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10. Juli 2020

Genozid von Srebrenica 1995: Monika Hauser erinnert sich

Bosnien Herzegowina, Juli 1995: Tausende Ehemänner, Söhne und Brüder werden von den Soldaten der Republika Srpska in die umliegenden Wälder geführt und kaltblütig ermordet. Zahllose ihrer Frauen, Töchter und Schwestern werden vergewaltigt. Monika Hauser hatte zwei Jahre zuvor die Frauenzufluchtsstätte Medica Zenica gegründet und war ständig vor Ort. Sie schildert ihre persönlichen Erinnerungen an dieses grausame Kriegsverbrechen.

Monika Hauser: 11. Juli 1995. Nie werde ich das Grinsen des serbisch-bosnischen Generals Ratko Mladic vergessen, wie er dem niederländischen UN-Kommandanten Karremans den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht bläst. Karremans sollte die weit über 60.000 ZivilistInnen in der UN-Schutzzone Srebrenica beschützen. Gleichzeitig musste er um das Leben seiner 400 Blauhelmsoldaten fürchten. Bereits am 9. Juli hatte der „Peacekeeper“ NATO-Luftunterstützung angefordert. Die Internationale Gemeinschaft hatte nur abgewinkt.

Srebrenica: Massaker und Massenvergewaltigungen vor den Augen der Weltgemeinschaft

11. Juli 1995. Nie werde ich die Bilder vergessen, wie erschöpfte und verzweifelte Frauen und Kinder in die Busse einsteigen, um nach Tuzla auf die „andere Seite“ gefahren zu werden. Gleichzeitig werden ihre Männer, Söhne und Brüder von den Soldaten der Republika Srpska kaltblütig ermordet. 8.372 verscharrte Leichen – über die Jahre wurden über 30 Massengräber entdeckt. Noch immer sind viele nicht gefunden worden. Auf dem Gedenk-Friedhof für den Genozid wurden in Potočari bislang um die 4.500 Tote beigesetzt in einem schier endlosen Gräbermeer. Von den Exhumierten sind jedoch bislang viele nicht identifiziert worden. Um Spuren zu verwischen, sind sie mehrfach ausgegraben und an anderen Orten wieder verscharrt worden. Nie werde ich den Ausdruck in den Augen der deportierten Frauen vergessen, die ich später dann in Zenica getroffen habe. Viele waren auf dem Weg nach Tuzla vergewaltigt worden. Nie hätte ich mir vor Srebrenica vorstellen können, dass das Unvermögen der Weltgemeinschaft noch eine weitere Steigerung erfahren könnte.

Bosnien: Leben nach Völkermord und Vergewaltigung im Krieg

Unser Ziel bei Medica Zenica war es, mit Solidarität und Fachwissen traumatisierte Frauen und Mädchen zu unterstützen. Daraus entwickelten wir das Anliegen, dass eine Aufarbeitung der erlebten Schrecken erfolgen muss. Ohne Erinnerungsarbeit werden sich weder die Individuen noch eine Gesellschaft als solche von den erlittenen Traumata erholen. Gerade bei sexualisierter Kriegsgewalt ist die Anerkennung des Leids elementar. In männlich dominierten Gesellschaften erleben Vergewaltigungsopfer stattdessen Ausgrenzung und Stigmatisierung. Unter anderem dem jahrelangen politischen Einsatz von medica mondiale, Medica Zenica und Medica Gjakova ist es zu verdanken, dass Opfer sexualisierter Kriegsgewalt in Bosnien und im Kosovo seit einigen Jahren gesetzlich verankert als Kriegsopfer anerkannt werden. Dies ist auch gesamtgesellschaftlich ein überlebenswichtiger Schritt, um langfristige Auswirkungen dieser Kriegsgewalt auf nachfolgende Generationen durch aktive Aufarbeitung zu mindern.

Gerade wegen ihres früheren Versagens, muss die Weltgemeinschaft sehr ernsthaft diese Aufarbeitungsbemühungen fördern und sich gegen jegliche Verleugnungstendenzen dieser Verbrechen positionieren. Auch um einen Rest ihrer Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen!

 

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