Zurück zur Übersicht
14. August 2019

Neue Projekte in Westafrika: Sexualisierte Gewalt über Grenzen hinweg bekämpfen

Analphabetismus, Genitalverstümmelung und Vergewaltigung gehören für Frauen und Mädchen in der Elfenbeinküste und in Sierra Leone zum Alltag. Seit 2006 ist medica mondiale bereits in Westafrika aktiv und setzt sich in Liberia im Kampf gegen sexualisierte Gewalt ein. Durch diesen Einsatz ist 2015 die unabhängige Frauenrechtsorganisation Medica Liberia entstanden. Die Expertise aus der Arbeit in Liberia wird nun in den Nachbarländern Sierra Leone und in der Elfenbeinküste eingesetzt.

medica mondiale fördert seit diesem Jahr in Westafrika neue Frauenrechtsorganisationen, die sich für die Rechte und den Schutz von Frauen und Mädchen einsetzen. Ziel ist es, ein Netzwerk aus Partnerorganisationen aufzubauen, um Erfahrungen und Ressourcen zu bündeln und gemeinsam Projekte nachhaltiger  zu gestalten. Denn um sexualisierte Kriegsgewalt  und deren langfristige Folgen für Frauen, Familien und die Gesellschaft zu bekämpfen, muss über Grenzen hinweg gearbeitet werden. 

Die Bevölkerung Sierra Leones befürwortet die weibliche Genitalverstümmelung

In Sierra Leone fördert medica mondiale vier neue Organisationen, die das Bewusstsein für sexualisierte Gewalt in den Gemeinden stärken, Mädchen über ihre Rechte informieren und Zufluchtsorte für Frauen errichten.

Die weibliche Genitalverstümmelung*  ist in Sierra Leone sehr weit verbreitet. Sie wird als gängige Praxis akzeptiert und öffentlich als Teil der patriarchalen Kultur befürwortet. Bei der Verstümmelung entfernen die TäterInnen den Frauen einen Teil oder sogar den gesamten äußeren Bereich der Klitoris, der großen und kleinen Schamlippen. Diese Art der Verstümmelung trifft auf über 80 Prozent der weiblichen Bevölkerung zu. Häufig findet der brutale Eingriff im Rahmen einer rituellen Geheimgesellschaft statt. Dabei werden die Mädchen für mehrere Wochen von ihrer Familie und Freunden getrennt, um auf das Erwachsenenleben vorbereitet zu werden.

Eine unbeschnittene Frau wird in Sierra Leone von der Gesellschaft nicht akzeptiert und verringert ihre eigenen Heiratschancen. Sogar gebildete Gesellschaftsschichten sprechen sich für die weibliche Verstümmelung aus. Hierbei werden gesundheitliche Folgen für die jungen Frauen verharmlost. So befürwortet unter anderem die Frau des Staatspräsidenten, Fatima Jabbe-Bio – selbst Betroffene einer Verstümmelung – öffentlich die Beschneidung von Frauen. Da die rituelle Beschneidung für in Armut lebende Familien auch ein Kostenfaktor ist, sponsern Politiker während ihrer Wahlkampagnen Beschneidungen für Mädchen, um somit neue Wählerinnen zu werben.

Schulverweis für schwangere Mädchen in Sierra Leone

Mädchen haben in Sierra Leone einen sehr schlechten Zugang zur Bildung und daher ist die Analphabetinnenrate hier besonders hoch. Über die Hälfte der Mädchen können nicht lesen und schreiben. Seit 2015 wurde zudem ein Gesetz eingeführt, das schwangeren Mädchen verbietet zur Schule zu gehen. Da ein Drittel der unter 18-jährigen Mädchen schwanger werden, ist eine Vielzahl von Mädchen von diesem Verbot betroffen.

Der Schulverweis für schwangere Mädchen ist verfassungswidrig. Die Frauenrechtsorganisation Women Against Violence and Exploitation Society (WAVES) verklagt aktuell die Regierung von Sierra Leone aufgrund des verfassungswidrigen Schulverweises von Mädchen. Die Non-Profit-Organisation Amnesty International unterstützt WAVES bei dieser Klage.

Täter werden in der Elfenbeinküste zu Opfern

Im Gegensatz zu Sierra Leone läuft die weibliche Genitalverstümmelung in der Elfenbeinküste oftmals heimlich ab. Durch die Beschneidung von Mädchen soll getestet werden, ob sie genug Stärke für das Erwachsensein haben. Die Verstümmelung der weiblichen Genitalien verläuft ohne jegliche Betäubung. Seit 1998 gibt es ein Gesetz, dass die Genitalverstümmelung in der Elfenbeinküste verbietet. Doch dieses Gesetz existiert an und für sich nur auf dem Papier. Mädchen und Frauen erhalten durch die Gesetzgebung keinen zusätzlichen Schutz.

Überlebende sexualisierter Gewalt werden in der Elfenbeinküste in einem hohen Maße stigmatisiert. So ist es zum Beispiel kaum möglich eine Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen und Täter für ihre Gewalttaten zu bestrafen. Sollte eine Frau nach einer Vergewaltigung versuchen den Täter öffentlich zu beschuldigen, kann dies schlimme Folgen für sie und ihre Familie mit sich bringen. In dem Fall wird ihr vorgeworfen, die Dorf-Gemeinschaft spalten zu wollen und Unruhe zu stiften. Die Familie der überlebenden Frau und sie selbst wird von anderen Mitgliederinnen der Gemeinschaft isoliert und geächtet. Überlebende einer Vergewaltigung erfahren somit keine Gerechtigkeit, sondern im Gegenteil: Die Scham und Angst wächst.
medica mondiales Partnerorganisationen in der Elfenbeinküste setzen sich für politische Partizipation von Frauen sowie den Bau von Friedenshütten als Rückzugsort und Beratungsstelle für gewaltbetroffene Frauen ein.

*Aus Respekt gegenüber Betroffenen ist es angebracht anstatt des Begriffs „Verstümmelung“ den Ausdruck „Beschneidung“ zu wählen, um betroffene Frauen nicht als „verstümmelt“ zu bezeichnen oder zu beleidigen.

Autorin: Karolina Plewniak, Social Media Redakteurin bei medica mondiale


Partnerorganisationen in Sierra Leone:

•    Action Pro
•    Choices and Voices Foundation for Women and Girls (CVF)
•    Girl 2 Girl Empowerment Movement (G2G)
•    Women Empowerment and Association for Progress (WEAP-SL)


Partnerorganisationen in der Elfenbeinküste:

•    Centre Féminin pour la Démocratie et les Droits Humains (CEFCI) | Frauenzentrum für Demokratie und Menschenrechte
•    West Africa Network for Peacebuilding (WANEP)

 

Verwandte Themen

Genitalverstümmelung in Liberia
Fotos aus Westafrika (Liberia)
Beryl Magoko – eine Frau erzählt ihre Geschichte von der Beschneidung | Frau tv | WDR
Fünf Fragen und Antworten zu Genitalverstümmelung
Zahlen und Fakten zu Westafrika