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16. Mai 2019

Nordirak: Interview mit den Gründerinnen der Frauenrechtsorganisation EMMA

Im Jahr 2013 entschlossen sich Dr. Bayan Kader Rasul und Bahar Ali, die Frauenrechtsorganisation EMMA („Wir“) zu gründen. Mittlerweile hat EMMA 32 Mitarbeiterinnen und erreicht mit ihrer Arbeit Tausende von Frauen im Nordirak. Themenschwerpunkte ihrer Arbeit sind Empowerment und Schutz von Frauen, Partizipation von Frauen in der Politik, Rehabilitation von IS-Überlebenden und die Bekämpfung weiblicher Genitalverstümmelung. EMMA bietet direkte Beratung für Frauen und Mädchen an, führt Aufklärungsveranstaltungen für eine breitere Öffentlichkeit durch und bildet SozialarbeiterInnen fort. Mit medica mondiale verbindet EMMA neben dem Kampf gegen sexualisierte Gewalt und der feministischen Grundhaltung seit 2018 auch zwei gemeinsame Projekte.

Seit wann engagieren Sie sich für Frauenrechte?

Bahar Ali: Wir beide kommen aus einer politischen Familie. Auch meine Mutter, die keine Schulbildung erfahren hat, war überzeugte Feministin. Mir hat dagegen das Lesen die Augen geöffnet.

Dr. Bayan Kader Rasul: Die Bücher von Nawal El Saadawi waren für uns beide prägend. Wir sind in einer sehr patriarchalen Gesellschaft aufgewachsen. Als Ärztin habe ich in meiner Arbeit so viele Frauen gesehen, die Gewalt erfahren haben. Ich habe mir oft anhören müssen, dass es mir doch gut gehe, dass ich doch gar nicht selbst unterdrückt sei. Da habe ich immer erwidert: „Meine Freiheit reicht aber nicht!“

Wie kam es zu der Entscheidung, EMMA zu gründen?

Bahar Ali: Wir waren beide nach einer längeren Zeit im Ausland in den Irak zurückgekehrt. Das Ankommen ist mir sehr schwergefallen. Ich fühlte mich bei meiner Arbeit in einer Menschenrechtsorganisation oft in meinem politischen Engagement zurückgehalten. Dr. Bayan, die ich seit den 1990er Jahren kenne, hatte das gleiche Empfinden. „Lass uns unsere eigene Frauenorganisation gründen“, dachten wir uns.

Was ist seitdem passiert?

Dr. Bayan Kader Rasul: Wir haben schon früh damit angefangen, Mütter in Krankenhäusern zum Thema Genitalverstümmelung zu beraten. Unser Konzept wurde nun vom Gesundheitsministerium übernommen und wird mittlerweile in vielen Gesundheitszentren eingesetzt.

Bahar Ali: Über unsere psychosozialen Beratungsangebote können wir die Frauen direkt erreichen. Wir haben unsere Aufgabe aber immer auch in der politischen Arbeit gesehen. Wir wollen Gesetze beeinflussen, wir wollen etwas bewegen! Seit einiger Zeit arbeiten wir zum Beispiel mit dem Bildungsministerium, um Gender Mainstreaming in der Schulbildung zu etablieren.

Welche Herausforderungen erleben Sie bei der Arbeit?

Dr. Bayan Kader Rasul: Für unseren Einsatz erfahren wir viele Anfeindungen. Männer werfen uns vor, dass wir ihre Frauen aufhetzen. Auch die Angriffe der Medien werden immer heftiger. Unsere gegenseitige Unterstützung ist sehr wichtig, um weiterhin Kraft für unseren Einsatz zu schöpfen.

Autorin: Esther Wahlen, Mitarbeiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei medica mondiale

Erschienen im memo, 1. Ausgabe 2019, S. 12