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12. Juli 2019

Gabriela Mischkowski & Monika Hauser: sexualisierte Kriegsgewalt – Wahrnehmung und Folgen

Jahrzehntelang wurde sexualisierte Kriegsgewalt als nicht vermeidbarer „Kollateralschaden“ gesehen. Heute gilt, dass Vergewaltigung im Krieg gezielt als Waffe und Kriegsstrategie eingesetzt wird. Sexualisierte Gewalt jedoch auf ein Motiv und eine Funktion zu reduzieren, macht ein nachhaltiges Bekämpfen des Problems unmöglich, da seine Komplexität ignoriert wird.

[...] Sexualisierte Gewalt im Krieg ausschließlich als kriegsstrategische Funktion zu sehen, [kann ein Mittel sein], sich von dem Geschehen, von dem, was jetzt als schweres Unrecht gesehen wird, zu distanzieren – und so keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Stellen wir also für eine Weile das Spotlight „Kriegsstrategie“ aus und beleuchten stattdessen die Komplexität sexualisierter Kriegsgewalt.

Das Kontinuum sexualisierter Gewalt

Erstens: Sexualisierte Gewalt hört nicht mit dem Ende von Kriegshandlungen auf. [...] Abflauenden Kämpfen folgt in der Regel eine jahrzehntelange Grauzone [...]. In dieser Grauzone können die Täter sexualisierter Gewalt einerseits dieselben sein wie zuvor, jetzt vielleicht demilitarisiert und im Polizeidienst tätig. Andererseits wird die Tätergruppe vielschichtiger, da nun auch jene Männer mitmischen, die sich gern in der Beschützerrolle sehen: Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen, Aufseher und Sicherheitspersonal in Flüchtlingslagern, UN-Soldaten. [...]

Zweitens: [...] Sexualisierte Gewalt oder ihre Möglichkeit ist schon vor dem Krieg für viele Frauen und Mädchen eine Alltagserfahrung. [...] Hinzu kommen unterschiedliche Grade sexistischer und misogyner Einstellungen, fest verankert in soziokulturellen Praxen, gesellschaftlichen Normen und militärischer Ausbildung, die ein Unrechtsbewusstsein gar nicht erst aufkommen lassen. [...]

Drittens: An den Folgen der Gewalt im Allgemeinen und die der sexualisierten Gewalt im Besonderen haben Betroffene oft ihr ganzes Leben und die gesamte Gesellschaft über Generationen zu tragen. Gerade bei sexualisierter Gewalt wissen wir, dass Traumasymptome häufig chronifizieren. [...] Dem Trauma der sexuellen Gewalterfahrung folgt das Trauma der Stigmatisierung. [...]

Formen, Muster und Motive sexualisierter Kriegsgewalt in unterschiedlichen Kontexten

Militärbordelle konventioneller Armeen: [...] [Medizinisch streng kontrollierte Militärbordelle] sollten sowohl die Sexualität der Soldaten steuern als auch die einheimischen Prostituierten kontrollieren. Dabei waren die Grenzen zwischen freiwilliger Prostitution, Zwang und sexueller Versklavung fließend. Das bekannteste Beispiel für Militärbordelle war die systematische Einrichtung sogenannter Comfort Stations durch die japanische Armee im Zweiten Weltkrieg. [...]

Sexuelle Versorgung in Neuen Kriegen: [...] In vielen Kriegen der jüngsten Zeit, dienen Vergewaltigungen einerseits als Instrument des Terrors oder der Vertreibung. Gleichzeitig ist die Entführung und sexuelle Versklavung von Mädchen für die Reproduktion von ständig mobil operierenden Rebellengruppen und Milizen funktional. [...]

Male Bonding: Gemeinsame Bordellbesuche wie auch sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen können Teil geselliger Kameradschaftsabende sein [...]. Gruppenvergewaltigungen können militärische oder rassistische Hierarchien innerhalb einer Gruppe nivellieren oder festigen, wenn die Reihenfolge zum Beispiel dem militärischen Rang bzw. der Rassenzugehörigkeit folgt. [...]

Sexualisierte Gewalt in Armeen und Milizen: 2010 wurden laut Angaben des US-Verteidigungsministeriums 19 000 Soldatinnen innerhalb der Armee sexuell angegriffen. [...] Sexualisierte Gewalt ist auch innerhalb von Rebellengruppen Lateinamerikas oder Afrikas präsent. Häufig besteht die einzige Chance für Frauen, und insbesondere Kindersoldatinnen, der Vielzahl sexueller Übergriffe durch ihre männlichen Pendants zu entgehen, darin, diese an Brutalität zu übertreffen, um selbst Vorgesetzte zu werden, oder sich einen Vorgesetzten auszusuchen, um dessen alleiniges sexuelles Eigentum zu werden. [...]

Sexualisierte Gewalt ganzheitlich bekämpfen

Vergewaltigungen können im Krieg als Waffe dienen und zur Erreichung bestimmter Kriegsziele dienlich sein. Sie jedoch ausschließlich funktional zu sehen, heißt, den Fokus auf Ereignisse und Täter zu legen, die mit uns und unserer Welt nichts zu tun haben. So können wir uns davon abgrenzen, moralisch darüber erheben und müssen keine Verantwortung übernehmen. [...]

Wenn wir alle Scheinwerfer einschalten, erscheint sexualisierte Gewalt als eine besonders hartnäckige Konstante unserer Gesellschaften in Kriegs- und Nichtkriegszeiten, eine Konstante, die allerdings keine Naturgewalt ist, sondern gesellschaftlich produziert und also veränderbar. Deshalb ist jedes Unterfangen, nur einen Aspekt davon – sexualisierte Gewalt als Kriegsstrategie – bekämpfen zu wollen, zum Scheitern verurteilt.

Sie finden den Beitrag in voller Länge in unserer Fachbroschüre (S. 8)

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