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07. März 2019

Selfcare in Hilfsorganisationen: "Auch wir, die Helfenden, brauchen Hilfe."

Handlungsleitend für die Arbeit von medica mondiale ist eine stress- und traumasensible Haltung. Diese Haltung im Miteinander wirkt sowohl auf die Betroffenen als auch auf AktivistInnen, Fachpersonal und Arbeitsteams stärkend und entlastend. Im Kontext von Krieg und Konflikt können ganze Teams und Organisationen von Traumadynamiken betroffen sein. Überforderung, Teamkonflikte oder Burn-out sind oftmals die Folge. Die Herstellung von Sicherheit und Verbundenheit sowie eine stärkende Achtsame Organisationskultur leisten einen Beitrag dazu, dass Teams langfristig konstruktiv zusammenarbeiten und Überlebende mit gleichbleibender Kraft unterstützt werden. Fünf Fragen dazu an Karin Griese, Bereichsleiterin Trauma-Arbeit bei medica mondiale.

Welche Belastungen erleben Fachkräfte in Frauenrechts- und Hilfsorganisationen?

Mitarbeiter*innen von Hilfsorganisationen sind oft hohem Stress ausgesetzt. Unsere Kolleginnen* von der Frauenrechtsorganisation Medica Afghanistan beispielsweise erhalten immer wieder Morddrohungen per SMS. Das Miterleben von Krieg und Gewalt kann traumatischen Stress auslösen. Es ist zudem emotional sehr herausfordernd, wenn wir in Arbeitssituationen mit traumatischen Erlebnissen anderer konfrontiert sind. Das gilt für Übersetzer*innen wie für Menschenrechtsaktivist*innen.

Wie zeigt sich das im Arbeitsalltag?

Traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und Betroffene zu begleiten kann auch zu einer Stärkung führen, zum Beispiel durch ein tieferes Bewusstsein für den Sinn des Lebens. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass Fachkräfte in der Entwicklungszusammenarbeit häufig überarbeitet und ausgelaugt sind angesichts hoher Arbeitsanforderungen und der scheinbar unüberwindbaren Probleme, insbesondere in einer Krisenregion. Ohne angemessene Unterstützung kann das zu Überforderung, Teamkonflikten, sinkender Motivation und schließlich anhaltender Erschöpfung oder Burn-out führen.

Wann hat die Frauenrechtsorganisation medica mondiale begonnen, sich damit auseinanderzusetzen?

Seit 25 Jahren engagieren wir uns für vergewaltigte Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten. Mit psychosozialer Beratung sowie medizinischer Versorgung und Rechtshilfe unterstützen wir Betroffene dabei, ihre traumatischen Erfahrungen zu bearbeiten. Im Laufe der Jahre haben wir festgestellt, dass auch wir, die Helfenden, Hilfe brauchen, um diese Arbeit auf Dauer leisten zu können. Deshalb entwickelte medica mondiale 2013 gemeinsam mit der Fachreferentin für Trauma-Arbeit Maria Zemp das Projekt „Achtsame Organisationskultur ©.“ So möchten wir die Stabilität und Entwicklung unserer Mitarbeiterinnen*, aber auch der gesamten Organisation fördern.

Was kann jede*r für sich tun und wie können Hilfsorganisationen vorbeugen?

Schlafe ich schlecht? Bin ich unkonzentriert, angespannt oder übererregt? Fühle ich mich nach einem Urlaub nicht erholt? All das können Anzeichen einer Überlastung sein. Idealerweise kommt es nicht so weit, wenn die Personalverantwortlichen vorbeugen. Sie können Räume für den Austausch untereinander fördern, zum Beispiel über Schmerz und Ohnmacht. Hilfreich sind zudem Fortbildungen zu Traumadynamiken oder Schulungen zur Selbstfürsorge. Es geht darum, sich seiner eigenen Grenzen bewusst zu werden und eine gute Balance zwischen Anstrengung und Ruhe zu finden. Dabei setzt die Achtsame Organisationskultur© nicht nur auf individueller Ebene an, sondern wirkt auf stress- und traumasensible Abläufe und Strukturen hin.

Wie wichtig ist Selfcare für Mitarbeitende in Hilfsorganisationen?

Darauf möchte ich mit einem Zitat der Psychologin Yael Danieli antworten. Sie arbeitet mit Überlebenden des Holocaust: „Freundlich zu sich selbst zu sein und frei dafür zu sein, Spaß und Freude zu erleben, sind keine unangebrachten Frivolitäten in diesem Arbeitsgebiet, sondern eine Notwendigkeit, ohne die man seine beruflichen Verpflichtungen nicht erfüllen kann.“

 

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