt von Frau zu Frau weitergegeben, damit alle davon profitieren.“

Gemeinsamer Workshop für syrische Hilfsorganisationen

Seit gut zwei Jahren ist medica mondiale in der umkämpften Region Syrien/Irak aktiv. Gemeinsam mit Kvinna till Kvinna führten wir eine Weiterbildung für Verantwortliche syrischer Nichtregierungsorganisationen durch. Die Teilnehmenden lernten dabei, wie sie ihre eigene Gesundheit und die ihrer Mitarbeitenden besser schützen können. Wie in all unseren Projekten arbeiteten wir im Training mit einem stress- und traumasensiblen Ansatz®, der sowohl auf Opfer sexualisierter Gewalt als auch auf AktivistInnen und Arbeitsteams stärkend und entlastend wirkt. Ein Follow-up für die TeilnehmerInnen wurde angefragt und ist in Planung.

 

Kvinna till Kvinna-Kampagne #Femdefenders

Mit #Femdefenders (dt. Frauenrechtsverteidigerinnen) macht Kvinna till Kvinna auf junge Frauen aufmerksam, die sich für Menschenrechte engagieren. In vielen Ländern wird erwartet, dass Frauen „gute Hausfrauen“ sind, ihren Männern dienen und ihnen gehorchen. Frauen haben dort weder ein Recht auf Bildung noch auf körperliche Selbstbestimmung. Eine der jungen #Femdefenders ist Leyla Murshudova aus Aserbaidschan. Ihr wird verboten arbeiten zu gehen. Sie widersetzt sich, geht ihren eigenen Weg. Heute ist ihre Familie stolz auf sie.

 

Hintergrund der medica mondiale Serie "Frauenrechts-HeldInnen im Fokus"

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit würdigen wir deren persönlichen Einsatz und erinnern zugleich daran, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

Unterstützen Sie die Frauenrechtsarbeit von medica mondiale und solidarisieren Sie sich mit Frauen auf der ganzen Welt

Weitere Frauenrechts-Heldinnen:

Asha Haji Elmi rief gemeinsam mit weiteren Aktivistinnen das Frauennetzwerk „Sixth Clan“ ins Leben, um in Somalia für die Rechte der Frauen einzustehen.

Vor 25 Jahren rief Monika Hauser bei der Historikerin Gabi Mischkowski an und bot ihre Hilfe für Frauen im Bosnienkrieg an. Der Anruf markiert den Beginn der Arbeit der Frauenrechtsorgansiation medica mondiale, die 25 Jahre alt wird.

Godelive Kanyamuneza gibt alleinerziehenden Müttern in Burundi mit unermüdlichem Engagement und warmherziger Zuwendung Kraft und neues Selbstvertrauen.