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30. November 2018

Gewalt gegen Frauen: Anerkennung, Aufarbeitung und Entschädigung

50.000 Frauen und Mädchen wurden schätzungsweise während des Krieges in Bosnien und Herzegowina systematisch vergewaltigt. Trotz der internationalen Empörung über die sexualisierte Gewalt fand die Aufarbeitung dieser Verbrechen keinen Platz im Friedensabkommen von Dayton. Entsprechend wurden die Interessen von Überlebenden im Rahmen des Friedensprozesses kaum berücksichtigt. Eine ernsthafte Anerkennung des Unrechts hat bis heute nicht stattgefunden. Bosnien und Herzegowina ist hierbei nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Larisa wurde während des Krieges in Bosnien und Herzegowina (1992-95) von bosnisch-serbischen Milizionären vergewaltigt. Heute, 25 Jahre nach den Vergewaltigungen, lebt sie verarmt und wird von ihren Mitmenschen ausgegrenzt. Gesundheitlich geht es ihr schlecht. Sie zeigt Symptome posttraumatischer Belastung. Den meisten Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt geht es wie Larisa. Mehr als 70 Prozent der Teilnehmerinnen einer Studie von medica mondiale und Medica Zenica zu den Langzeitfolgen von Kriegsvergewaltigungen (2014) gaben an, dass die Vergewaltigungen ihr Leben noch immer in hohem Maße beeinflussen.

„Nach all diesen Jahren bin ich so tief enttäuscht von Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit sozialer Institutionen, von Gerichten, an die glaube ich nicht mehr. Das ist für mich keine Gerechtigkeit mehr. Für mich ist das eine Verhöhnung der Opfer. Nichts sonst. Es gibt da keine Gerechtigkeit.“ Larisa (Name geändert)

Überlebende weltweit machen dieselben Erfahrungen. Sie werden gesellschaftlich stigmatisiert und ausgegrenzt. Betroffene Frauen und Mädchen sind oft auf sich allein gestellt mit ihren Traumata und leiden existentielle Not. Aber auch für die Gesellschaft sind die Folgen gravierend. Traumata können sich auf die nächste Generation übertragen. So setzt sich die Gewaltspirale fort; Ressourcen für Wiederaufbau und Versöhnung sind blockiert. Doch wie kann Aufarbeitung gelingen? Welche Bedarfe haben Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt?

Gewalt gegen Frauen: Aufarbeitung liegt in der Verantwortung der gesamten Gesellschaft

In ihrem nationalen Aktionsplan „Frauen, Frieden und Sicherheit“ formuliert die Bundesregierung Ansätze zur Bekämpfung sexualisierter Kriegsgewalt. Den Schwerpunkt legt sie dabei auf die strafrechtliche Verfolgung dieser Verbrechen. Maßnahmen für eine Vergangenheitsarbeit fehlen weitestgehend. Beispiele hierfür wären Gedenkstätten, Museen, Mahnmale, Gedenktage, Formen des Erinnerns in Text und Bild. Die soziale Anerkennung dieses Unrechts fernab von Stigmatisierungen trägt wesentlich dazu bei, dass die Überlebenden sexualisierter Gewalt ihre Stabilität wiedererlangen. Der Umgang mit den Folgen sexualisierter Kriegsgewalt darf daher nicht allein auf individueller Ebene verortet werden. Die neue Strategie der Bundesregierung zur Vergangenheitsbewältigung (Transitional Justice) sollte genau diese Lücke schließen.

Entschädigungsgesetze: Es bedarf einer traumasensiblen Vorgehensweise

Seit 2006 können Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt in Bosnien und Herzegowina den Status des zivilen Kriegsopfers beantragen. Dieser Status berechtigt sie zum Bezug einer monatlichen Rente von umgerechnet rund 275 Euro. Außerdem erhalten sie Zugang zu bestimmten Förderprogrammen – wie zum Beispiel zu medizinischer Versorgung. Bosnien und Herzegowina war das erste Land überhaupt, das ein Entschädigungsgesetz verabschiedet hat und damit Überlebende als Kriegsopfer anerkannte. Frauenrechtsaktivistinnen haben hart dafür gekämpft. Doch bis heute haben gerade einmal rund 800 Frauen den Status zuerkannt bekommen.

Nur wenige Frauen erhalten Entschädigung: Woran liegt das?

Überlebende berichten von erheblichen Schwierigkeiten bei der Antragstellung. Das Prozedere sieht zunächst vor, dass eine qualifizierte Frauenrechtsorganisation – wie beispielsweise Medica Zenica – den Betroffenen ein Zertifikat ausstellt. Anschließend wird der Antrag von einer staatlichen Kommission geprüft. Auf staatlicher Seite wird das Verfahren dann langwierig, intransparent und kompliziert. Betroffene müssen der Kommission wiederholt ihre „Geschichten“ vortragen. Ihnen wird nicht geglaubt. Sie werden sogar verhöhnt. So finden sich Überlebende abermals in einer Situation von Kontrollverlust und großer Unsicherheit wieder, was sie erneut demütigt und alte Wunden aufreißt.

Damit Überlebende den Status des zivilen Kriegsopfers als Zeichen der Wertschätzung wahrnehmen, muss sich in der praktischen Umsetzung einiges ändern. Es bedarf vor allem einer traumsensiblen Vorgehensweise durch die Kommission. Traumasensibilität ist in erster Linie eine Haltung im Umgang mit Menschen, die Traumatisches erlebt haben. Eine solche Haltung zeichnet sich durch Empathie und die Bereitschaft aus, Betroffene zu stärken. Es geht darum, für Überlebende Sicherheit herzustellen, das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Selbstwert zu stärken und soziale Verbindung zu ermöglichen. Eine traumasensible Arbeitsweise des Entscheidungsgremiums würde dazu führen, dass Überlebende ihre eigenen Ressourcen aktivieren. Sie erlangen wieder die Kontrolle über ihr Leben sowie Vertrauen in sich und andere. Entschädigungsgesetze könnten so einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung von Kriegsvergewaltigungen leisten.

Quelle: In voller Länge erschienen unter dem Titel „Aufarbeitung von sexualisierter Kriegsgewalt: Lehren aus Bosnien und Herzegowina“ im Peacelab-Blog des Auswärtigen Amtes, geschrieben von Jeannette Böhme, Politik- und Menschenrechtsreferentin bei medica mondiale.

Aktuelle Initiative zum Thema „Entschädigung & Strafverfolgung“

Monika Hauser, Gründerin von medica mondiale, tauscht sich aktuell eng mit dem kongolesischen Friedensnobelpreisträger Dr. Denis Mukwege über Entschädigungsgesetze und Strafverfolgung aus. Die Mukwege-Stiftung führt eine internationale Initiative zum Thema „Entschädigung von Opfern sexualisierter Kriegsgewalt“ an. Am 28.11. diskutierten zahlreiche AktivistInnen ihre Vorschläge zu Entschädigungszahlungen in Den Haag – unter ihnen Monika Hauser. Unter den Teilnehmenden waren Überlebende sexualisierter Gewalt aus zehn verschiedenen Ländern, VertreterInnen von Frauenrechtsorganisationen aus Kolumbien, Uganda und dem Kosovo, FachexpertInnen sowie RegierungsvertreterInnen wie beispielsweise Maria Teresa, Großherzogin von Luxemburg und die UN-Sonderbeauftrage für sexuelle Gewalt in Konflikten, Pramila Patten.

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