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15. März 2018

Frauenrechts-Heldin Godelieve Mukasarasi: „Die Herzen der Frauen wurden drei Mal gebrochen“

Godelieve Mukasarasi verlor ihren Mann und ihre Tochter. Ihrer tragischen Geschichte zum Trotz wird die 60-Jährige getragen von ihrer „Vision von glücklichen Frauen“. Godelieves ganzes Engagement gilt den Frauen und Kindern, die an den Folgen des Genozids in Ruanda leiden. Sie kennt jede ihrer Geschichten. Und manchmal vergisst sie darüber ihr eigenes Schicksal.

Der Krieg in Ruanda ist 23 Jahre her und zurück bleibt das Gefühl, dass wenig Bestand hat. 1994 gingen die Bilder des grausamen Genozids um die Welt. Angehörige der Hutu-Mehrheit töteten innerhalb von 100 Tagen mindestens 500.000 Menschen, sowohl Angehörige der Tutsi-Minderheit als auch moderate Hutu, die sich nicht am Völkermord beteiligen wollten oder sich aktiv dagegen einsetzten.

Wie in allen Kriegen wurde auch in diesem Konflikt sexualisierte Gewalt  gezielt eingesetzt, um Angst zu verbreiten, Macht zu demonstrieren und den Gegner zu schwächen. Über 250.000 Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt und verletzt. Zwei von drei vergewaltigten Frauen wurden mit dem HI-Virus infiziert. „Die Herzen der Frauen wurden drei Mal gebrochen“, sagt Godelieve Mukasarasi. „Durch den Genozid, durch Vergewaltigung und durch AIDS“.

Die Gewalt wirkt nach und ist im heutigen, verhältnismäßig emanzipierten, Ruanda offiziell ein Politikum. Doch Frauen leiden noch häufig unter sozialer Ächtung, denn sexualisierte Gewalt gilt auch als persönliche Schande der Vergewaltigten. Vor allem, wenn die Frauen danach Kinder zur Welt brachten. Die langfristige Unterstützung für Überlebende ist noch immer unzureichend und mit den Folgen, wie Traumatisierung und körperlichen Folgeerkrankungen, müssen Frauen oft alleine zurechtkommen.

Eigenes Schicksal begründet Einsatz für Frauen

Auch Godelieves Herz wurde gebrochen, auch sie kämpft bis heute mit den Folgen des Genozids. Mit ihrem Mann Emmanuel Rudasingwa und den gemeinsamen Kindern lebte sie in der ruandischen Gemeinde Taba, als der Krieg begann. Godelieve und Emmanuel entschieden sich, vor dem Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda gegen Jean Paul Akayesu, den ehemaligen Bürgermeister von Taba auszusagen. Doch vor ihrem geplanten Erscheinen vor Gericht im Jahr 1996 wurden Emmanuel und Angélique, die Tochter der beiden, ermordet. Godelieve glaubt an eine Vergeltungsaktion zurückkehrender Hutu-Milizen.

Bereits zwei Jahre zuvor, kurz nach dem Ende des Genozids, hatte die gläubige Christin Godelieve die Hilfsorganisation SEVOTA gegründet. „Solidarité pour l’Epanouissement des Veuves et des Orphelins visant le travail et l’Auto promotion“ sollte die Versöhnung der verfeindeten Volksgruppen anstoßen.

Der Wut und Trauer zum Trotz weitermachen

Trotz der grausamen Morde des ehemaligen Kriegsgegners an ihrer Familie hielt Godelieve an ihrer Vision fest und machte mit SEVOTA weiter. „Ich war in der Kirche, als Bilder vom Leiden der Frauen, aber auch vom Lachen, von Offenheit und von ‚Zeugnis ablegen‘, mich dazu inspirierten, SEVOTA zu gründen“, berichtet Godelieve. Sie wollte nicht in der Trauer verharren, sondern nach vorne schauen und aktiv weitermachen. Und nicht nur sie als Gründerin hat sich ihrer Organisation fest verschrieben. Seit fast zehn Jahren ist medica mondiale Projektpartnerin. Godelieve berichtet über die Zusammenarbeit: „Bei SEVOTA arbeiten wir mit Witwen und Waisen sowie mit Frauen, die infolge der Vergewaltigungen während des Genozids Kinder zur Welt gebracht haben. medica mondiale unterstützt unsere Aktivitäten auf vielfältige Weise: mit fachlicher und strategischer Beratung, der Stärkung unserer Kapazitäten, mit Supervisionsangeboten und der Mobilisierung von Geldern."

„Das Engagement aller bei SEVOTA ist so einzigartig wie das intensive Gefühl von Solidarität und Zugehörigkeit unter den Frauen“, erzählt eine Kölner Kollegin, die das Projekt mehrere Jahre begleitete. „Da sind zum Beispiel die Besuche bei Müttern, die einst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden, weil sie ein Kind des „Feindes“ austrugen und großzogen. Zur Geburt gab es weder Glückwünsche noch Aufmerksamkeiten. Die Frauengruppen holen das nach und kommen mit Geschenken, auch wenn das Kind inzwischen längst erwachsen ist.“

Erfolgsgeschichte: Olivias neuer Lebensweg

Ein einfaches Häuschen in der Nähe der Stadt Kigali in Ruanda. Im Garten grasen zwei Kühe und ein paar Ziegen. Hier lebt Olivia mit ihrer Mutter. Olivia ist 21 Jahre alt. Etwa so alt ist auch der Genozid in Ruanda. Und der Völkermord wird immer ein Teil ihres Lebens sein, denn ihre Mutter wurde während des Genozids vergewaltigt und mit ihr schwanger. Olivia kam zur Welt, hineingeboren in eine schwer belastete Beziehung zu ihrer traumatisierten Mutter. Doch beide, Mutter und Tochter, haben es mit SEVOTA geschafft zueinander zu finden.

Lesen Sie Olivias Geschichte

Hintergrund der medica mondiale Serie „Frauenrechts-HeldInnen im Fokus“

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit möchten wir deren persönlichen Einsatz würdigen und zugleich daran erinnern, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

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Weitere Frauenrechts-Heldinnen:

Die Geschichten der Stockholmer Stiftung Kvinna till Kvinna und von medica mondiale in Köln sind von Anfang an eng verbunden.

Asha Haji Elmi rief gemeinsam mit weiteren Aktivistinnen das Frauennetzwerk „Sixth Clan“ ins Leben, um in Somalia für die Rechte der Frauen einzustehen.

Vor 25 Jahren rief Monika Hauser bei der Historikerin Gabi Mischkowski an und bot ihre Hilfe für Frauen im Bosnienkrieg an. Der Anruf markiert den Beginn der Arbeit der Frauenrechtsorgansiation medica mondiale, die 25 Jahre alt wird.