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04. März 2021

Interview mit Olga Karatch, Belarus: „Manchmal braucht man unrealistische Ziele“

Als kleine Initiative gegründet, ist die belarusische Organisation „Nash Dom“ (Unser Haus) heute in über 15 Städten im ganzen Land aktiv. Seit 2020 kooperiert „Nash Dom“ mit medica mondiale. Wir haben mit der Gründerin und Menschenrechtsaktivistin Olga Karatch gesprochen.

Wie ist die aktuelle Lage in Belarus?

Olga Karatch: Es gibt einen Satz des Präsidenten Lukashenko, der die Lage gut zusammenfasst: „Was man liebt“, so sagt er über Belarus „gibt man eben nicht her.“ Wir wenden uns dagegen. Das soll Liebe sein? Wenn das Geliebte „Nein“ sagt, dann muss man es gehen lassen. Und die belarusische Gesellschaft sagt seit Jahren sehr deutlich „Nein“.

Wie engagiert sich Nash Dom gegen die Gewalt?

Olga Karatch: Wir haben Nash Dom vor knapp 20 Jahren als lokale Initiative gegründet. Mittlerweile sind wir im ganzen Land aktiv. Wir klären die Menschen von Belarus über Menschenrechtsverletzungen auf und unterstützen sie mit rechtlicher und psychologischer Expertise. Unsere größte Reichweite erzielen wir über YouTube. Das ist vor 10 Jahren aus einer völlig absurden Idee entstanden. Ein junger Kollege fragte mich, wie es sein kann, dass Lady Gaga Millionen Follower hat, uns dagegen niemand kennt – und hat sich das Ziel gesetzt, eine Million Follower zu erreichen. Mittlerweile wurden unsere Videos fast 30 Millionen Mal geklickt. Man muss manchmal unrealistische Ziele verfolgen, sonst kommt man nicht weiter.

Wie ist die Zusammenarbeit mit medica mondiale zustande gekommen?

Olga Karatch: Ich wollte von der Erfahrung von medica mondiale in Konfliktregionen profitieren. Viele Menschen in Belarus haben schreckliche Gewalt überlebt. Wir möchten die Menschen unterstützen, damit sie lernen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Wir tauschen uns mit zwei Trauma-Beraterinnen von medica mondiale aus und bereiten die Informationen in unseren Videos auf.

Woher nehmen Sie Ihre Kraft?

Olga Karatch: Ich kenne die Gewalt aus eigener Erfahrung. Auch ich war im Gefängnis und weiß, wozu sadistische Polizisten in der Lage sind. Ich kann diese Erfahrungen nicht rückgängig machen, aber ich kann dazu beitragen, dass sich etwas ändert. Für viele Menschen ist „Nash Dom“ ein wichtiger Anker. Wir haben eine Verantwortung, und die nehmen wir sehr ernst.

medica mondiale unterstützt „Nash Dom“ mit Trauma-Fachexpertise.