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30. Juni 2021

Frauenrechtsarbeit in Afghanistan: Erfolge, Rückschläge und ungewisse Zukunft für Frauenrechte

medica mondiale und ihre Partnerorganisation in Afghanistan haben in 20 Jahren intensiver gemeinsamer Arbeit große Erfolge für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen erreicht. Damit diese Fortschritte in den nächsten Jahren nachhaltig verankert werden können, müssen sie jetzt vor der Bedrohung durch islamistische Kräfte geschützt werden. Der Beschluss, die US- und NATO-Truppen ohne weitere Bedingungen im Sommer 2021 abzuziehen, stellt die Aktivist:innen von Medica Afghanistan vor große Herausforderungen.

Eine lange Vorgeschichte

Bereits seit 1919 stehen Frauenrechte auf der politischen Agenda in Afghanistan und werden kontrovers diskutiert. Zunächst sollen Kinder- und Zwangsheirat, der Brauch des Brautpreises und die Polygamie abgeschafft werden. Später kommen Forderungen nach Bildung, Arbeit und größerer Mitsprache in Gesellschaft und Politik hinzu. Frauenrechtler:innen erreichen vieles: Schon 1964 bescheinigt die Verfassung Frauen und Männern gleiche Rechte. Jedoch ist dies für die meisten Mädchen und Frauen im Land noch keine Realität.

Internationale Einflussnahme und das Erstarken des politischen Islam führen zu Bürgerkrieg, Kriegsvergewaltigungen und zu Angriffen auf Frauenrechtsaktivist:innen. Die Taliban schließlich nehmen alle bis dahin erkämpfte Freiheiten vollständig zurück. Mit drakonischen Mitteln verbieten sie Frauen zu arbeiten, sich politisch zu betätigen oder auch nur alleine außer Haus zu gehen. Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist jetzt staatliches Programm.

Ein hoffnungsvoller Neubeginn

Nach dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 beginnt die Aushandlung von Frauenrechten von neuem. Es herrscht Aufbruchstimmung: Aktivist:innen erhalten mediale Aufmerksamkeit, finanzielle und politische Unterstützung. Die Kehrseite: Frauen und Mädchen sind infolge der systematischen Unterdrückung in erschreckendem Ausmaß von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffen. In dem vom Krieg verwüsteten Land existieren für sie kaum Unterstützungsangebote. Zu den wenigen Gesundheitszentren haben sie oftmals keinen Zugang. So können sie weder Schutz suchen, noch medizinische Behandlung oder qualifizierte Beratung in Anspruch nehmen.

In der schwierigen Situation initiiert medica mondiale mutig ein Programm zur Unterstützung gewaltbetroffener Frauen. An mehreren Orten entstehen Unterstützungsstrukturen, in denen Frauen psychosoziale Einzel- und Gruppenberatung erhalten oder an Selbsthilfegruppen teilnehmen können. Dort verarbeiten sie traumatische Erfahrungen und schöpfen neuen Lebensmut. Auch die kostenfreie Rechtsberatung und die Vertretung bei Scheidungen und anderen zivil- und strafrechtlichen Verfahren durch Anwältinnen stößt auf große Nachfrage. Später entwickeln die Fachfrauen weitere Angebote wie Mediationen und Familienberatungen.

Eine neue Frauenrechtsorganisation

medica mondiale baut in den ersten zehn Jahren des Engagements in Afghanistan nicht nur fachliche Unterstützungsstrukturen für gewaltbetroffene Frauen auf. Mit der Gründung einer neuen Frauenrechtsorganisation in Afghanistan entstehen nachhaltige Organisationsstrukturen und damit ein Ort, in dem Frauen in verantwortlichen Positionen einen Beitrag gegen Gewalt an Frauen in ihrem Land leisten.

Frauenrechte bekommen eine neue gesellschaftliche Bedeutung

Unsere Partnerinnen in Afghanistan tragen in den folgenden Jahren dazu bei, dass sich Frauenrechtsorganisationen zu einem zentralen Element der afghanischen Zivilgesellschaft entwickeln. Mit Unterstützung von medica mondiale adaptieren die Fachfrauen in Afghanistan den stress- und traumasensiblen Ansatz in ihrer eigenen Beratung und bilden Gesundheitsfachkräfte, Berater:innen und Anwält:innen darin weiter. Dadurch nimmt die Qualität der Unterstützung gewaltbetroffener Frauen landesweit kontinuierlich zu.

