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07. Oktober 2021

Körbe gegen die Ausgrenzung: Unterstützung für Frauen in Ruanda

Beim Völkermord 1994 wurden in Ruanda Hunderttausende Frauen vergewaltigt. Viele sind in der Folge schwanger geworden. Statt Trost und Sicherheit zu bekommen, wurden sie häufig von der Gemeinschaft ausgegrenzt, ihre Nachkommen als Kinder des Feindes beschimpft. Die Organisation SEVOTA bietet den Frauen und ihren Kindern neue Wege, Gemeinschaft zu erfahren.

„Die Körbe sind für Frauen, die Kinder geboren haben, aber keine Geschenke oder Glückwünsche erhalten haben. Sie sind für Kinder ohne Großeltern, Onkel und Tanten. Für Frauen, die von ihren Familien ausgegrenzt wurden.“ So beschreibt Godelieve Mukasarasi, die Gründerin unserer Partnerorganisation SEVOTA, den Grundgedanken der so genannten Friedenskörbe.

Gesellschaftliche Ausgrenzung: Überlebende sexualisierter Gewalt ergreifen Eigeninitiative

Die Idee zu den Körben entstand in einer Beratungssitzung. Einige Frauen, die regelmäßig zu psychosozialen Beratungen bei SEVOTA zusammentrafen, beschlossen, nicht mehr darauf zu warten, dass die Gemeinschaft sie integriert. Sie wollten selbst aktiv werden.

Seitdem besuchen sich die Frauen reihum, essen und trinken gemeinsam und schenken sich gegenseitig „Friedenskörbe“. Die Körbe haben einen hohen symbolischen Wert, weil sie in Ruanda traditionell bei Besuchen mitgebracht werden. Die Frauen füllen sie mit Lebensmitteln und Saatgut, etwa Bohnen, Maniok, Reis und Obst, und leisten somit auch ganz praktische Unterstützung füreinander.

Frauenorganisation SEVOTA: Gelebte Schwesternschaft und Überwindung des Stigma

SEVOTA unterstützt Frauen, die während des Völkermords 1994 sexualisierte Gewalt erlebt haben. In der Folge wurden viele von ihnen von ihrer Familie oder Gemeinschaft ausgegrenzt. Durch die gegenseitigen Besuche fühlen sich die Frauen wieder zugehörig und lernen, Beziehungen und Gemeinschaft zuzulassen. „Die Tradition der Körbe schafft einen Raum, um Schwesternschaft zu leben, frei zu sprechen, die Einsamkeit und das Stigma zu überwinden, das viele Frauen seit mehr als 25 Jahren ertragen“, so Mukasarasi.

Überlebende des Völkermords finden Kraft, um andere Frauen zu unterstützen

Momentan begleiten die Mitarbeiterinnen von SEVOTA knapp 400 Frauen in Einzel- und Gruppenberatungen. Dabei setzt die Organisation stark auf den gegenseitig gestützten Austausch der Überlebenden. Die Frauen lernen, sich zu öffnen, anderen und sich selbst wieder zu vertrauen. Die Mitarbeiterinnen von SEVOTA beraten und unterstützen sie dabei, ermutigen die Frauen jedoch vor allem, selbst Aktivitäten zu initiieren.

Die Friedenskörbe sind eine dieser Aktivitäten, und eine besonders ermutigende: Dass die Frauen die Kraft finden, Anderen Freude und ein Gemeinschaftsgefühl zu schenken, ist auch ein Zeichen dafür, wie wirkungsvoll die Arbeit von SEVOTA ist.

SEVOTA bietet auch Kurse für Kinder des Krieges in Ruanda

Auch für die Kinder der Frauen bietet SEVOTA Kurse an. Godelieve Mukasarasi legt großen Wert auf die Einbindung der Jugend. „Es ist wichtig, dass die jungen Menschen die Wahrheit kennen, dass sie sich mit den Auswirkungen des Krieges auseinandersetzen, damit sie verstehen, warum Dialog und Empathie so wichtig sind.“ Während der Corona-Pandemie habe man gemerkt, wie groß die Solidarität der Teilnehmenden füreinander ist. Jugendliche hätten Kranke und Alleinstehende unterstützt, mit Besuchen, Spenden und Unterstützung bei der täglichen Arbeit.  

Erschienen im memo 2/2021

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