Zurück zur Übersicht
11. Oktober 2018

Unterwegs in der Große Seen Region

Mehr als vier Jahre hatte Nicole Drechsler schon während ihres Studiums für Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik bei medica mondiale in Köln gearbeitet. Und dabei aus der Ferne Projekte in der Große Seen Region begleitet. Von Mai bis Juli hat die 30-Jährige jetzt das Regionalbüro von medica mondiale in Burundi verstärkt und über ihre Erfahrungen einen Praktikumsbericht geschrieben.

Es war mein erster Einsatz in Afrika und ich freute mich sehr darauf, die Partnerorganisationen besser kennenzulernen und bei ihrer Projektarbeit zu unterstützen. Die politische Lage in Burundi ist seit dem gescheiterten Putschversuch im Jahr 2015 angespannt. Wenige Tage vor meiner Reise hatte am 17. Mai ein Referendum für eine umstrittene Verfassungsänderung stattgefunden, welche dem seit 2005 regierenden Präsidenten Pierre Nkurunziza, zwei weitere Amtszeiten ermöglichen sollte. Im Vorfeld der Abstimmung wurden zahlreiche Oppositionsmitglieder ermordet, verschleppt und inhaftiert.

Im Alltag ist von der Krise, abgesehen von der hohen Präsenz von Militär und Polizei eher wenig zu spüren. Ständig fahren Autos vorbei, auf deren Ladeflächen bewaffnete Soldaten sitzen. Die Partnerorganisationen berichten zudem von Fällen, in denen der Zugang zu Gesundheitsdiensten nach dem Referendum nur unter Vorlage des Stimmzettels möglich war. Wer nicht mit ‚Ja‘ gestimmt hatte, wurde nicht behandelt.

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Burundi liegt bei 57 Jahren

Untergebracht bin ich im Zentrum der Hauptstadt Bujumbura bei Nonnen des Benediktinerordens. Von dort sind es zehn Minuten zu Fuß zum Büro von medica mondiale, das wie viele Gebäude von Sicherheitskräften bewacht hinter einem Tor liegt. Die Kriminalitätsrate ist hoch. Ab 18 Uhr wird es dunkel, dann ist es ratsam im Haus zu bleiben. Ansonsten unterscheidet sich der Büroalltag nicht sehr von dem in Köln. Wir arbeiten aber nur zu dritt hier. Häufig kommen zudem die Mitarbeiterinnen der Partnerorganisationen persönlich vorbei.

Eine meiner ersten Aufgaben ist es, beim Konzept für ein mögliches EU-Projekt mitzuwirken, das den Zugang zu Gesundheitsdiensten verbessern soll. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Burundi liegt bei 57 Jahren. Es gibt kaum Vorsorge für Schwangere oder Geburtshilfe, geschweige denn Möglichkeiten zu schwierigen Operationen sowie wenig Wissen zu Gesundheit und Hygiene. Ein Planungsworkshop mit den beteiligten Partnerorganisationen und Führungskräften verschiedener Gesundheitseinrichtungen soll die Bedarfe ermitteln, um sie in den Antrag aufnehmen zu können. Besonders wird der Wunsch nach Krankenwagen laut. Denn viele PatientInnen schaffen es nicht bis in die nächste Gesundheitsstation und sterben deswegen. Doch Krankenwagen sieht das Förderbudget leider nicht vor.

Die Nachfrage ist hoch: Zum Teil teilen sich die jungen Mütter zu dritt mit ihren Kindern ein Zimmer

Um gemeinsam das nächste Projekt vorzubereiten, besuche ich das Maison Marthe Robin, das seit einigen Jahren von medica mondiale gefördert wird. Das Haus nimmt schwangere mittellose Mädchen und Frauen auf, deren Familien sie verstoßen haben. Die Mädchen werden bei der Geburt begleitet und erhalten medizinische und psychosoziale Unterstützung sowie eine handwerkliche Ausbildung, damit sie ihre Existenz sichern können. Die Nachfrage ist hoch, der Platz reicht kaum. Zum Teil teilen sich die jungen Mütter zu dritt mit ihren Kindern ein Zimmer. Maximal 20 Frauen könne sie aufnehmen, erzählt die Leiterin Godelive Kanymuneza. Sie hofft daher, bald ein zweites Haus eröffnen zu können. Godelive selbst lebt mit den Frauen zusammen und ist fast rund um die Uhr auf den Beinen. Viel Zeit für Büroarbeit bleibt da kaum.

In den nächsten Wochen lerne ich weitere unserer burundischen Partnerinnen kennen. Nturengaho betreibt in Bujumbura ein Zentrum, das schwangere Mädchen bis zu zwei Monate nach der Geburt betreut. Mukenyezi Menya organisiert Solidargruppen, um die wirtschaftliche Situation Überlebender sexualisierter Gewalt zu verbessern. In dreimonatigen Kursen können die Frauen Nähen lernen. Jede Gruppe unterhält zudem eine kleine Nähstube für die gemeinsame Produktion. Andere bauen mit Unterstützung von Mukunyezi Menya Gemüse an, das sie auf dem Markt verkaufen. Mit der Leiterin Primitve Ndayizeye besuchen wir im Stadtteil Ruzibade einige der Teilnehmerinnen. Eine berichtet, dass sie durch den Kleinhandel ihrer Familie jetzt zwei warme Mahlzeiten am Tag geben kann. Für das Schulgeld für ihre Kinder oder Medikamente reiche es aber noch nicht.

Mit wenigen Mitteln viel bewegen: individuelle Lösungen für jede Frau

Ende Juni geht es zu einem dreitägigen Training für psychosoziale Assistentinnen nach Uvira im Süd-Kivu. Aus Sicherheitsgründen – rund 140 bewaffnete Gruppen sind hier aktiv – müssen wir täglich vier Stunden von Burundi nach Uvira pendeln. Elf psychosoziale Beraterinnen der Partnerorganisationen AFPDE, EPF, HAM nehmen an der Fortbildung teil. Zwei von medica mondiale ausgebildete Trainerinnen, Diane und Espérance, leiten den Kurs. Dabei geht es um Grundlagen wie den Unterschied zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, um Vergewaltigung und andere Formen sexualisierter Gewalt und deren Folgen sowie Beratungstechniken und Selbstfürsorge.

Von den Trainingsinhalten finden sie besonders den Teil zu Feedbacktechniken für ihre Arbeit nützlich, erzählen mir die beiden Beraterinnen Solange und Noella. „Wir haben gelernt, wie wir positiv Feedback geben können, damit sich die Klientin ermutigt fühlt“, sagen sie. In der Beratung sei zudem wichtig, dass die Frauen selbst herausfinden, was ihnen guttut und Lösungen für ihre Probleme finden. Die Beraterinnen könnten diesen Prozess zwar unterstützen, sollten aber keine vorgefertigten Ratschläge geben. „So individuell wie jede Frau, so individuell sind die Lösungen“, sagt Noella.

Was ich selbst aus Burundi mitnehme, ist das Wissen: Veränderung braucht Zeit. Doch unsere Partnerorganisationen zeigen, was sich schon mit wenig Mitteln bewegen lässt.

 

Erschienen im memo, 2. Ausgabe 2018, S. 8-9