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01. August 2018

Evaluation: Hilfe für Frauen und Kinder in Ruanda – gemeinsam zurück ins Leben

Sevotas Projekt trägt dazu bei, dass gewaltüberlebende Frauen und ihre Kinder zueinander finden und innerfamiliäre Konflikte abgebaut werden.

Auch 24 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda sind die Folgen der Gewalt für viele Menschen weiterhin spürbar. Zwar spielen ethnische Zugehörigkeiten offiziell keine Rolle mehr. Stigmatisierung und Diskriminierung sind dennoch weit verbreitet. Darunter leiden insbesondere Frauen, die während des Genozids vergewaltigt wurden. Viele haben Kinder aus den Vergewaltigungen geboren, die heute junge Erwachsene sind und häufig als „Kinder von Völkermördern“ ausgegrenzt und benachteiligt werden.

Versöhnungsprozess voranbringen

Die ruandische Nichtregierungsorganisation Sevota hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Konflikt zu durchbrechen. In Frauenforen, Jugendclubs und Selbsthilfegruppen bietet sie jenen Müttern und ihren Kindern psychosoziale und sozioökonomische Unterstützung an. Durch den Austausch mit anderen Betroffenen schöpfen viele neuen Lebensmut und finden aus der Isolation zurück in ein aktives Leben. Über kleine Projekte verhilft Sevota den Überlebenden zu eigenem Einkommen und sensibilisiert das soziale Umfeld für ihre besondere Situation. Seit 2009 unterstützt medica mondiale diese Arbeit.

Das aktuelle Projekt (2015-2018) zur Förderung der sozialen Integration von überlebenden Frauen und ihren Kindern folgt einem familienzentrierten Ansatz und nimmt insbesondere die Mutter-Kind-Beziehung in den Blick. Diese ist durch die erlebte Gewalt im Genozid und die gesellschaftliche Stigmatisierung extrem belastet und oftmals konfliktgeladen. In den Solidargruppen fördert Sevota das Verständnis für die individuellen Erfahrungen der Betroffenen. Im weiteren Sinne will Sevota hiermit zum Versöhnungsprozess in Ruanda beitragen.

Positive Wirkung verstetigen

Ende 2017 führte die deutsche Evaluatorin Kathrin Groninger gemeinsam mit ihrer ruandischen Kollegin Grace Kagoyire eine Evaluierung des Projektes durch. Die hierfür benötigten Informationen erhielten sie hauptsächlich aus Gesprächen mit KlientInnen und MitarbeiterInnen, zum Teil auch aus Bestandsaufnahmen, Projektberichten und Strategiepapieren der Organisation.

Daraus wurde ersichtlich: Sevotas Maßnahmen haben mehr Aufmerksamkeit für die Probleme und Verhaltensweisen von Müttern und ihren Kindern bewirkt. Dadurch nahmen innerfamiliäre Konflikte ab, Mütter und Kinder haben begonnen, sich anderen mitzuteilen und ihre Traumata zu überwinden. Sevotas Team ist gut organisiert und leistet unverzichtbare Arbeit. Da es sehr viele Frauen und Kinder gibt, die intensive Beratung und Unterstützung benötigen, braucht Sevota mehr Personal, um ihre KlientInnen weiterhin gut zu begleiten. Kooperationen mit anderen TherapeutInnen und psychosozialen Diensten könnten hier hilfreich sein.

Solidarität Raum geben, Verständnis schaffen

Im betrachteten Projektzeitraum organisierte Sevota acht Frauenforen, in denen sich Überlebende austauschten, psychosoziale Beratung erhielten und Techniken zur Traumabewältigung erlernten. Ausgestattet mit einem kleinen Startkapital gründeten die meisten Teilnehmerinnen anschließend Selbsthilfegruppen in ihren Wohnorten, in denen sie sich weiterhin regelmäßig treffen. Nach Aussagen der Frauen wirkte dies bei rund zwei Drittel positiv auf ihre seelische Verfassung. Zur Unterstützung der Jugendlichen wurden neun Jugendclubs gegründet. In jedem Club wurden 20 bis 30 junge Erwachsene von Sevota über Spargemeinschaften, die Vergabe von Mikrokrediten und Berufsmöglichkeiten beraten. Auch die Jugendlichen berichteten, dass sie sich nun sicherer und selbstbewusster fühlten.

Damit das direkte soziale Umfeld die besondere Situation der Frauen und ihrer Kinder nachvollziehen kann, bezog Sevota auch die Ehemänner in ihre Aktivitäten ein. Dadurch stieg die Aufmerksamkeit für die psychischen und sozio-ökonomischen Probleme der Betroffenen. Um langfristige Veränderungen zu erreichen und Stigmatisierung nachhaltig abzubauen, empfehlen die Evaluatorinnen Sevota, auch lokale Autoritäten und nationale Institutionen zu sensibilisieren.

Qualität sichern

Sevota braucht ein funktionierendes Evaluierungs- und Monitoring-System, das die Wirkung ihrer Dienstleistungen überprüft und deren Qualität sichert. Denn auch wenn Frauen und Jugendliche von Fortschritten berichteten, konnten die Evaluatorinnen deren tatsächlichen Grad aufgrund fehlender Dokumentation nicht genau beurteilen und verbindlich bewerten. Zwar verfügt die Organisation über Monitoringkonzepte und -instrumente, nutzte diese im Arbeitsalltag jedoch nicht. Um ihre Projektarbeit langfristig fortzuführen oder sogar auszuweiten, sollte Sevota zudem einen nachhaltigen Finanzierungsplan aufstellen, mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben und den Aufbau einer soliden Organisationsstruktur mit festem Personal voranbringen.

Wandel ermöglichen

Das Fazit der Evaluierung: Bis heute gibt es in Ruanda viele Organisationen, die Genozid-Überlebenden Unterstützung anbieten. Sevota hat jedoch als einzige einen familienzentrierten Ansatz bei der Arbeit mit Frauen, die während des Völkermordes vergewaltigt wurden, und ihren Kindern, die aus Vergewaltigung entstanden sind. Ihre Maßnahmen haben gezeigt: Für die Betroffenen ist es essentiell, mit ihrer individuellen Geschichte verstanden zu werden. Dieses Verständnis stärkt sie, hilft ihnen, ihre Traumata zu bearbeiten und in der Familie offener aufeinander zuzugehen. Im Weiteren fördert es den Wandel vom passiven zum aktiven Mitglied einer Gemeinschaft und ist wesentlich dafür, dass Diskriminierung abgebaut und gesellschaftliche Versöhnung möglich wird.