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07. Dezember 2018

Evaluation Liberia: Unkomplizierte Hilfe für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen

Medica Liberia schafft kompetente Unterstützungsstrukturen für Gewaltüberlebende, muss jedoch mehr für deren Nachhaltigkeit tun.

Unkomplizierte Hilfe für Gewaltbetroffene, kompetente Beratung und größere Aufmerksamkeit für das Problem sexualisierter Gewalt – zu diesen Voraussetzungen will Medica Liberia im Rahmen ihres aktuellen Projekts beitragen, um geschlechtsspezifischer Gewalt und ihren Folgen entgegenzuwirken. Dazu setzt sich die liberianische Nichtregierungsorganisation in zwölf Dorfgemeinschaften rund um Monrovia für den Aufbau kompetenter Anlaufstellen für Gewaltbetroffene ein, bildet Fachkräfte weiter und sensibilisiert die Bevölkerung. Nach der Hälfte der Projektlaufzeit hat ein Evaluationsteam nun den bisherigen Verlauf des Vorhabens bewertet und Empfehlungen für dessen erfolgreiche Weiterführung formuliert.

Regierung nimmt Schutz von Frauen endlich ernst

Der Unterstützungsbedarf für gewaltbetroffene Frauen in Liberia ist hoch, so die Einschätzung der Expertinnen. Denn auch wenn Bürgerkrieg und Ebola-Krise einige Jahre zurückliegen und die Regierung den Schutz von Frauen zunehmend ernst nimmt, sind geschlechtsspezifische, ökonomische und häusliche Gewalt nach wie vor weit verbreitet. Bekannt werden Fälle nur selten. Wenn doch, wissen die wenigsten, was zu tun ist. Gründe dafür sind fehlende Aufklärung, aber auch patriarchale Traditionen, die frauenfeindliche Stereotype und die Toleranz von Frauenrechtsverletzungen begünstigen.

Vertrauenspersonen fördern Schutz von Frauen vor Gewalt

Diesem Kontext entspricht Medica Liberias Projekt in besonderem Maße, so die Evaluatorinnen, weshalb sie dessen Relevanz als sehr hoch bewerteten: Mit der Integration und Weiterbildung lokaler Vertrauens- und Respektspersonen in Solidargruppen fördert die Organisation ein Schutznetzwerk genau dort, wo Überlebende es am häufigsten benötigen – in ihren Gemeinden. Gleichzeitig werden öffentliche Dienste durch Weiterbildungen im stress- und traumasensiblen Ansatz gestärkt und durch das eigene Beratungsangebot ergänzt. Medica Liberias breit angelegte Aufklärungsarbeit vermittelt Regierungsmitgliedern ebenso wie der Zivilgesellschaft mehr Wissen über Frauenrechte und fördert so den Einsatz gegen Gewalt auf mehreren Ebenen.

Lokale Schutznetzwerke für Frauen und Mädchen langfristig sichern

Seit August 2016 werden diese Vorhaben umgesetzt. Zum Teil zeigten sich positive Ergebnisse. Jedoch sahen die Expertinnen auch Verbesserungsbedarf und bewerteten die Effektivität insgesamt mit „befriedigend“.

Zum Zeitpunkt der Datenerhebung waren in allen Projektgemeinden lokale Schutznetzwerke aufgebaut und aktiv. Deren Mitglieder waren von Medica Liberia zu geschlechtsspezifischer Gewalt und traumasensibler Beratung geschult, die meisten zeigten entsprechendes Wissen und Engagement für ihre neuen Aufgaben als AnsprechpartnerInnen für Überlebende. Allerdings fehlten Beratungsräume in den Dörfern, Verantwortlichkeiten für die Bereitstellung diverser Hilfs- und Finanzmittel waren ungeklärt. Um den freiwilligen Einsatz der Solidargruppen langfristig zu sichern, sollten wirtschaftliche Anreize wie Spar- und Kreditgruppen gefördert, ehrenamtliche Titel oder kleine Sachprämien vergeben werden. Die Zusammenarbeit mit Schülerinnen aus Mädchenclubs hat gerade erst begonnen und bedarf mehr Aufmerksamkeit.

Stress- und traumasensiblen Ansatz bekannter machen

Die stress- und traumasensible Beratung und Weiterbildung als weiterer Baustein des Projektes funktioniert gut, so das Fazit. Medica Liberia hat sehr gut ausgebildete Mitarbeiterinnen, die Frauen und Mädchen kompetent beraten und begleiten. Durch diverse Schulungen und Trainings haben PolizistInnen, JustizbeamtInnen und Gesundheitsfachkräfte mehr über sexualisierte Gewalt sowie den stress- und traumasensiblen Ansatz im Umgang mit Überlebenden gelernt. Trotz der besseren Qualität der Angebote nutzen Betroffene diese allerdings sehr wenig. Mehr muss getan werden, so die Evaluatorinnen, um die Dienste bekannter zu machen, Fachkräfte auch in entlegenen Gebieten zu schulen und das Wissen in die Ausbildungslehrpläne zu integrieren.

Aufklärung über sexualisierte Gewalt gezielt ausbauen

Dass mehr Menschen das Problem sexualisierter Gewalt kennen und sich für Überlebende stark machen, hat Medica Liberia seit Projektbeginn effektiv verfolgt. Durch diverse Aufklärungsaktionen gemeinsam mit Solidargruppen und anderen PartnerInnen erreichte die Organisation viele Menschen im Interventionsgebiet. Außerdem entwickelte Medica Liberia erstmals eine eigene Advocacy-Strategie, um ihre bisherigen Aktivitäten noch gezielter auszurichten, und setzte sich in deren Rahmen federführend für eine Kooperationskampagne zur besseren Ausstattung von Frauenhäusern ein. Um noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen, sollte bei Veranstaltungen gutes Informationsmaterial verfügbar sein und verteilt werden.

Unterstützung überlebender Frauen und Schutz vor Gewalt nachhaltig sichern

Insgesamt bescheinigen die Evaluatorinnen dem Projekt eine gute Kosten- und Personaleffizienz und zeigen sich zuversichtlich, dass erste positive Einflüsse des Vorhabens weiter verstetigt werden. Hierfür gilt es, die entstandenen Strukturen zu konsolidieren, was bisher – so zeigt die Bewertung „befriedigend“ für das Kriterium Nachhaltigkeit – noch nicht ausreichend geschehen ist. Zwar funktionieren die Schutznetzwerke zurzeit gut und einige treffen sich seit Anfang 2017 bereits regelmäßig ohne Impulse von Medica Liberia. Unsicher bleibt jedoch, wie lange ihr Engagement Bestand hat und inwieweit die traumasensiblen Schulungen tatsächlich eine empathischere Haltung gegenüber Frauen bewirken.

Als Anlaufstelle für Betroffene muss Medica Liberia mehr Verantwortung an öffentliche Einrichtungen abgeben, diese stärken und die Regierung dazu drängen, sie mit den notwendigen Mitteln auszustatten. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Unterstützungsstruktur nachhaltig ist und Überlebende auch über die Dauer des Projekts hinaus kompetent beraten und effektiv vor Gewalt geschützt sind.

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