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07. Mai 2020

Ein Gegenentwurf zu Krieg und Hass – Frauen nach dem Völkermord in Ruanda

Vor 26 Jahren wurde Ruanda von einem Völkermord erschüttert. Eine Million Menschen kam dabei ums Leben, mindestens 250.000 Frauen wurden vergewaltigt. Wie geht eine Gesellschaft mit solchen Ereignissen um? Unsere Partnerorganisation SEVOTA erkannte die Gefahr, die vom Schweigen und Wegschauen ausgeht. Ihre Angebote bieten Frauen und ihren Kindern einen positiven Blick in die Zukunft.

Der erste Finger steht für das Leiden. Der zweite Finger steht für die Krise, der dritte für die Wut, und der vierte und fünfte für Stress und mangelnden Selbstwert. Die Frauen berühren nach und nach die Finger ihrer Hand. „Nutzt die Finger, wenn ihr über diese Gefühle sprecht“, rät ihnen Augusta Mukasengoga, eine der anwesenden Psychologinnen. So werden die Sorgen im wahrsten Sinne des Wortes „fassbar“, lassen sich leichter besprechen – und werden mit der Zeit weniger.

Frauenforen: Therapie, Selbsthilfe und Austausch

Ungefähr 80 Frauen sind in den Räumen der Frauenorganisation SEVOTA versammelt. Sie treffen sich alle ein bis zwei Monate, um sich auszutauschen und über ihre Sorgen zu sprechen. Diese „Frauenforen“ folgen einem erprobten Programm: Während die ersten Sitzungen therapeutischen Charakter haben, zielen die folgenden auf die Stärkung von Selbsthilfekapazitäten und auf den Austausch mit anderen Frauen.

Als Godelieve Mukasarasi im Dezember 1994 SEVOTA gründete, gab es keine Vorbilder für ihre Angebote. Was es gab, war eine bis ins Mark erschütterte Gesellschaft. Schätzungen zufolge wurden 250.000 bis 500.000 Frauen vergewaltigt. Tausende Kinder wurden in der Folge geboren. Von der Gemeinde ausgegrenzt, weckten die Kinder auch in ihren Müttern schwierige Gefühle. Vivien, eine der Überlebenden, bringt das zum Ausdruck: „Es war am Anfang sehr schwer, meine Tochter zu akzeptieren. Sie war das Kind der Mörder meiner ganzen Familie!“

„Das ist jetzt meine Familie“ – Gemeinschaft sexualisierter Gewalt zum Trotz

Vivien war 16 Jahre alt, Waise und schwanger durch Vergewaltigung, als sie im Dezember 1994 zu SEVOTA kam. Die Gemeinschaft der anderen Frauen tat ihr gut. „Am Anfang weinten und weinten wir. Danach fühlten wir uns besser.“

Die Frauenforen sind weit mehr als nur ein Treffen Gleichgesinnter. Sie sind ein Gegenentwurf zur zerrütteten Gesellschaft von 1994. Vergewaltigungen führen, auch in Friedenszeiten, häufig zu einem Gefühl der Vereinzelung. Im Krieg vergewaltigen Soldaten gezielt, um Gemeinschaften zu zerstören. Vivien berichtet: „Meine Schwester wirft mir bis heute vor, dass ich mein Kind bekommen habe. Sie hat den Kontakt zu mir abgebrochen.“ SEVOTA übernahm für sie eine überlebenswichtige Funktion: „Das ist jetzt meine Familie.“

Kriegsfolgen in Ruanda – Nachwirkungen auf die nächste Generation

So erklärt sich auch, warum SEVOTA auf langfristige Ansätze setzt. Denn traumatische Erlebnisse wirken lange nach – oftmals bis in die nächste Generation. Die Frauen unterstützen sich gegenseitig. Mit der Zeit lernen sie, die Vergangenheit zu akzeptieren und wieder in die Zukunft zu blicken.

Vivien hat diesen wichtigen Schritt geschafft. Sie akzeptiert sich und ihre Vergangenheit und sagt uns: „Ich bin weit gekommen, aber ich bin noch nicht am Ende. Ich entwickle mich immer noch weiter!“ Sie kann ihre Tochter heute annehmen und lieben. Diese nimmt an den Jugendclubs von SEVOTA teil und hat dadurch viel Kraft für ihr eigenes Leben gewonnen.

Auch die Mitarbeiterinnen von SEVOTA blicken nach vorn. Sie planen, ein Grundstück zu kaufen, um ihre Angebote auszuweiten. Neben Kursen für Frauen und Jugendliche soll es dort einen Laden geben, in dem die Produkte der Frauengruppen verkauft werden, sowie eine Dokumentationsstätte zu den Vergewaltigungen während der Kriegszeit.

medica mondiale unterstützt SEVOTA seit 2008 finanziell und mit traumatherapeutischer Expertise.

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