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28. Juni 2019

Evaluation Nordirak: Gemeinsam für ein starkes Netzwerk gegen Gewalt

Im Nordirak verbinden Haukari e. V. und medica mondiale den Ausbau psychosozialer Unterstützung mit der Vernetzung staatlicher und zivilgesellschaftlicher Kräfte, um den Schutz vor sexualisierter Gewalt nachhaltig zu verbessern.

Bis heute leben Tausende Menschen aus dem Irak und angrenzenden Konfliktgebieten in den Geflüchtetencamps und Gastgemeinden in Irakisch Kurdistan. Damit hält nicht nur für viele Frauen, die extreme Gewalt überlebt haben, eine unsichere, oftmals von neuer Gewalt geprägte Situation an. Auch die Ressourcen der kurdischen Aufnahmebevölkerung und ihrer Regionalregierung sind zunehmend erschöpft.

Qualifizierte Beratung für Geflüchtete und ihre Familien

Gemeinsam mit der Organisation Haukari e.V. unterstützte medica mondiale Behörden und Anlaufstellen in den Provinzen Dohuk und Sulaimaniyya dabei, ihre Kapazitäten zu stärken. Dringend benötigt wurden mehr qualifizierte Beratung und Aufklärung für die Geflüchteten, aber auch Fach- und Führungskräfte, die sich mit Ursachen, Folgen und der Prävention von sexualisierter Gewalt auskennen und traumasensibel arbeiten.

Dafür schulten die Projektpartnerinnen mobile Beratungsteams in Camps und Gastgemeinden, verbesserten deren Ausstattung, organisierten Aufklärungsveranstaltungen für Geflüchtete und ihre Familien, und bildeten Fach- und Führungskräfte von Behörden, Krankenhäusern, Beratungsstellen oder der Polizei in traumasensiblen Arbeitsweisen weiter. Zudem organisierten sie den Austausch zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Unterstützungseinrichtungen, um nachhaltige Standards zu etablieren. In Sulaimaniyya wurde diese Arbeit durch das lokale Frauenzentrum Khanzad intensiv begleitet.

Frauen fühlten sich nach Beratung sicherer, ermutigt und über Frauenrechte informiert

Trotz der politischen Instabilität der Region und der angespannten Sicherheitslage, in der das Projekt durchgeführt wurde, bewerteten die südafrikanische Jikelele Consultancy und das Institut für Soziale Arbeit der Universität Sulaimani die Ergebnisse überwiegend positiv.

Die verbesserte Ausstattung und Schulung der mobilen Beratungsteams erleichterte den Einsatz in Geflüchtetencamps in der Provinz Sulaimaniyya (Germian) und bewirkte, dass mehr Frauen und auch Männer rechtlich und psychosozial gut beraten und aufgeklärt werden konnten. Die betroffenen Frauen, die später befragt wurden, fühlten sich dadurch sicherer, ermutigt, eigene Entscheidungen zu treffen und wussten mehr über ihre Rechte. Die TeilnehmerInnen der Fachkräfte-Schulungen zeigten deutliche Veränderungen in ihrer Haltung, ihrem Wissen und Verhalten gegenüber gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen, die sie unmittelbar anwenden konnten.

Aufklärungs- und Sensibilisierungstrainings bei Polizei und Sicherheitskräften erhöhten die Aufmerksamkeit für das Problem sexualisierter Gewalt an sich und im Umgang mit Überlebenden. Führungskräfte gaben an, das Erlernte bereits in den Arbeitsalltag integriert und ihre Kenntnisse an KollegInnen weitergegeben zu haben.

Evaluierung empfiehlt, auf lokale Expertise zu setzen

Für mehr Nachhaltigkeit, höhere Kosteneffizienz und eine größere Reichweite des Projekts empfahlen die EvaluatorInnen jedoch, die Aus- und Weiterbildung lokaler Fachkräfte und SupervisorInnen zu verstärken, die wiederum lokale Ansätze entwickeln und nutzen. Auf diese Weise ließe sich die Anzahl der Schulungs-TeilnehmerInnen erhöhen, welche aktuell noch zu gering ist, insbesondere im Verhältnis zu den hohen Kosten für die internationalen TrainerInnen. Um die Schulungsinhalte besser zu vermitteln und präsent zu halten, sollten zudem mehr angemessene Materialien zur Verfügung gestellt und nachträgliche Supervision angeboten werden. Auch kritisierten lokale Fachkräfte die zum Teil unklare Rollenverteilung und inhaltliche Wiederholungen bei der Ausbildung. Damit das bisher Erreichte verstetigt und ausgebaut werden kann, sollten Haukari und medica mondiale noch besser zusammenarbeiten, sich häufiger austauschen und ihre Arbeit ausführlich dokumentieren.

