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16. Mai 2019

"Nicht Öl, sondern Sand im Getriebe sein" – Gastbeitrag von Dr. Simone Lindorfer zu Kurzzeit-Traumatherapien

Neben der Verteilung von Nahrungsmitteln und der medizinischen Grundversorgung, gehören seit etwa Ende der 1980er Jahre Traumaprojekte zum Bild internationaler humanitärer Hilfe. Doch welche Trauma-Ansätze werden den Bedürfnissen der Überlebenden gerecht und wirken nachhaltig?

[...] Eine besonders hartnäckige inhaltliche Kritik an Traumaprojekten betrifft das eng gefasste Konzept der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die ihm zugrundeliegende individualistische Konzeption von Person und von Emotionen erweisen sich in nicht-westlichen Kulturen letztlich als wenig sinnvoll. Traumatisierungsprozesse sind in der Realität hochkomplex. Sie entfalten familiär oft eine systemische oder mehr-generationelle Wirkung, die sich in den Symptombeschreibungen zur PTBS nicht wiederfindet. Zudem wird die eng auf die Posttraumatische Belastungsstörung geführte Traumadebatte verbunden mit der Idee, dass schnelle Interventionen – also möglichst unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis – wichtig seien. Sonst könnte Trauma eine Art endemische Wirkung für die Bevölkerung entfalten.

Verbesserung der Lebensumstände entscheidend für erfolgreiche Traumabewältigung

Die Wirklichkeit traumatisierter Menschen, gerade auch in den Projekten von medica mondiale, ist allerdings eine andere: Es zeigen sich nämlich in der Regel vielfältigere Störungsbilder und Probleme wie beispielsweise Depression und Angststörungen, Alkoholprobleme, Selbstwertverlust und Suizidalität aufgrund von Aussichtslosigkeit und Scham. Auch Erfahrungen von Verlust und Trauer, die Zerstörung sozialer und kultureller Ressourcen, familiäre Gewalt, prekäre Lebensumstände und anhaltende Unsicherheit und Gewalt in einem System von Straflosigkeit spielen in den Narrativen der Frauen eine große Rolle.

Und es sind diese Probleme – und nicht die explizite Belastung durch posttraumatische Belastungssymptome –, die die Überlebenden überhaupt in psychosoziale Hilfsangebote bringen. Ganz davon abgesehen, dass die anhaltende Stigmatisierung von Frauen, die von sexualisierter und geschlechtsbasierter Gewalt betroffenen sind, ohnehin ein „post“ im Begriff „posttraumatisch“ absurd erscheinen lässt. Das Trauma geht weiter [...]. Das, was „danach“ kommt, ist ebenfalls entscheidend.

Ursachen der Gewalt und des Leids nicht ausblenden

Diese kritischen Gedanken zum Traumakonzept machen deutlich: Aus Sicht einer feministischen – und damit systemischen und politischen Sicht auf Trauma als Folge von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen – erscheint die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ für sich genommen hochproblematisch: Sie lenkt den Fokus auf die dysfunktional reagierenden „Opfer“, die pathologisiert werden mit einer Diagnose. Die sozialen und politischen Ursachen des Leids kommen nicht vor. Leid wird entpolitisiert und privatisiert. „Bearbeitet“ werden müssen die psychischen Folgen, nicht die Ursachen.

Es zeigen also zwei grundsätzlich unterschiedliche Sichtweisen und Ansätze auf Trauma [...]: Ein „medizinisch-psychiatrischer“ Ansatz fokussiert sich auf die Behandlung posttraumatischer Symptome. [...] Der dazu alternative, ganzheitlichere Ansatz könnte als beziehungsorientierter und politischer Ansatz gesehen werden: Die traumatischen Reaktionen von Überlebenden werden als normale Folge unerträglicher und abnormaler Erfahrungen und – im Falle von human-made disasters – als Folge von Menschenrechtsverletzungen gewertet und als solche benannt. [...] medica mondiales STA – stress- und traumasensibler Ansatz® gehört klar zu letzterem. [...]

Symptomorientierte Kurzzeit-Therapien werden Opfern sexualisierter (Kriegs-)Gewalt nicht gerecht

Kurzzeitbehandlungen, die auf eine symptomfokussierte Sicht basieren, scheinen [...] eine kostengünstige Lösung zu sein für die unzähligen von Gewalt betroffenen Menschen. [...] In dieser Debatte geht es [allerdings] nicht nur um die Frage nach dem therapeutisch effizientesten Ansatz. Es geht um eine politische Positionierung, das Leid von Überlebenden in ihrer Komplexität und in ihrem chronischen Verlauf (Chronifizität) zu belegen und sich solidarisch an die Seite der Überlebenden zu stellen. Es geht darum, Sand, nicht Öl, im Getriebe einer Instrumentalisierung von Trauma-Arbeit zu sein, in der von den politischen Ursachen der Gewalt abgelenkt wird, indem schnelle Lösungen für massives Leid propagiert werden. Kurzzeitkonzepte sind nicht nur wissenschaftlich infrage gestellt worden, sie müssen auch aus unserer Haltung der Solidarität infrage gestellt werden.

Sie finden den Beitrag in voller Länge in unserer Fachbroschüre (S. 28)