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12. März 2018

#AidToo: Machtmissbrauch und sexuelle Ausbeutung durch Mitarbeitende in Hilfsorganisationen

Wer etwas von der Verkettung aus Sexismus, Geschlechterdiskriminierung, Ungleichheit, globaler Ungerechtigkeit und post-kolonialen Abhängigkeiten versteht, weiß: Je grösser die Machtgefälle, desto akuter die Gefahr von Machtmissbrauch. Hier die Helfer und Helferinnen, oft weiß und aus dem Globalen Norden, mit Geld in der Tasche; dort lokale Frauen, Männer und Kinder, von Gewaltkonflikten und Naturkatastrophen schwer getroffen und oft traumatisiert. In vielen dieser Krisengebiete herrschen Ausnahmezustände. Korruption, Straflosigkeit, eine „Kultur der Gewalt“, finanzielle Abhängigkeiten von Geldgebern und sexuelle Ausbeutung sind Teil der Alltags- und Überlebenslogik.

Was tut medica mondiale um Vorkommnisse wie bei Oxfam in der eigenen Arbeit zu verhindern?

medica mondiale hat einen Code of Conduct, der allen Mitarbeiterinnen eine klare Orientierung für den Umgang mit ethischen Herausforderungen in der täglichen Arbeit gibt. Er nennt verbindliche Mindeststandards für das von den Mitarbeiterinnen erwartete Verhalten gegenüber der Organisation, Kolleginnen und Dritten.

Er ist bindend für alle Personen, die für medica mondiale arbeiten – einschließlich (internationaler) Consultants/Beraterinnen, Honorarkräfte, lokaler MitarbeiterInnen vor Ort, Vorständen sowie Praktikantinnen.

Er beinhaltet unter anderem:

  • „Leitungskräfte sind dazu verpflichtet, auf verantwortungsvolle, klare und angemessene/faire Weise zu führen und Entscheidungen zu treffen.“
  • „Die Mitarbeiterinnen nutzen ihre Position und ihr Wissen, über das sie aufgrund ihrer Funktion verfügen, nicht dafür, hieraus finanziellen oder anderen Nutzen zu ziehen.“

Außerdem ist medica mondiale Mitglied bei VENRO, dem Dachverband der entwicklungspolitischen und humanitären Nichtregierungsorganisationen (NRO) in Deutschland, und damit den dort geltenden Standards verpflichtet.

Um dem enormen Machtgefälle zwischen Globalem Norden und Globalem Süden entgegen zu wirken, arbeitet medica mondiale vor allem mit einheimischen Frauen, die selbst in den Konfliktregionen leben, zusammen; auch Führungspositionen werden vor allem mit Frauen aus den Einsatzländern selbst besetzt, bzw. Frauen für diese Positionen aufgebaut.

Warum hat medica mondiale nicht schon lange etwas gesagt oder getan, wenn solche Fälle schon früher vorgekommen sind?

medica mondiale weiß schon lange um das Problem und hat es immer wieder in Presseartikeln, Veröffentlichungen und Vorträgen zum Thema gemacht. Auch fanden immer wieder Gespräche beispielsweise mit Verantwortlichen anderer Organisationen und PolitikerInnen statt, die meist jedoch in verharmlosender Weise darauf reagiert haben: „Ich kann meinen Männern nicht unter die Bettdecke schauen“ oder auch „Wir sollen die Frauen unserer hochgeschätzten Soldaten nicht verunsichern, indem medica mondiale dazu Öffentlichkeitsarbeit macht“ sagte ein ehemaliger Verteidigungsminister.

Leider scheint es erst jetzt möglich, nicht zuletzt angestoßen durch die aktuelle #metoo-Debatte, wirklich hinzuschauen, Konsequenzen zu ziehen und die Verantwortlichen auf allen Ebenen zum Handeln zu bewegen.

Stimmt das überhaupt, was über Oxfam behauptet wird oder wird das aufgebauscht?

Wir gehen davon aus, dass es stimmt. Und leider sind in den letzten Jahren wiederholt solche Vorkommnisse bekannt geworden.

Passiert das bei allen (großen) Organisationen?

Sexueller Ausbeutung und sexualisierter Gewalt liegen patriarchale Strukturen zugrunde bzw. ermöglichen diese überhaupt erst. Davon sind alle Institutionen betroffen - Medien, Politik, Bundeswehr, die Wirtschaft, soziale Einrichtungen und eben auch humanitäre Organisationen. In diesem Sinne handelt es sich um ein systemisches, strukturelles Problem, aus dem sich kein Bereich ausnehmen lässt.

Wir wissen längst: Je größer das Machtgefälle in bestimmten Kontexten und Institutionen ist, desto größer ist die Gefahr des Machtmissbrauchs, der sich immer gegen Menschen in schwächeren Positionen richtet, hier vor allem Frauen und Kinder. Hinzu kommen - gerade in der internationalen Zusammenarbeit - Ungleichheiten zwischen dem „Globalen Norden“ und dem „Globalen Süden“, Armutsgefälle und vieles mehr.

Wie ist die Haltung von medica mondiale dazu?

Einerseits solidarisieren wir uns eindeutig mit den Opfern und unterstützen die betroffenen Frauen und Mädchen. Aber wir sehen es auch sehr kritisch, wenn die aktuelle Situation nun genutzt wird, um sie politisch zu instrumentalisieren, um im Schnellverfahren Gelder zu kürzen und Befugnisse von NROs massiv einzuschränken.

Nicht nur betroffene Organisation sollten jetzt den offensiven Weg gehen und bei der Aufklärung solcher Fälle mitwirken und alles tun, um zukünftiges Fehlverhalten von MitarbeiterInnen zu verhindern. Sonst besteht die Gefahr, dass die ganze Humanitäre Hilfe an Glaubwürdigkeit verliert.

Das Fatale an der derzeitigen Debatte ist: Gerade Organisationen, die über Fälle in ihren Reihen berichten, unter anderem weil sie Beschwerdestrukturen etabliert haben, werden von den Medien abgeurteilt und müssen nun fürchten, dass notwendige Spendengelder zurückgehen – Ressourcen, die vor allem der lokalen Bevölkerung zu Gute kommen.

 

Verwandte Themen

#AidToo: Ein Kommentar von Sybille Fezer (Vorstand medica mondiale), Monika Hauser (Vorstand medica mondiale) und Cordula Reimann (Friedens-, und Konfliktforscherin) in ungekürzert Fassung. Gekürzt erschienen in der taz am 12.03.2018.

Ara Stielau, Bereichleiterin Internationale Programme, zum Thema Machtmissbrauch und sexuelle Ausbeutung durch Mitarbeitende in Hilfsorganisationen: "Sexskandal bei Oxfam kein Einzelfall", Deutsche Welle