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07. Oktober 2021

Der Glaube an die eigene Kraft: Wirtschaftliche Stärkung von Frauen im Kosovo

Die Dukagjini-Region im Westen des Kosovo ist von Armut geprägt. Die Arbeitslosenrate liegt bei 40 Prozent, bei Frauen sind es sogar 56,4 Prozent. Wie in vielen Post-Konflikt-Ländern ist Gewalt in der Partnerschaft weit verbreitet. Um die Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern, hat Medica Gjakova ein Projekt entwickelt, das Frauen nicht nur wirtschaftlich stärkt, sondern ihnen auch zu mehr Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit verhilft.

„Bevor ich hier angefangen habe, war ich so verloren. Ich habe eigentlich nur geatmet und mein Leben in Leere verbracht.“ Eine der Projekt-Teilnehmerinnen fasst zusammen, warum gewaltbetroffene Frauen oft mehr benötigen als einen Kurs in Unternehmensführung. Wie sie litten auch viele andere Teilnehmerinnen unter Selbstzweifeln und einem sehr geringen Selbstbewusstsein.

Sexualisierte Kriegsgewalt: auch 20 Jahre nach Kriegsende im Kosovo ein Tabuthema

Unter den rund 800 Frauen, die am Projekt von Medica Gjakova teilnehmen, haben viele sexualisierte Kriegsgewalt überlebt. Das Thema ist in der kosovarischen Gesellschaft auch 20 Jahre nach Kriegsende stark tabuisiert. Viele fühlen sich mit ihren Erfahrungen allein gelassen und werden von ihrer Familie nicht akzeptiert. Zu Beginn glaubten die wenigsten daran, dass sie überhaupt Geld verdienen können.

Bei einer Umfrage zu Projektstart stimmten nur 12 Prozent der Teilnehmerinnen der Aussage zu, dass Frauen genauso wie Männer in der Lage sind, Geld zu verdienen.

Medica Gjakova stärkt Frauen durch einkommenschaffende Maßnahmen

In der Zwischenzeit ist einiges passiert. Die Frauen wurden in Handarbeit, Milchwirtschaft, Imkerei, der Haltbarmachung von Obst und Gemüse sowie Unternehmensführung ausgebildet. Die Trainings wurden in Kooperation mit verschiedenen lokalen Unternehmen durchgeführt. Begleitend bot Medica Gjakova den Frauen gynäkologische, rechtliche und psychosoziale Unterstützung an, je nach ihren Bedürfnissen.

Mittlerweile betreibt Medica Gjakova eine Produktionsstätte, in der landwirtschaftliche Erzeugnisse weiterverarbeitet werden, und hat einen kleinen Laden in Gjakova eröffnet. Der Laden in zentraler Lage ermöglicht nicht nur ein Einkommen für die teilnehmenden Frauen, sondern trägt auch zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Tabuthema sexualisierte Gewalt in Gjakova bei.

Projekterfolg: Frauen erfahren neues Selbstbewusstsein und Akzeptanz in der Familie

Die größte Veränderung liegt jedoch bei den Frauen selbst – dies ergab auch eine Befragung durch unabhängige Gutachterinnen, die zu Projektbeginn und drei Jahre später die Frauen um ihre Einschätzungen baten. Die Teilnehmerinnen berichten, dass sie nicht nur von ihrer Familie stärker akzeptiert werden, seit sie ihr eigenes Geld verdienen, sondern auch selbst ein ganz neues Bild von sich selbst entwickelt haben.

„Ich habe nie gedacht, dass ich in der Lage bin, selbstständig Geld zu verdienen. Jetzt habe ich zwei Trainings absolviert und kann meine Produkte – haltbare Lebensmittel und Näharbeiten – verkaufen.“
Projektteilnehmerin

Beispiel aus den Projektergebnissen

„Frauen können genauso gut Geld verdienen wie Männer“: Zu Beginn stimmen 12 Prozent zu, zum Schluss 87 Prozent.

Erschienen im memo 2/2021


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