Mit Schulungen von Polizist:innen, Jurist:innen und anderen Multiplikator:innen machen unsere Partnerinnen gesetzliche Regelungen zu Verlobung und Heirat, zu Trennung und Scheidung, zu Sorge- und Erbschaftsrecht bekannt. Damit versetzen sie Frauen in die Lage, für ihre Rechte einzustehen.

Politische Einflussnahme

Auch auf politischer Ebene nutzen die Pionierinnen jede Möglichkeit, Einfluss auf die Rechte von Frauen zu nehmen. Ein großer Erfolg der kontinuierlichen politischen Arbeit ist das Gewaltschutzgesetz, das 2009 verabschiedet wird. Es garantiert die Existenz von Frauenhäusern als sicheren Ort. Außerdem kriminalisiert das Gesetz sowohl sexualisierte als auch physische Gewalt. Jedoch versuchen konservative und religiös-fundamentalistische Kräfte in den nächsten Jahren mehrfach, das Gesetz auszuhöhlen oder vollständig abzuschaffen. Nur durch wiederholte Interventionen unserer Partnerinnen und anderen Frauenrechtsorganisationen kann das Gesetz vollständig erhalten bleiben.

Auch auf internationaler Ebene fordern medica mondiale und ihre afghanische Partnerorganisation, die Versprechen für mehr Frauenrechte einzulösen. Ein Erfolg: die Umsetzung des Gewaltschutzgesetzes wird zum Indikator, an dem die internationalen Geber die Arbeit der afghanischen Regierung bewerten.

Rückschläge und Gegenwind

Zwar unterstützt die internationale Gemeinschaft die Etablierung von Frauenrechten, allerdings müssen diese im Zweifel hinter anderen politischen Zielen zurückstehen. Dadurch kommt es zu Rückschlägen im Kampf für Frauenrechte. Der Beschluss, die US- und NATO-Truppen ohne weitere Bedingungen im Sommer 2021 abzuziehen, stellt die Aktivist:innen vor große Herausforderungen. Die Verhandlungen zwischen der afghanischen Regierung und der Taliban-Führung stocken. Ein wirklicher Frieden ist nicht in greifbarer Nähe. Die Rückkehr der Taliban an die Macht steht unmittelbar zu befürchten.

Ungewisse Zukunft

Zwischen 2001 und 2021 haben medica mondiale und ihre Partnerorganisation durch ihren unermüdlichen Einsatz gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen in mehreren Städten Afghanistans Zugang zu professioneller und frauenzentrierter Unterstützung geschaffen.

Frauen und Mädchen können sich heute auf eine deutlich verbesserte Gesetzeslage berufen, brauchen allerdings weiterhin Unterstützung. In der afghanischen Gesellschaft ist eine neue Generation herangewachsen, von denen viele ein anderes Geschlechterverhältnis anstreben. In städtischen Zentren sind größere Freiheiten und Rechte für einige Frauen und Mädchen bereits Realität. Allerdings gilt dies noch lange nicht für das ganze Land. Noch immer wissen viele Frauen nicht um ihre Rechte, oder haben keine Möglichkeit, sie zu beanspruchen.

Die Sicherheit von Frauen und Mädchen hängt nicht nur von den familiären, sondern auch von den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen ab. Die hart erkämpften Errungenschaften müssen geschützt und weiter zur Anwendung gebracht werden. Das ist nur möglich, wenn die politischen Rahmenbedingungen einer solchen Arbeit Raum geben.

medica mondiale wird auch in Zukunft den mutigen Frauenrechtlerinnen in Afghanistan zur Seite stehen und fordert von der deutschen und internationalen Politik, alles in ihrer Macht Stehende für den Schutz von Frauenrechten und von Aktivist:innen zu tun. Sie benötigen jetzt unsere besondere Solidarität.

>>>Erfahren Sie hier, wie Sie Frauen in Afghanistan unterstützen können und was Ihre Spende bewirkt