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24. Mai 2018

Bosnische Partnerorganisation Vive Žene: Damit das Leben weitergeht

Der Riss geht tief. Mehr als 20 Jahre nach Ende des Krieges ist die Gesellschaft in Bosnien und Herzegowina noch immer gespalten. Vorurteile, ethnisch-religiöse Polarisierung und Diskriminierung prägen das tägliche Miteinander. Zu den Spätfolgen des Krieges gehört auch ein hohes Maß häuslicher Gewalt. Unsere bosnische Partnerorganisation Vive Žene unterstützt seit 1994 Frauen und Mädchen, die Gewalt erlebt haben. Mit einzel- und gruppentherapeutischer Beratung haben viele von ihnen Stabilität und Lebensmut zurückgewinnen können. Um auch die gesellschaftlichen Gräben zu überwinden, plant Vive Žene 2018 ein Projekt, das den Dialog zwischen den einstigen Feinden fördern soll.

Fazila ist eine stille Frau. Die Hände der Bäuerin lassen erkennen, dass sie ihr Leben lang hart gearbeitet hat. Das Lächeln, mit dem sie durch ihren Kuhstall führt, zeigt aber auch, wie stolz sie darauf ist, was sie allem Schweren zum Trotz geschafft hat. Nachdem im Verlauf des Krieges mehrere Familienmitglieder entführt, gefoltert und ermordet worden waren, entschloss sich der Rest der Familie damals zur Flucht. Erst 2007 ist Fazila mit ihrem Mann und den beiden Kindern nach Ostbosnien zurückgekehrt. Mit etwas Vieh- und Landwirtschaft kommen sie halbwegs über die Runden. Doch die Erinnerung an die grausamen Ereignisse des Krieges lässt sie nicht los.

Seit 2012 nimmt die 51-Jährige am Gruppenangebot von Vive Žene teil. Beim Aufnahmegespräch zeigte sie Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung und Depression. „Anfangs war sie sehr still und zurückhaltend“, berichtet Ina Rahmanonvic, psychologische Beraterin von Vive Žene. „Doch nach und nach hat sie sich geöffnet und angefangen zu erzählen.“ Inzwischen ist sie deutlich stabiler. Der Austausch mit den anderen Frauen der Gruppe hat Fazila Rückhalt und Selbstvertrauen gegeben. Auch heute noch redet sie nicht viel. „Aber sie hört intensiv zu, und was sie sagt, hat Gewicht“, so die Gruppentherapeutin.

Einmal pro Woche kommt die Frauengruppe „Jadar“ im Zentrum von Vive Žene in Tuzla zusammen. Es ist eine gemischte Gruppe mit Frauen verschiedener ethnischer Herkunft. Neben psychosozialer und medizinischer Beratung gehört auch Körpertherapie wie Atem- und Entspannungsübungen zum Programm, um Blockaden und negative Gefühle abzubauen. Außerdem können sich die Frauen juristisch beraten lassen, wenn sie beispielsweise eine Scheidung erwägen oder Schutz vor Gewalttätern erwirken wollen. Familientherapie, die Kinder und Ehepartner miteinbezieht, trägt ergänzend dazu bei, schwierige Beziehungen aufzuarbeiten und zu verbessern. Die Mitarbeiterinnen kümmern sich aber auch nach Ende der Beratung um die Frauen, machen Hausbesuche oder organisieren Nachtreffen, um das Wohlergehen der Klientinnen weiterzuverfolgen.

Mit ihren hohen Standards in der Therapie und psychosozialen Beratung und einem multidisziplinären Team ist Vive Žene eine der professionellsten Trauma-Fachorganisationen in der Region. Die Unterstützung richtet sich an Überlebende von Kriegsgewalt und Folter, die wie Fazila an den langfristigen Folgen des Erlebten leiden, und deren Kinder sowie von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und Mädchen. Neben den ambulanten Gruppen unterhält die Organisation auch ein Frauenhaus, das bis zu fünf Frauen und deren Kinder nach akuter Gewalt aufnimmt und Schutz gewährt.

Vergangenheit bewältigen – Zukunft gestalten

Wie medica mondiale ist die Partnerorganisation überzeugt, dass individuelle Heilung und gesellschaftliche Versöhnung eng zusammengehören. „Der Krieg hat viele Familien zerstört“, sagt die Psychologin Ina. Aus ihrer Arbeit weiß sie, dass die traumatischen Folgen des Konflikts bis weit in die nachfolgende Generation hineinreichen. Die Niederländerin lebt seit Ende des Krieges in Bosnien. „Der Konflikt ist zwar schon lange zu Ende. Aber die Menschen haben keinen Frieden gefunden,“ sagt sie. Die soziale Spaltung ist noch immer in vielen Lebensbereichen spürbar. So lernen beispielsweise heute bosnische und serbische Kinder an getrennten Schulen mit unterschiedlichen Lehrplänen.

2018 will Vive Žene daher ein Projekt starten, das den Dialog zwischen den einst verfeindeten Bevölkerungsgruppen in Nord- und Ostbosnien fördern soll. Geplant sind Workshops und pädagogische Angebote, die Frauen und Kinder unterschiedlicher ethnischer Herkunft zusammenbringen sollen, um Vorurteile und negative Haltungen abzubauen. Denn nur wenn es gelingt, den Hass der Vergangenheit zu überwinden, haben Familien wie die von Fazila, die Chance, ihr Leben in Frieden zu gestalten.

 

Projektübersicht Projekt: Rehabilitationsmaßnahmen für Überlebende von Krieg, Folter und Gewalt

Projektregion: Nord- und Ostbosnien: Tuzla, Brčko, Podrinje, Republik Srpska

Partnerorganisation: Vive Žene

Maßnahmen:

  • Psychosoziale Gruppen- und Einzeltherapie
  • Juristische und soziale Beratung
  • Medizinische Unterstützung
  • Körpertherapie
  • Familientherapie
  • Frauenschutzhaus
  • Nachsorge

Laufzeit: 12 Monate (1.06.2017 – 30.05.2018)

Mittel: 15.000 Euro aus dem Projektefonds (Spenden)

So viel kostet unsere Hilfe: Für 205 Euro kann eine Psychologin einen Monat lang gewaltbetroffene Frauen und Mädchen beraten.

Mehr zur Arbeit von medica mondiale auf dem Balkan.