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21. Januar 2020

Gastbeitrag von Anusanthee Pillay: Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen – das Beispiel Liberia

Unzählige Frauen erlebten während der Bürgerkriege in Liberia sexualisierte Gewalt. Diese Form der Gewalt an Frauen war jedoch nicht nur eine Folge des Krieges, sondern stand in Zusammenhang mit bereits vor dem Krieg herrschenden gesellschaftlichen Strukturen. Nachkriegszeiten stellen nun eine Chance dar, ein System herzustellen, in dem Frauen nicht mehr Opfer von Gewalt und Diskriminierung sind.

Wie im Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) Liberias des Jahres 2008 dokumentiert, haben Frauen auf allen Ebenen der liberianischen Gesellschaft traditionell eine sehr eingeschränkte Stellung. Aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Ethnizität und Klassenzugehörigkeit wird das Leben liberianischer Frauen seit Jahrzehnten von unterdrückender, patriarchalischer Kontrolle über Fortpflanzung, Mobilität und ihrer Teilnahme am öffentlichen Leben bestimmt. […]

Frauen müssen in Wahrheitsfindungsprozesse einbezogen werden

Frauen müssen miteinbezogen werden, wenn auf eine transformierte Gesellschaft hingearbeitet wird, in der Männer und Frauen in all ihrer Unterschiedlichkeit in Frieden und Harmonie miteinander leben können. Auf dieser Grundlage unternahm die TRC Liberias einen bemerkenswerten Versuch, mehr Frauen in den Wahrheitsfindungsprozess einzubinden. Ihre grausamen Geschichten über Mord, Folter, sexualisierte Gewalt und Missbrauch fanden hier Gehör. […] Mitglieder der Kommission hörten sich ihre Geschichten mit Entsetzen an und fragten sie, was in solchen Fällen passieren sollte, damit es nie wieder dazu kommt.

Zur Widerlegung der Auffassung, dass Frauen lediglich Opfer und Überlebende sind, war die Erkenntnis, dass Frauen während des Konflikts viele verschiedene Rollen spielten, sehr wichtig. […] Für viele Frauen galt die Frage „töten oder getötet werden?“, die sie dazu ermutigte, Soldatinnen zu werden. […]

Nachkriegszeit als Chance zum Wandel

Die Geschichten der Frauen zeigen, dass Gewalt an Frauen bereits mit der Geburt beginnen kann und nicht allein durch Kriege, Konflikte und Unruhen der Gesellschaft verschlimmert werden. Dies gilt für Frauen weltweit und wurde umfassend dokumentiert. Die daraus resultierende Frage lautet: Was müssen wir in den Nachkriegszeiten, die auch Chancen zu einem Wandel beinhalten, tun, um nicht wieder ein System herzustellen, dass Frauen und Mädchen zu Opfern von Gewalt und Diskriminierung macht?

Obgleich der Kampf, Gewalt gegen Frauen ein Ende zu setzen, weitergeht, ist das Beispiel Liberia ein gutes Modell. Die internationale Gemeinschaft erkannte, dass der Konflikt ohne die Teilnahme und das Eingreifen der Frauen noch längst kein Ende gefunden hätte – so wurden die Präsidentin und eine der Aktivistinnen, die an den Friedenskampagnen teilnahm, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Obwohl Frauen während der Friedensgespräche in den formellen Verfahren nicht anwesend waren, spielten sie doch eine wichtige Rolle. Und die Bereitschaft, Frauen einzubeziehen, führte zur Wahl der ersten weiblichen Präsidentin Afrikas.

Nationaler Aktionsplan Liberias bindet Frauen in Friedensförderung ein

Des Weiteren unternahm Liberia große Anstrengungen zur Umsetzung eines Nationalen Aktionsplan, um Frauen sinnvoll in die fortdauernde Friedensförderung und die Vorbeugungsprogramme der Konfliktinitiativen einzubinden. Diese Initiativen haben aufgrund wirtschaftlicher Implikationen und andauernder Widerstände aber noch einen weiten Weg vor sich. […]

Damit der Friedensprozess nachhaltig und für alle relevant sein kann, müssen Frauen und Mädchen an allen Diskussionen, Verhandlungen und Entscheidungsfindungen beteiligt werden. […] Die Bereitschaft des TRCs, selbst in die abgelegensten Regionen vorzudringen und den Geschichten der Frauen und Mädchen zuzuhören, sollte beibehalten werden. Nur so können wir aus erster Hand von ihren schweren Schicksalen erfahren und wissen, was sie auf ihrem weiteren Lebensweg brauchen. Frauen um umfassende Empfehlungen zu bitten, ihre Erfahrungen, Sichtweisen und Ideen festzuhalten, bedeutet letztlich, ihnen Anerkennung und volle Teilnahme an der Gesellschaft zu ermöglichen.

Sie finden den Beitrag in voller Länge in unserer Fachbroschüre (S. 37)

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