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24. Mai 2018

25 Jahre medica mondiale: Krieg ist immer sexualisierte Gewalt gegen Frauen

Ob in Bosnien, im 2. Weltkrieg oder aktuell in Syrien und im Irak: Kriege und Konflikte werden seit jeher auf dem Rücken von Frauen und Mädchen ausgetragen. Jeden Tag werden weltweit Unzählige in Konflikten vergewaltigt, gefoltert, verschleppt und versklavt. Mit den schmerzlichen Folgen bleiben die Überlebenden meist allein – ein Leben lang. medica mondiale begleitet diese Frauen und Mädchen seit 25 Jahren zurück in ein selbstbestimmtes Leben.

Sexualisierte Gewalt fängt nicht erst an, wenn ein Krieg ausbricht. In vielen Ländern gehören Diskriminierung, Gewalt in der Familie, Frauenhandel und andere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt zum Alltag. Im Zuge bewaffneter Konflikte nehmen diese dramatisch zu. Meist endet die Gewalt nicht einmal, wenn die Waffen schweigen, sondern setzt sich auch nach Kriegsende fort. Sexualisierte Gewalt greift in das innerste Selbstbestimmungsrecht ein und ist eine schwere Menschenrechtsverletzung. Mit echter Sexualität haben solche Taten nichts zu tun. Vielmehr dienen sie vor allem dazu Macht auszuüben.

Lebenslange Auswirkungen sexualisierter Gewalt

Die Folgen der Gewalt prägen meist das gesamte weitere Leben der Betroffenen. Oft tragen die Frauen und Mädchen bei den Angriffen schwere innere und äußere Verletzungen davon oder infizieren sich mit Krankheiten wie HIV/AIDS. Viele werden ungewollt schwanger und wählen in ihrer Verzweiflung den Weg in mitunter riskante Abtreibungen. Die psychischen Folgen der traumatischen Erlebnisse sind indes nicht immer gleich erkennbar. Sie reichen von Angst und Panik über Schlaf- und Konzentrationsprobleme, Depressionen bis hin zu Suizidgedanken. Viele der Überlebenden sind überdies auf sich selbst gestellt, weil sie von ihren Familien und Gemeinschaften ausgegrenzt und verstoßen werden. Neben Schuldgefühlen und Scham leiden sie häufig an Armut. Denn in vielen Konfliktländern besitzen Frauen kaum Mittel wie Land oder Vieh, um ihre Existenz zu sichern.

Gewalt an Frauen schädigt das gesamte soziale Gefüge

Sexualisierte Kriegsgewalt fügt aber nicht nur der einzelnen Frau Leid zu, sondern trifft ihr gesamtes Umfeld. Gezielt eingesetzt sollen die Übergriffe die Gegenseite terrorisieren und demütigen, um so das soziale Gefüge zu zerstören und die eigene Macht zu demonstrieren. Dies funktioniert besonders dort, wo patriarchalische Vorstellungen vorherrschen, nach denen das Ansehen der Männer und Familie vom unberührten Zustand der Frauen und Mädchen abhängt.

Die Auswirkungen sexualisierter Kriegsgewalt reichen überdies bis in die nächste Generation hinein. Oft wissen die Kinder nichts von der Vergewaltigung ihrer Mütter oder werden gerade deshalb ausgegrenzt. Zugleich fällt es den Müttern aufgrund ihrer eigenen Traumatisierung meist schwer, eine liebevolle Beziehung zu ihnen aufzubauen. So wachsen viele Kriegskinder ohne Nähe und Perspektiven auf.

Die Täter hingegen kommen dagegen überwiegend ungestraft davon – egal ob es sich um Rebellen, Milizen oder Soldaten handelt. Eine systematische Aufarbeitung der Verbrechen findet selten statt. Schlimmer noch: den Opfern wird Mitschuld zugewiesen. Statt ihnen zur Seite zu stehen und ihre Rechte zu stärken, geht die Gesellschaft auf Distanz und weist die Verantwortung von sich. Wo ein Krieg Recht und Gesetz außer Kraft setzt, greift Gewalt auch im zivilen Leben um sich. Selbst auf der Flucht sind Frauen und Mädchen meist nicht sicher.

Zurück ins Leben begleiten

Seit mehr als 25 Jahren gibt medica mondiale Frauen und Mädchen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, mit medizinischer, psychosozialer, juristischer und wirtschaftlicher Unterstützung neue Kraft und Lebensperspektiven. Aus unserer langjährigen Arbeit wissen wir, dass es Überlebenden eher gelingt, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten, wenn sie ganzheitlich stress- und traumasensibel begleitet werden. Durch die Fortbildung von ÄrztInnen, Pflegekräften und psychosozialen Beraterinnen sorgen wir dafür, dass Betroffene in Gesundheitseinrichtungen und ihren Gemeinden einfühlsame und kompetente Unterstützung finden. Ergänzend öffnen Ausbildungskurse und landwirtschaftliche Projekte den Frauen Chancen, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Mit Aufklärungskampagnen und Schulungen für Personal von Polizei und Justiz und lokale und religiöse Autoritäten wollen wir diese für die Bedürfnisse gewaltbetroffener Frauen und Mädchen sensibilisieren und motivieren, sich für deren Schutz zu engagieren.

Neben direkter Unterstützung treiben wir auch gesellschaftliche Veränderungen voran. Wir fordern von Politik und Gesellschaft, Verantwortung zu übernehmen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, damit Überlebende Gerechtigkeit und Wiedergutmachung erfahren. Politisch setzt sich medica mondiale dafür ein, Frauen durch Gesetze vor Gewalt zu schützen und an Friedensprozessen zu beteiligen.

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