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13. Juli 2018

Evaluation Afghanistan: Entschlossen an der Seite der Frauen

Medica Afghanistan unterstützt gewaltbetroffene Frauen erfolgreich bei der Durchsetzung ihrer Rechte und fördert deren Anerkennung in der Gesellschaft.

Ungleichbehandlung und geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen und Mädchen sind in Afghanistan weit verbreitet. Ihre Ursachen sind tief verankert in den patriarchalen Strukturen sowie Folge des jahrzehntelangen Konflikts im Land. Frauen haben zwar vor dem Gesetz gleiche Rechte. In der Realität werden sie jedoch oft unterdrückt und benachteiligt – auch von der Justiz, zu der Frauen kaum Zugang haben.

Medica Afghanistan setzt sich im Rahmen ihres Rechtshilfeprojektes dafür ein, dass sich dies ändert. Ihre Mitarbeiterinnen bieten stress- und traumasensible Rechtsberatung, vertreten Frauen vor Gericht, vermitteln bei Konfliktsituationen in der Familie und machen sich politisch für die Anerkennung und Umsetzung von Frauenrechten stark. Zielgruppe des Projekts sind Frauen und Mädchen, die von sexualisierter oder häuslicher Gewalt betroffen sind oder im Konflikt mit dem Gesetz stehen. Unterstützt und finanziert wird dies von medica mondiale und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Mehr Wissen, mehr Gerechtigkeit

Von Dezember 2017 bis März 2018 führten die internationale Evaluationsexpertin Charlemagne Sophia Gomez und ihre afghanische Kollegin Shaheen Bibi Sultani eine Evaluation des Projektes durch. Ihre Ergebnisse zeigten: Medica Afghanistans Unterstützungsangebot ist einzigartig und wird von vielen Gewaltüberlebenden dringend benötigt. Im Bereich der Rechtshilfe wurden mehr als 2.400 Frauen über ihre Rechte aufgeklärt und zum weiteren Vorgehen beraten. Dadurch konnten viele – ob als Klägerinnen oder Angeklagte – vor Gericht nachvollziehbare Urteile erwirken. Auch vermittelten Medica Afghanistans Mediatorinnen erfolgreich bei Streitigkeiten innerhalt der Familie und ermöglichten so gewaltbetroffenen Frauen alternative Schlichtungs- und Aussöhnungsverfahren, die in ihrer Kultur akzeptiert sind.

Die Anerkennung des erfahrenen Unrechts sowie die Auseinandersetzung mit Recht und Gesetz erhöhten das Wissen über Frauenrechte bei den individuellen Frauen, aber auch auf gesellschaftlicher und institutioneller Ebene. Mit Informationsveranstaltungen bei SchlüsselakteurInnen trug Medica Afghanistan außerdem dazu bei, dass sich der soziale und rechtliche Status von Frauen verbesserte. Über die Dauer des Projekts erhielten mindestens 5.000 Frauen und Mädchen Zugang zu einer oder mehreren Dienstleistungen von Medica Afghanistan.

Beratungsleistung zählt

Trotzdem bleibt noch viel zu tun, so die Evaluation. Das politische Klima im Land ist weiterhin unstet, die Bedingungen für Frauen zur Ausübung ihrer Rechte durch Willkür und patriarchale Traditionen geprägt. Dass sich Frauen überhaupt dazu entschließen, ihnen widerfahrene Körperverletzung, Verstümmelung oder Vergewaltigung anzuzeigen, zeugt von großem Mut. Nicht selten werden sie dafür von ihren Familien ausgeschlossen, von ihren Kindern getrennt oder von Gerichten trotz eindeutiger Rechtslage abgewiesen. Dadurch wächst der Druck auf die Frauen, viele lassen ihre Klagen wieder fallen.

Unsicherheitsfaktoren wie diese gilt es bei der Konzeption zukünftiger Projekte stärker zu berücksichtigen. Denn: Rechtshilfe allein garantiert gewaltbetroffenen Frauen keine Gerechtigkeit. Der Erfolg des Projekts kann sich daher nicht an erreichten Freisprüchen oder Verurteilungsraten messen lassen. Vielmehr zählt die Beratungsleistung an sich. So werteten die Evaluatorinnen es als großen Fortschritt, dass gewaltbetroffene oder inhaftierte Frauen überhaupt traumasensible Unterstützung und Rechtsberatung erhalten. Insgesamt wird dadurch ein Sinneswandel angestoßen, der substanziell zur Verbesserung des rechtlichen und sozialen Schutzes überlebender Frauen und Mädchen in Afghanistan beiträgt.

Der Gewalt auf den Grund gehen

Durch ihre langjährige Erfahrung verfügt Medica Afghanistan über großes Wissen zu Verfahrensweisen, Gesetzen und Rahmenbedingungen, die Gewalt gegen Frauen in Afghanistan begünstigen oder verhindern. Dieses Potenzial, so die Evaluation, sollte die Organisation noch besser nutzen. So ist es im Projektverlauf zwar gelungen, beispielsweise das Gesetz zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen EVAW bekannter zu machen, und dafür zu sorgen, dass es vor Gericht häufiger angewendet wird. Trotzdem enden zu wenige Verfahren mit einer Freilassung der Beschuldigten. Was genau sind die Gründe dafür? Wo befinden sich Lücken im Gesetz, die dies beeinflussen? Welche Kenntnisse könnten die Anwältinnen möglicherweise weiterbringen, die ihnen jetzt fehlen? Die Empfehlung: Als Schlüsselakteurin für Frauenrechtsfragen könnte Medica Afghanistan ihr Wissen und ihren politischen Einfluss nutzen, um mögliche Fallstricke zu identifizieren und so die Zahl der Anklagen an sich zu senken.

Monitoring & Evaluation verbessern

Um dauerhaft eine hohe Qualität der Unterstützungsangebote zu gewährleisten, müssen verschiedene Steuerungsmaßnahmen sinnvoll ineinandergreifen. Aufgrund der hohen Fallbelastung und den schwierigen Arbeitsbedingungen im Konfliktgebiet fiel es Medica Afghanistan oft schwer, diese bereitzustellen. Hier empfehlen die Evaluatorinnen der Organisation bessere Instrumente für die Dokumentation der eigenen Arbeit, und um den Einfluss der Dienstleistungen auf die Empfängerinnen zu überprüfen. Zudem muss ein solides Monitoringsystem eingeführt werden, das Risiken und Herausforderungen frühzeitig aufzeigt und Medica Afghanistan ermöglicht, darauf zu reagieren. Das entworfene Qualitätsmanagementsystem, mit dem Medica Afghanistan in Zukunft festgelegte Standards sicherstellen will, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.