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17. April 2019

Transgenerationales Trauma: "Das Schlimmste ist das Schweigen"

Kriegsvergewaltigungen und unverarbeitete Traumata haben weitreichende Folgen. Sie wirken sich nicht nur auf das Leben der Betroffenen aus, sondern prägen auch in Friedenszeiten die Familien und die gesamte Gesellschaft, oft über Generationen hinweg. Doch es ist nie zu spät, das Schweigen zu brechen und alte Wunden zu heilen.

Schlaflosigkeit, Angstzustände, Vertrauensverlust – Studien zeigen, dass etwa die Hälfte der von sexualisierter Gewalt Betroffenen häufig unter Traumafolgestörungen leiden. Trauma-Symptome können innerhalb der Familie bis in die nächsten Generationen übertragen werden, etwa in Form von Übererregbarkeit oder Verlustängsten. Meist ist den Betroffenen und auch ihren Familienangehörigen nicht bewusst, dass das Trauma weiterbesteht und ihr Leben noch lange nach dem traumatischen Ereignis mitbestimmt. Töchter, Söhne und EnkelInnen übernehmen das Erbe ihrer Mütter (und Väter) ohne noch einen direkten Bezug dazu zu haben.

medica mondiale klärt über langfristige Folgen von Kriegsvergewaltigungen auf

„Schweigen. Das Schlimmste ist das Schweigen über das, was „damals“ mit Oma, Opa (…) passiert ist. Man fühlt, dass etwas passiert ist, aber keiner redet mit einem darüber. Und am Ende fühlt man sich selbst komisch, und weiß nicht warum“ – Christiane, 40 Jahre alt, ist eine der BesucherInnen, die am 4. April 2019 einer Einladung von medica mondiale zur Veranstaltung „Vererbte Geschichte(n) – Kriegsvergewaltigungen und transgenerationale Traumatisierung“ im Literaturhaus in Köln gefolgt ist und am Ende ihr Statement zum eigenen Erleben abgab. Seit Jahren weist medica mondiale immer wieder auf die langfristigen Folgen von Kriegsvergewaltigungen hin. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion – an der Monika Hauser, Sabiha Husic, Direktorin unserer Partnerorganisation Medica Zenica, und die Ärztin und Therapeutin Katharina Drexler teilnahmen – wurden auch erneut die lange tabuisierten Vergewaltigungen, die während des Zweiten Weltkrieges verübt worden sind, thematisiert.

Vergewaltigungen im Zweiten Weltkrieg: Frauen verschweigen ihr Leid

Bis zu zwei Millionen Frauen und Mädchen wurden Schätzungen zufolge allein in Deutschland am Kriegsende, im Zuge der Befreiung, von alliierten Soldaten vergewaltigt. Dem vorausgegangen sind die massiven Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen in den von Wehrmacht und SS besetzten Gebieten. Jüdische sowie den Roma angehörigen Frauen und Mädchen wurden während ihrer Verfolgung und in den Konzentrationslagern vergewaltigt, ebenso wie Frauen und Mädchen, die Widerstand gegen das NS-Regime leisteten . Der Umgang der deutschen Nachkriegsgesellschaft mit sexualisierter Kriegsgewalt besteht bis heute immer noch überwiegend darin, dass nicht auf die Geschehnisse geschaut und der Schmerz verdrängt wird. Die extreme Last von Leid – und auch von Schuld – die viele Menschen bis heute tragen, zeigt jedoch die unbedingte Notwendigkeit auf, uns um unsere emotional kaum bearbeitete Geschichte zu kümmern.

Vererbte Traumata können geheilt werden

Katharina Drexler, die auch Autorin des Buches „Ererbte Wunden heilen“ ist, beschäftigt sich seit mehreren Jahren wissenschaftlich und therapeutisch mit der Frage, wie seelische Wunden vererbt werden und, vor allem, wie diese Wunden heilbar sind. Als Expertin auf dem Gebiet der transgenerationalen Traumatisierung äußerte sie sich während der Veranstaltung dazu: „Nur was wir kennen, können wir erkennen. Und nur was wir erkennen, können wir auch heilen. Vererbte Wunden verursachen heutiges Leid, und es ist kein Luxus, uns diesen vererbten Wunden zuzuwenden.“

Autorin: Beate Kriechel

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https://www.medicamondiale.org/fileadmin/redaktion/5_Service/Mediathek/Dokumente/Deutsch/Broschueren/Zeit_zu_sprechen_-_medica_mondiale_-_2009.pdf

Video: Podiumsdiskussion "Vererbte Geschichte(n) – Transgenerationale Traumatisierung"

Zeit zu sprechen - Sexualisierte Gewalt in Kriegen und Konflikten

Monika Hauser zu Vergewaltigungen im Nachkriegs-Deutschland: „Oft verhindert transgenerationales Trauma, dass man sich pro-aktiv damit auseinandersetzt.“

Monika Hauser: „Die Männer haben ihre Frauen nicht gefragt: ‚Was ist dir denn im Krieg passiert?‘, damit die Frauen nicht fragen: ‚Und was hast du dort getan?‘“

Buchtipp: "Für immer traumatisiert? Leben nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit" von Beate Kriechel