Aufklärungsprogramme erfolgreich an Bedürfnisse stark traumatisierter Frauen angepasst

Die Durchführung des Projekts in Geflüchtetenlagern und Gastgemeinden zugleich erwies sich als sehr positiv, da durch die Beratung und den Austausch bestehende Spannungen abgebaut werden konnten. Auch der Ansatz, mehr Beratungsstrukturen einerseits und verbesserten Schutz andererseits zu fördern, indem staatliche und zivilgesellschaftliche Strukturen angesprochen wurden, entsprach laut EvaluatorInnen den lokalen Erfordernissen in hohem Maße. In diesem Zusammenhang wurde Haukaris Vorgehen als sehr konstruktiv bewertet, gezielt Fach- und Führungspersonen aus unterschiedlichen Berufsgruppen und von unterschiedlichen staatlichen und nichtstaatlichen Stellen gemeinsam fortzubilden. Zwar erhöhte es den Aufwand für die Trainerinnen, die unterschiedliche Vorkenntnisse und Erfahrungen integrieren mussten. Jedoch förderte die Heterogenität den Austausch und half, Lösungen ganzheitlich zu besprechen.

Die innovative Anpassung der Sensibilisierungs- und Aufklärungsprogramme von Haukari auf die Bedürfnisse vor allem stark traumatisierter Frauen und Mädchen mit sehr großem Sicherheitsbedürfnis und hoher Hemmschwelle, wurde von den EvaluatorInnen als besonders erfolgreich hervorgehoben.

Evaluation folgt partizipatorischem Ansatz unter Einbindung traumasensibler Maßnahmen

Die für die Evaluation erforderliche Datenerhebung und Auswertung wurde auf der Grundlage qualitativer und quantitativer Methoden (mixed methods evaluation) durchgeführt: Die Evaluatorinnen sammelten Informationen in Gruppengesprächen und ausführlichen Interviews ebenso wie durch die Analyse von Fallakten, Fragebögen oder Projektberichten. Einem partizipatorischen Ansatz folgend, der alle Beteiligten und Begünstigten des Projekts in die Evaluation einband, wurden Befragungen zielgerichtet, aber auch je nach Verfügbarkeit mit TeilnehmerInnen der Aufklärungskurse, unterschiedlichen Fach- und Führungskräften, PolizeibeamtInnen und auch ProjektmitarbeiterInnen durchgeführt. Dadurch ergab sich ein breites Spektrum an Aussagen für die Bewertung, auch wenn deren Befangenheit nicht gänzlich ausgeschlossen werden konnte. Da sich viele der gewaltüberlebenden Frauen, die befragt wurden, in äußerst prekären Lebenssituationen befanden, wurden die Interviews zu jeder Zeit von einer psychosozialen Beraterin begleitet.

Vernetzung mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen AkteurInnen in Nordirak fördert nachhaltige Unterstützung Geflüchteter

Eine starke Grundlage für zukünftige Kooperationen zwischen Behörden und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen und Organisationen schuf das Projekt durch die stets enge Abstimmung mit lokalen Regierungsstrukturen wie etwa dem Gesundheits- oder Arbeitsministerium in KRI. Gemeinsam mit ProjektexpertInnen, Hochschulen und den durchführenden Organisationen wurden Trainingsmaterialien, Kursprogramme und Arbeitsstandards entwickelt, die in Absprache mit den staatlichen Einrichtungen die Qualität der Beratungsdienste sichern und eine entsprechende Ausbildung für Fachkräfte ermöglichen sollen.

Insgesamt betont die Evaluation, dass die besondere Stärke des Projekts in der Vernetzung von Fähigkeiten und Potenzialen liegt: So ist es die Verbindung von Haukaris und Khanzads lokaler Expertise, die zusammen mit medica mondiales Wissen auf dem Gebiet sexualisierter Gewalt eine angemessene, traumasensible Unterstützung für Betroffene ermöglicht. Und es ist die Integration staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure, die deren Austausch fördert und sie dazu ermuntert, für verbesserte Lebensbedingungen von Geflüchteten und Gastgemeinden in KRI konstruktiv zusammenzuarbeiten.

Autorin: Eva Maria Helm, Texterin im Auftrag von medica mondiale

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