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19. November 2019

"I am Anemone": Vorwort von Monika Hauser zu Medica Gjakovas Buchveröffentlichung

Anlässlich des Jubiläums „20 Jahre medica mondiale im Kosovo“ veröffentlichte Medica Gjakova das Buch "I am Anemone" ("Ich bin Anemone"). Es enthält die Berichte von 24 Frauen und einem Mann, die während des Kosovokriegs sexualisierte Gewalt überlebten. Im Kosovo ist es das erste veröffentlichte Buch dieser Art. Monika Hauser betont in ihrem Vorwort, wie wichtig es ist, das Tabu des Schweigens zu durchbrechen und den Berichten der Überlebenden Raum zu geben, damit diese Würdigung für ihre Leiden und Stärken und letztendlich Heilung erfahren können.

"Krieg bedeutet Gewalt, Terror und Zerstörung. Krieg bedeutet für Frauen und Mädchen darüber hinaus Vergewaltigung, Demütigung und Erniedrigung durch die Kriegstreiber und Kriegsprofiteure. Täter sind Soldaten, Paramilitärs, Polizisten. Täter sind frühere Nachbarn, Freunde, Verwandte. Täter sind Männer.

Aber Krieg bedeutet für Frauen und Mädchen auch meistens, danach alleine gelassen und isoliert zu sein, im Stich gelassen zu werden von der eigenen Familie, der Dorfgemeinde, von der eigenen Gesellschaft.

Das Erleben von Frauen geht in Kriegsgeschichten unter

Über einen Krieg bekommen wir meistens die Geschichten der Helden erzählt, selten jene der Opfer, schon gar nicht die der Frauen. Das heißt, dass die Historie der Hälfte der Menschheit nicht vorkommt! Aber es ist elementar wichtig, dass das Erleben von Frauen sichtbar wird, dass Frauen ihre Geschichten selbst erzählen und dass ihr Leiden und die Traumata, auch ihr Widerstand, die Stärke, ihre Würde und die Solidarität untereinander wahrnehmbar wird - und so auch von uns gewürdigt werden kann.

Dieses Buch füllt eine historische Lücke und zeigt die blinden Flecken der offiziellen Geschichtsschreibung auf. Die Geschichten helfen uns, uns dem Unvorstellbaren zu nähern und unserem Mitgefühl für die Opfer Ausdruck zu geben. Doch unsere Empathie darf dort nicht stehen bleiben. Wir müssen unsere Empörung spüren, die uns die nötige Kraft gibt, uns einzusetzen gegen Ausgrenzung und Gewalt heute. Im Kosovo, weltweit!

 

Frauen eine Stimme geben: Geschichten von Leid und Zusammenhalt im Kosovokrieg

Deutlich wird in den Geschichten, dass es die Frauen waren, die das Überleben der Familien sicherten, sie waren es, die zurück in ihre Häuser gehen mussten, um Nahrung zu organisieren – wohlwissend, wie gefährlich das gerade für sie als Frauen war!

„On that day of war…“: Bewegend berichten die Erzählerinnen von ihrem Martyrium. Oft wurde das Haus, in dem sie in Liebe aufgewachsen und viele ihre Kindheit und Jugend verbracht hatten – manchmal nur fünf Minuten entfernt von ihrem Versteck vor marodierenden serbischen Milizen – zur Falle und zu einem Ort des Grauens. Ein Grauen, das sie auch viele Jahre später nicht mehr losließ.

„Das Leiden machte uns zu nahen Gefährtinnen“: Die älteren Frauen versuchten, die jüngeren zu schützen. Wie unerträglich, grausam, wenn sie das nicht konnten, weil ihnen selber Gewalt angetan wurde. Aber was für eine kostbare Beziehung, wenn sie ihr Leid teilen, in der Anderen eine Unterstützerin finden konnten, die der eigenen verwundeten Seele guttat.

Leben nach dem Kosovokrieg: Trauma und gesellschaftliche Ausgrenzung

„I wasn't worth anything“: Die Familien- und Dorfgemeinschaft konnten die Gewalt zwar nicht verhindern, aber ihr Verhalten war und ist entscheidend dafür, wie das Leben für die Frauen danach weiterging, ob mehr als nur ein pures Überleben möglich ist. Ob die Frauen wieder ins Leben zurückkehren können, in die Mitte der Gemeinschaft, hängt auch von deren Unterstützung ab. Sie haben es in der Hand, ob sie den Frauen vermitteln, „ihr seid selbst schuld an dem, was euch passiert ist“ und sie verachten, sie ausgrenzen, sie als 'beschädigten' Teil der Gemeinschaft loswerden will.

