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21. Dezember 2018

Monika Hauser zum Jahresausklang: „Man braucht als Feministin eine hohe Frustrationstoleranz“

"Es gibt uns seit 25 Jahren, trotz aller Widerstände und Rückschläge. In dieser Zeit haben wir über 150 000 Frauen ins Leben zurück geholfen, Tausende von Menschen sensibilisiert, das Thema sexualisierte Kriegsgewalt auf internationaler Ebene etabliert, Gesetzesänderungen in Ländern wie Afghanistan bewirkt und, und, und. Für mich ist das Glas halb voll."

„Wie soll ich dieses Kind lieben?“ Mütter und ihre Kinder – entstanden aus Vergewaltigungen

Sehr bewegt hat mich in diesem Jahr ein ganz besonderes Wiedersehen: In Sarajevo habe ich Sabina, eine unserer ersten Klientinnen 1993, und ihre Tochter Ajna wiedergetroffen. Als Sabina damals zu uns kam, war sie schwanger. „Wie soll ich dieses Kind lieben, wenn ich jedes Mal, wenn ich es sehe, an den Vergewaltiger denken muss?“, fragte sie mich. Heute ist Ajna 25 Jahre alt und die beiden haben eine innige Beziehung. Dank der Unterstützung von Medica Zenica fand Sabina auch den Mut, mit ihrer Tochter über das Erlebte zu sprechen.

Ajna hat zusammen mit Gleichgesinnten vor kurzem den Verein „Forgotten Children of War“ gegründet. Der Verein will Bewusstsein schaffen und dadurch zur Entwicklung und Frieden beitragen. Unsere Unterstützung ist ihnen sicher! Denn wir wissen, wie wichtig es ist, sich zusammenzuschließen, Erfahrungen zu teilen und Unrecht öffentlich zu machen.

Es berührt mich und macht mir Mut, wenn ich ehemalige Klientinnen treffe, die kraftvoll ins Leben zurückgefunden haben. So positiv Sabinas und Ajnas Geschichte sich entwickelt hat, es wird auch deutlich: Krieg ist nie einfach zu Ende. Besonders Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt müssen sich ein Leben lang mit dem Erlebten auseinandersetzen.

Klare Worte und Taten gegen Kriege, Waffenexporte, Diskriminierung und Straflosigkeit

Von Politikerinnen und Politikern erwarte ich klare Worte und Taten gegen Kriege und Waffenexporte, eine ernsthafte Bekämpfung von Fluchtursachen sowie mehr Engagement für zivile Krisenprävention. Weltweit ist Straflosigkeit eines der größten Probleme und ein verheerendes Signal an Täter. Die Diskriminierung von Frauen und Mädchen, Gewalt in der Familie, Frauenhandel und andere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt müssen ein Ende haben. Bei Friedensprozessen müssen endlich Frauen adäquat beteiligt werden, wie es ihnen als der Hälfte der Gesamtbevölkerung zusteht.

Solidarität zeigen mit Frauen und für Frauenrechte kämpfen

Günter Grass sagte: "Der Fortschritt ist eine langsame Schnecke." Man braucht als Feministin eine hohe Frustrationstoleranz. Ja, es geht voran. Wir haben einiges erreicht und sind stolz darauf. Was ich als Frau tun kann? Auf jeden Fall solidarisch sein. Häufig wird dem Opfer die Schuld zugeschoben. Es gibt Frauen, die von Gewalt Betroffenen die Schuld zuweisen für das, was ihnen geschehen ist – zu kurzer Rock, zur falschen Urzeit am falschen Ort.

Damit Frauen endlich gleichberechtigt und ohne Gewalt leben können, kann es nicht genug Menschen geben, die solidarisch mit den Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt sind und sich für Frauenrechte einsetzen. Wir alle können heute damit anfangen!

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Unterstützung im letzten Jahr und wünsche Ihnen einen friedlichen Jahresausklang.

Ihre Monika Hauser

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