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28. Juni 2019

Jamila Afghani, Medica Afghanistan: „Frieden darf nicht mit Frauenrechten erkauft werden“

„Die afghanische Bevölkerung bewertete in einer repräsentativen Umfrage 2018 ihre Lebensumstände schlechter als irgendein anderes Volk zu irgendeinem Zeitpunkt zuvor“, erklärt Jamila Afghani. Sie ist seit über 20 Jahren Friedens- und Frauenrechtsaktivistin und ist sicher: „Frauen sind überdurchschnittlich häufig von den Folgen des anhaltenden Konflikts in Afghanistan betroffen.“ Jamila Afghani ist seit Februar Nachfolgerin der langjährigen Direktorin unserer Partnerorganisation Medica Afghanistan, Humaira Rasuli. Sie wurde mehrfach für ihr Engagement ausgezeichnet.

Das kurze Videoporträt über sie und ihre Arbeit entstand im Rahmen des Aurora Friedenspreises 2017, bei welchem sie zu den FinalistInnen gehörte. Bereits in jungen Jahren musste sie während des Bürgerkriegs ihre Heimat verlassen und nach Pakistan fliehen: „Meine Schwestern und ihre Kinder starben in den Flüchtlingscamps ohne Essen und ohne Schutz.“ Afghani konnte in Pakistan ihre Schulausbildung beenden und Rechtswissenschaften, Islamwissenschaften sowie Internationale Politik studieren.

Frauenrechte, Frieden, Freiheit: „Die Taliban besitzen mehr Einfluss denn je!“

Nur wenige Monate nach Beginn der internationalen Militärintervention 2001 in Afghanistan, kehrte die Friedensaktivistin mit viel Hoffnung und ausgeprägtem Willen zum Aufbau ihrer Heimat zurück. Was die Bedeutung des militärischen Einsatzes für den Frieden, die Frauenrechte und die Freiheit in ihrem Land angeht, zieht sie heute ernüchtert Bilanz: „Achtzehn Jahre und fast zwei Billionen Dollar später ist das Land weiterhin im Chaos und die Taliban besitzen mehr Einfluss denn je“, so Afghani.

Sie und viele andere Frauenrechtsaktivistinnen haben für den friedlichen Wiederaufbau des Landes und für ein gleichberechtigtes Miteinander hart gearbeitet. Kaum aus Pakistan zurück, gründet Afghani 2002 die Frauenhilfsorganisation „Noor Educational Center“. „Noor“ bedeutet „Licht“. Licht und Hoffnung ist das, was Afghani und ihre Mitstreiterinnen mit ihren Alphabetisierungs- und Bildungskursen Tausenden Frauen und Mädchen in den Folgejahren schenken. Afghani ist überzeugt, dass es nicht im Sinne des Islam ist, Frauen und Mädchen Bildung oder den Zugang zu den Moscheen zu verwehren: „Wir haben uns mit vielen Religionsführern auseinandergesetzt. Inzwischen haben wir ein Netzwerk von über 6.000 Imamen in 22 Provinzen.“ Und dabei geht es lange nicht nur um den Zugang zu Bildung oder den Moscheebesuch. Afghani setzt sich aktiv dafür ein, dass die Imame klar Position für Frauenrechte beziehen, sogenannte häusliche Gewalt, Zwangsverheiratungen, Vergewaltigungen und andere Menschenrechtsverletzungen an Frauen ausdrücklich und öffentlich ablehnen.

Kein Frieden ohne Frauen und ihre Rechte

Die Probleme ihres Landes nähren Afghanis Willen, die Zukunft mitzugestalten. In einer Rede vor StudentInnen der Frankfurter Uni im Frühjahr erzählt sie von Zwangsverheiratungen zwölfjähriger Mädchen mit über 60-jährigen Männern – von Eltern gedacht als vermeintlicher Schutz vor Entführung oder Vergewaltigung. Sie benennt die hohe Kindersterblichkeit – 60 Prozent erleben ihren fünften Geburtstag nicht – und die enorme Verbreitung von sexualisierter Gewalt in der Familie, die fast 90 Prozent der Frauen erleben. Wut blitzt in Gesicht und Stimme auf, wenn sie von den zahlreichen Friedensgesprächen mit den Taliban und anderen bewaffneten Gruppen berichtet, an welchen nur zwei Mal Frauen teilnehmen durften: „Frieden darf nicht mit Frauenrechten erkauft werden!“ Sie spricht von einem langen Weg, bis die Frauenrechte sicher und der Frieden nachhaltig sein werden. Aber ihr Gerechtigkeitssinn und ihr Mut lassen sie jeden Tag aufs Neue den Kampf für Frauenrechte aufnehmen. Die Solidarität ihrer Mitstreiterinnen gibt ihr Kraft. Willkommen im Team von Medica Afghanistan, Jamila!

Autorin: Christine Vallbracht, Online-Referentin bei medica mondiale

 

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