Ohne Unterstützung bleiben sie weiterhin hoffnungslos in ihren Traumata gefangen, laufen sogar Gefahr re-traumatisiert zu werden, sich bis zur völligen Isolation zurückzuziehen, psychosomatische Beschwerden zu entwickeln und nur noch mit hohen Mengen Schmerzmitteln die Tage und Nächte zu überstehen.

Patriarchale Traditionen wiegen stärker als Empathie und Verständnis

Oder sie haben es eben in der Hand, den Frauen fürsorgliche Hilfe zu geben und ihnen durch ihr stärkendes und akzeptierendes Verhalten zu zeigen, dass sie weiterhin geschätzt und respektiert werden, sie als Person mit all ihren Stärken und Schwächen gesehen werden. Für viele Überlebende hätte das alles verändert. Sie hätten sich selbst langsam wieder annehmen und Vertrauen in sich und andere aufbauen, ihr Selbstwertgefühl wieder stärken und neuen Lebensmut entwickeln können. Um in ihre geschundenen Körper zurückkehren zu können, hätten manche trotzdem professionelle Hilfe gebraucht – aber die Voraussetzungen wären ganz andere gewesen.

„He found them bloody, lying on the floor…he hugged them, thank God you are alive…“: Es gab unterstützende Väter, Ehemänner, die zunächst froh waren, dass ihre Töchter und Frauen überhaupt noch lebten. Wie hätte sich ihr Überleben weiterentwickeln können, wenn Empathie und Verständnis für die schwer traumatisierten Liebsten im Vordergrund gestanden hätte und nicht letztlich das Festhalten an patriarchalen Traditionen und Strukturen, die die Frauen ausgrenzen und gar verachten? Und auch öffentliche Anerkennung wäre viel früher nach dem Krieg nötig gewesen, um das soziale Stigma zu vermeiden, welches so zerstörerische Auswirkungen auf die Frauen hatte!

'Blame the victim': Schuld wird beim Opfer, nicht Täter gesucht

Zum Phänomen der sexualisierten Gewalt haben sich in patriarchalen Gesellschaften viele Mythen entwickelt, die die Opfer sexueller Gewalt herabsetzen und die an ihnen verübten Verbrechen entschuldigen. Die Funktion solcher Mythen ist, dass die Täter entlastet werden und auch die Gesellschaft keine Verantwortung für diese Verbrechen übernehmen muss. Die Haltung des 'blame the victim' ist ein solcher Mythos, der die Schuld immer beim Opfer und nicht beim Täter sucht. Dass solche Mythen sogar in Nachkriegskontexten bestehen, ist umso tragischer, als sie mit der Realität der Überlebenden wirklich nichts zu tun haben.

Allerdings bedienen Überlebende auch oft selber solche Mythen – etwa, dass ein Opfer schön sein muss, damit es vergewaltigt wird – und dienen ihnen so als Erklärungsmuster, warum gerade ihnen das geschehen ist: Eine coping strategy, die ihnen ein Stück Vorhersehbarkeit und damit Kontrolle zurückbringt, um nicht ohnmächtig in einer komplett unvorhersehbaren Welt zu leben.

Nach einem Krieg sind (fast) alle Verlierer – aber besonders die Frauen, die, obwohl sie grausame Gewalt erlitten haben, sogar noch von ihrer eigenen Gemeinschaft ausgegrenzt werden. Damit haben die Täter erst recht ihr Ziel erreicht: Die Zerrissenheit einer Gesellschaft und wiederholte Traumatisierung der Opfer. Als Teil der Familien und der Gemeinschaft, kann man die Frauen jedenfalls nicht entfernen. Die Frauen gehören zu ihnen!

Buch "I am Anemone": Verantwortung übernehmen und zu einer gerechten Gesellschaft beitragen

Den Berichten der mutigen Erzählerinnen verdanken wir, dass die Geschichten von Frauen sichtbar werden. Dass sie die schrecklichen Erfahrungen deutlich machen, aber auch die Stärke, mit der sie überlebt haben und sich gegenseitig unterstützen. Aber sie machen auch sehr deutlich, was sie von ihrer Familie, ihrer Gemeinschaft, von der Politik gebraucht hätten, um mehr als nur zu Überleben.

Bestenfalls kann dieses Buch dazu beitragen, das Verständnis bei allen zu erhöhen und – zwar spät, aber dennoch – heute Verantwortung zu übernehmen und zu einer gerechteren Gesellschaft beizutragen. Dann hätten die Täter ihr Ziel nicht erreicht, sondern die Menschlichkeit hätte gesiegt."

Vorwort von Monika Hauser zu Medica Gjakovas BuchveröffentlichungI am Anemone

 

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