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25. September 2018

Monika Hauser, UN-Friedensgespräche in Genf: „Ohne Geschlechtergerechtigkeit keinen Frieden!“

Am diesjährigen Internationalen Friedenstag war Monika Hauser, Gründerin von medica mondiale, als Rednerin zu Gast bei den Vereinten Nationen in Genf. Der sogenannte Geneva Peace Talk stand unter dem Motto „Frieden ohne Grenzen“. Insgesamt neun AktivistInnen ließen Menschen weltweit an ihren persönlichen Beweggründen teilhaben, warum sie sich für Frieden und Menschenrechte einsetzen. Der Einladung zu den Friedensgesprächen waren rund 500 ZuhörerInnen aus internationalen Organisationen, Regierungen und Zivilgesellschaft gefolgt. Die Veranstaltung wurde per Livestream übertragen. Die sehr bewegenden Erfahrungsberichte erfüllten den großen Saal mit neuer Hoffnung auf Frieden.

Acht Minuten hatten die RednerInnen jeweils Zeit, um über ihr politisches und soziales Engagement zu sprechen. Unter ihnen eine Journalistin, ein Psychotherapeut, ein Streetworker, eine Studentin, ein Museumsdirektor und weitere FriedensaktivistInnen aus verschiedenen Ländern. Monika Hauser berichtete, wie sie 1993 als junge Gynäkologin wütend nach Bosnien kam. Wütend über die massenhaften Vergewaltigungen von Bosnierinnen während des noch andauernden Krieges. Und wütend darüber, dass niemand den Frauen und Mädchen helfen wollte. Dem musste sie etwas entgegensetzen: ihre Kraft, ihr Mitgefühl und ihren Willen, etwas zu verändern. Gemeinsam mit bosnischen Fachfrauen baute sie ein Therapiezentrum in Zenica auf. Dort lernte sie Sabina kennen. Die junge Bosnierin war schwanger. Wie soll ich dieses Kind lieben, fragt sie sich, wenn ich jedes Mal, wenn ich es sehe, an den Vergewaltiger denken muss? Wie soll ich dieses Kind alleine großziehen? Auch heute, 25 Jahre später, werden Frauen, die sexualisierte Kriegsgewalt überlebt haben, stigmatisiert und gesellschaftlich ausgegrenzt – weltweit. Immer noch erhalten sie zu wenig Unterstützung.

Doch wieso ist das so – fragte Monika Hauser das Publikum: Warum müssen sich Frauen und Mädchen ein Leben lang mit den Folgen von Vergewaltigungen auseinandersetzen – und nicht die Täter? Warum werden die meisten Vergewaltiger nicht angeklagt, sondern laufen frei herum? Warum gibt es keinen politischen Willen dafür, dass Frauen frei von Gewalt leben können? Die Antwort hat auch mit unserer Weltordnung zu tun, in welcher der Wohlstand und die Macht weniger auf der Ausbeutung und Diskriminierung vieler basiert. Doch ohne Geschlechtergerechtigkeit gäbe es keine Entwicklung und keinen Frieden – so Hauser.

Kinder des Krieges: Bewusstsein schaffen und zum Frieden beitragen

Sabina hat sich damals für ihr Kind entschieden. Dank der Unterstützung durch die Kolleginnen von Medica Zenica fand sie später den Mut, mit ihrer Tochter über das Erlebte zu sprechen. Ihre Tochter studiert heute Psychologie und hat mit Gleichgesinnten den Verein „Forgotten Children of War“ gegründet. Sie engagiert sich für Kinder, die aus Kriegsvergewaltigungen hervorgegangen sind. Diese Kinder haben genug davon, vergessen zu werden. Sie wollen ihre Ausgrenzung und die ihrer Mütter nicht länger hinnehmen. Etwas verändern wollen sie, Bewusstsein schaffen und dadurch zur positiven Entwicklung und zum Frieden in ihrem Land beitragen.

medica mondiale unterstützt die jungen Leute dabei, ihre Organisation aufzubauen. Denn wir wissen, wie wichtig es ist, sich zu verbünden, gemeinsam Erfahrungen zu teilen und Unrecht öffentlich zu machen. Solidarität und Selbstermächtigung sind wichtige Schlüssel für Veränderung. „Es kann gar nicht genug Frauen und Männer geben, die solidarisch mit den Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt sind und sich für Frauenrechte einsetzen. Wir alle hier – Zivilgesellschaft und Politik, Frauen wie Männer – können JETZT damit anfangen“, fordert Hauser das Publikum auf.

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