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20. April 2018

Frauenrechts-Heldin Ela Bhatt: „Früher blieben die Frauen stumm, wenn wir sie nach ihrem Namen fragten. Heute sind sie stolz darauf, eine Frau zu sein."

Mit der Gründung der Gewerkschaft SEWA, der Self-Employed Women's Association, gab Ela Bhatt den Ärmsten der indischen Gesellschaft, bis dahin rechtlose Frauen, endlich eine Stimme. Für ihr Engagement für eine gewaltlose und prosperierende Gesellschaft erhielt sie unter anderem den Right Livelihood Award.

„Wir sind arm, aber wir sind so viele. Gemeinsam sind wir stark!“ Das waren die Gedanken, die Ela Bhatt 1972 angetrieben haben, in Indien eine Gewerkschaft für selbstständig arbeitende Frauen zu gründen. Gemeint sind nicht die Frauen, die eine Ausbildung genossen haben und einen anerkannten Beruf ausüben. Es geht vielmehr um die Ärmsten der Gesellschaft, oft Analphabetinnen, die von Gelegenheitsjobs leben: am Straßenrand Gemüse, Haushaltsartikel oder gebrauchte Kleider verkaufen, als Trägerinnen arbeiten, Holz- und Altpapier sammeln oder Zigaretten drehen.

Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen für Frauen im "informellen Sektor" in Indien

Rund 94 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Indien arbeiten in diesem „informellen Sektor“. Bevor Bhatt die Frauengewerkschaft ins Leben rief, waren ihre Arbeitsbedingungen schlecht. Sie erhielten für ihre Dienstleistungen nur einen geringen Lohn, waren der Willkür der ArbeitgeberInnen, GeldleiherInnen und Behörden ausgesetzt und hatten keinerlei soziale Absicherung. Die meisten lebten von der Hand in den Mund – es reichte kaum, um ihre Familien durchzubringen. Ela Bhatt, studierte Juristin, leitete damals in Ahmedabad im westindischen Bundesstaat Gujarat die Frauenabteilung der Textilarbeitervereinigung TLA.

Als eine Gruppe von Lastenträgerinnen zu ihr kam, die eine Unterkunft suchten, da sie auf der Straße schlafen mussten, nahm sich Ela Bhatt ihrer Probleme an. Sie begleitete die Frauen zu ihrem Arbeitsplatz, dem Stoffmarkt, und in das Viertel, in dem sie übernachteten, und hörte sich ihre Berichte über die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen an. Auch andere Frauen erzählten ihr von ihren Nöten. Schließlich hatten die Frauen die Idee, sich zusammenzutun und eine Vereinigung zu gründen, die ihre Belange vertritt. Gemeinsam mit Ela Bhatt und der TLA wurde ihr Traum Wirklichkeit: Im April 1972 erkannte die indische Regierung SEWA, die Self-Employed Women's Association, offiziell als Gewerkschaft an. Die Ärmsten der Gesellschaft, die bis dahin rechtlosen Frauen, hatten endlich eine Stimme!

Glauben an Führungsrolle armer Frauen und Vision gewaltloser und prosperierender Gesellschaft

Seit damals hat sich viel getan: Aus den anfänglich 80 Mitgliedern sind rund 1,5 Millionen geworden und die Gewerkschaft ist in 15 indischen Bundesstaaten sowie in sieben weiteren asiatischen Ländern aktiv. Wie medica mondiale möchte SEWA das Selbstbewusstsein und die Selbsthilfekräfte der Frauen stärken. Die Vereinigung setzt sich für gerechten Löhne und soziale Absicherung der Arbeiterinnen ein. Es gibt eine eigene Bank, die Mikrokredite vergibt, sowie Versicherungen und Handelskooperativen. „Wir versäumen, Begriffe wie Stärke, Durchhaltevermögen, Ideenreichtum oder Würde mit den Armen in Verbindung zu bringen“, ist Ela Bhatt überzeugt, die von den Lehren Mahatma Gandhis geprägt wurde. „In den vergangenen 46 Jahren habe ich einen großen Glauben an die Führungsrolle von armen Frauen entwickelt, wenn es darum geht, eine gewaltlose und prosperierende Gesellschaft aufzubauen.“

Die 85-Jährige ist Gründungsmitglied der Global Elders, einem Zusammenschluss ehemaliger PolitikerInnen und prominenter Intellektueller, die sich für die Lösung globaler Probleme einsetzen. Für ihr Engagement wurde die Frauenrechtsaktivistin mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, unter anderem 1984 dem Right Livelihood Award, auch Alternativer Nobelpreis genannt.

 

Hintergrund der medica mondiale Serie „Frauenrechts-HeldInnen im Fokus“

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt. Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit möchten wir deren persönlichen Einsatz würdigen und zugleich daran erinnern, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

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Die Geschichten der Stockholmer Stiftung Kvinna till Kvinna und von medica mondiale in Köln sind von Anfang an eng verbunden.

Asha Haji Elmi rief gemeinsam mit weiteren Aktivistinnen das Frauennetzwerk „Sixth Clan“ ins Leben, um in Somalia für die Rechte der Frauen einzustehen.