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17. Dezember 2020

Transgenerationales Trauma: „Wir haben so viel in uns vergraben“

Um das Schweigen über ihre traumatische Familiengeschichte zu beenden, spricht die in Köln lebende Regisseurin Katja Duregger seit kurzem öffentlich über das Tabuthema Kriegsvergewaltigung. Ihre Großmutter wurde 1938 von italienischen Besatzern in einem Südtiroler Bergdorf vergewaltigt. In der Folge wurde ihr Vater geboren.

Die Vergewaltigungen, die rund um den Zweiten Weltkrieg massenhaft an Frauen verübt wurden, sind nach wie vor meist ein Tabuthema. Sie prägen auch die nachfolgenden Generationen bis heute.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass die Geschichte ihrer Großmutter einen Einfluss auf Ihr Leben hat?

Katja Duregger: “Richtig bewusst wurde mir das erst vor einigen Jahren, als meine langjährige Beziehung in die Brüche ging. Diese Krise hat dazu geführt, dass ich ernsthaft anfing bei mir ‘aufzuräumen’, mich mit mir und meinen emotionalen Schatten auseinanderzusetzen. Das geht nicht allein, man braucht Menschen, die verstehen, was da los ist, die einen sehen und unterstützen. Das ist ein langer und schmerzhafter Prozess, aber einer, der sich lohnt.”

Wie hat diese Geschichte Ihr eigenes Leben geprägt? Wie hat sich das geäußert?

Katja Duregger: “Ich habe irgendwann gemerkt, dass die Art wie ich Beziehungen führe, nicht gut ist. Ich konnte mich nicht wirklich öffnen und andere Menschen nahe an mich heranlassen. Da war immer so ein diffuses Gefühl von Scham, von Schuld, von etwas Dunklem und Schwerem. Das war mir lange nicht bewusst und hielt mich deshalb sehr gefangen.”

Wie haben Sie sich diesem Trauma genähert?

Katja Duregger: “Das Wichtigste ist, sich Hilfe zu holen und über die eigene Geschichte zu sprechen. Wenn man sich, wie ich, so lange versteckt und sich nicht wirklich anderen gezeigt hat, dann ist das wie neu laufen lernen. Da braucht man auch jemanden, der aufpasst und einen stützt, wenn man fällt. Ich habe das in einer Körpertherapie erfahren und glaube, dass das ein guter Weg ist. Wir haben so viel in uns vergraben, das muss erstmal behutsam und langsam wieder ‘ausgegraben’ werden. Das braucht Zeit.”

Was hat Sie dazu bewegt, Ihre Familiengeschichte öffentlich zu machen?

Katja Duregger: “Mir hätte es früher sehr geholfen, wenn jemand so offen über seine traumatische Familiengeschichte gesprochen hätte. Ich hätte mich dann nicht mehr so allein gefühlt. Heute weiß ich, dass ich mit meiner Geschichte keine Ausnahme bin, sondern eher die Regel. Aber das wusste ich lange nicht. Ich würde mir wünschen, dass sich das ändert und diese Geschichten endlich sichtbar werden dürfen.”

Welchen gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema würden Sie sich wünschen?

Katja Duregger: “Ich wünsche mir mehr Offenheit und Ehrlichkeit. Leider fehlt das Bewusstsein für die dramatischen Folgen von solchen transgenerationalen Traumata noch viel zu sehr in unserer Gesellschaft. Das Schweigen und die Tabuisierung dieses Themas führt dazu, dass dieses Bewusstsein auch nicht entstehen kann und so bleibt der Schmerz in den Familien und kann sich nicht auflösen. Dazu habe ich mal den sehr treffenden Satz gelesen, der nicht nur, aber auch für die Folgen von für sexualisierter Gewalt gilt: ‘Schmerz wandert durch Familien, bis jemand bereit ist, ihn zu fühlen.’ Also: Redet miteinander, traut euch!” 

 

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