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19. Februar 2020

Jamila Afghani: “Frieden für Frauen in Afghanistan basiert auf Gleichberechtigung und Respekt”

Friedensaktivistin Jamila Afghani ist nun seit einem Jahr Direktorin von Medica Afghanistan. Im Dezember wurde sie von der US-amerikanischen Botschaft in Kabul für ihren “außergewöhnlichen Einsatz im Kampf für Menschenrechte” geehrt. Während ihres Besuchs in Köln haben wir mit ihr über sie und ihre Arbeit gesprochen. Wie hat sie den Krieg erlebt? Was bedeutet Frieden für sie? Warum setzt sie sich für Frauen ein? Sie war noch ein Teenager, als sie mit ihren Eltern fliehen musste. Jamila Afghani hat die Hoffnung nie aufgegeben. Ihre Stärke, Energie und Leidenschaft gelten Frauenrechten, Gleichberechtigung und nachhaltigem Frieden.

Jamila, gibt es ein Ereignis, das dein Leben besonders geprägt hat?

Jamila Afghani: “Ich war etwa 13 Jahre alt, als wir mitten im Krieg nach Pakistan flohen. Meine Schwestern starben im Lager ohne Nahrung und Unterkunft. Seitdem habe ich einen Pakt mit mir selbst geschlossen: Ich werde mich solange ich lebe für andere Mitmenschen, insbesondere Frauen und Kinder, einsetzen.“

Hast du eine Vision für Medica Afghanistan?

Jamila Afghani: “Medica Afghanistan sollte nicht nur in fünf Provinzen Beratungsstellen haben, sondern in mindestens einem Drittel von Afghanistan. Die unterstützenden Angebote, die wir Überlebenden bieten, sind einzigartig und werden dringend gebraucht. Außerdem möchte ich unsere Lobbyarbeit stärken. Wir sollten uns nicht nur auf lokaler Ebene für Frauenrechte und Gleichberechtigung einsetzen, sondern auf nationaler und sogar internationaler Ebene. Es geht um politische Teilhabe, wirtschaftliche Stärkung von Frauen und ihr Recht, ohne Gewalt zu leben.“

Warum bist du Feministin?

Jamila Afghani: “Ich bin Feministin, weil ich Mutter und weil ich Menschenrechtsverteidigerin bin. Feminismus bedeutet die Möglichkeit einer gerechten und friedlichen Welt für mich, für meine Kinder und Mitmenschen. Ich glaube an die Kraft der Schwesternschaft und die Kraft der Weiblichkeit.“

Wie hat sich der Krieg in Afghanistan auf die Situation von Frauen und Mädchen ausgewirkt?

Jamila Afghani: “Leider hat sich der Krieg auf vielerlei Art und Weise auf den Alltag afghanischer Mädchen und Frauen ausgewirkt. Er nimmt Einfluss auf ihre grundlegenden Menschenrechte, hat ihre Körper und Seelen verletzt, Familien zerstört. Der Krieg beeinflusste ihre gesellschaftliche Teilhabe, ihre politische Teilhabe und ihre wirtschaftliche Situation. Afghanische Frauen sind also direkt und indirekt Opfer des Kriegs.“

Denkst du, dass Kriegsgewalt für Frauen etwas Anderes bedeutet als für Männer?

Jamila Afghani: “Ich denke ja, die Auswirkungen des Kriegs sind für Frauen anders als für Männer. Erstens sind Frauen nicht die Kriegsstiftenden, sie haben den Krieg nicht begonnen. Was allerdings die Auswirkungen des Kriegs angeht, kann man sagen, dass vor allem Frauen die negativen Folgen zu spüren bekommen. Insbesondere geschlechtsbasierte Wirkungen wie Kriegsvergewaltigung, soziale Stigmatisierung und wirtschaftliche Belastungen. Wenn es in Friedenszeiten Diskriminierung gegenüber Frauen gibt, dann verstärkt sich diese im Krieg nur umso mehr. Und Frauen werden damit oft allein gelassen. Deswegen wird Medica Afghanistan so dringend gebraucht: um Frauen zu unterstützen und zu stärken.”

Ist der Krieg in Afghanistan wirklich vorbei?

Jamila Afghani: “Nein, überhaupt nicht. Ich denke, in Afghanistan hat ein neues Kriegskapitel begonnen. Denn die gewaltsamen Aktivitäten der Taliban sind nicht das einzige Problem. Es gibt Probleme wie Korruption oder Drogenmafia. Und Kämpfer der islamistischen Terrorgruppe Daesh finden stetig Zuwachs. In letzter Zeit habe ich auch Angst und mache ich mir Sorgen wegen des neuen Konflikts zwischen den USA und Iran. Das könnte auch die Lage in unserem Land zuspitzen.“

Woran würdest du festmachen, dass der Krieg vorbei ist? Und wie würdest du dich fühlen?

Jamila Afghani: “Nun, ich habe da eine Vorstellung, die ich mit euch teilen kann. Ich denke, wenn der Krieg vorbei ist wird Afghanistan grün sein, mit einer Vielfalt an Blumen. Ich sehe Männer, Frauen, Kinder, die glücklich miteinander reden, picknicken gehen. Junge Leute studieren, sie haben ihre Bücher in den Händen, sie reden über Wissenschaft, über Fortschritt. Sehr wichtig: Alle respektieren sich gegenseitig und alle genießen die Natur, das Wasser und die Ressourcen gleichermaßen.“

Was brauchen Frauen im Besonderen um zu spüren „Der Krieg ist vorbei“?

Jamila Afghani: “Wir haben unsere Klientinnen in einer kleinen Umfrage gebeten zu schildern, was Frieden oder das Ende des Kriegs für sie bedeutet. Manche Klientinnen sagten, ‚Wenn mich mein Mann nicht schlägt, ist das Frieden für mich.‘ Andere Frauen sagten, ‚Wenn meine Kinder zur Schule gehen können und sicher zurückkommen, ist das Frieden für mich.‘ Einige Frauen erklärten: ‚Wenn ich genug zu essen für meine Familie habe, ist das Frieden für mich.‘ Frieden ist also unterschiedlich für jede Frau in Afghanistan. Aber eine allgemeine Friedensregelung für Frauen in Afghanistan basiert in jedem Fall auf Gleichberechtigung und Respekt.“

 

Wir danken Jamila Afghani für das Interview.

Autorin: Christine Vallbracht, Online-Referentin bei medica mondiale

 

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