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15. Juni 2020

Corona: Mehr häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder in Krisenzeiten. Das können Sie tun!

Die Corona-Pandemie hat uns alle in ein Krisenszenario versetzt. Ausgangsperren und Kontaktbegrenzungen regeln nach wie vor vielerorts den Alltag. Teils drohen Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger, politische Unruhen. Weltweit haben sich die Menschen zum Schutz vor dem Virus ins Private zurückgezogen. Einige sind dort nicht sicher: Frauen und Kinder, die häusliche Gewalt erleben.

Die sogenannte häusliche oder familiäre Gewalt umfasst vor allem sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt, die durch nahestehende Menschen ausgeübt wird, die im gleichen Haushalt leben. In der Regel sind Männer die Täter.

Nimmt häusliche Gewalt in Corona-Zeiten tatsächlich zu?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht klare Indizien dafür, dass die Fälle familiärer Gewalt während der Corona-Krise sprunghaft angestiegen sind. Berichte aus China, Großbritannien, den USA, Deutschland und anderen Ländern bestätigten dies und dokumentieren einen Anstieg gemeldeter Fälle zwischen 10 und 50 Prozent. Bereits ohne die weltweite Corona-Pandemie war laut Zahlen aus 2017 weltweit mindestens jede dritte Frau von Gewalt durch ihren Partner bedroht. Knapp 40 Prozent aller Mordfälle an Frauen werden durch ihre (ehemaligen) Partner begangen. Laut UNICEF erleben jedes Jahr mindestens 275 Millionen Kinder im familiären Umfeld körperliche, psychische, sexualisierte oder andere Formen von Gewalt.

Es ist darüber hinaus von einer enormen Dunkelziffer auszugehen. Einer der Gründe für viele ungemeldete Fälle während der aktuellen Pandemie ist, dass die Frauen und Kinder durch die Ausgangssperren seitens der Täter verstärkt kontrolliert werden können. Deshalb ist die Kontaktaufnahme mit Frauenberatungsstellen, Frauenhäusern, ÄrztInnen und der Polizei stark eingeschränkt. Viele Beratungsstellen versuchen, neben Hotlines nun verstärkt etwas weniger „auffällige“ Kontaktmöglichkeiten über Chats und Messenger zu ergänzen. Darüber hinaus fehlt in Corona-Zeiten die soziale Kontrolle durch andere. Zum Beispiel durch ArbeitskollegInnen oder ErzieherInnen in der Kinderbetreuung, die auf die Folgen von Gewalt aufmerksam werden und reagieren könnten.

Warum steigt häusliche Gewalt in Krisenzeiten an?

medica mondiale unterstützt seit über 27 Jahren weltweit Frauen und Mädchen, die in Kriegs- und Krisenregionen leben und sexualisierte (Kriegs-)Gewalt erlebt haben. Wir beobachten in unserer täglichen Arbeit, dass Krisensituationen zwischenmenschliche Gewalt befördern. Sind Menschen existenziell bedroht von Armut, Krankheit, Terror, Vertreibung, politischer Instabilität, Krieg und Gewalt, wird auch mehr sexualisierte Gewalt und Gewalt in den Familien ausgeübt. Das heißt jedoch nicht, dass in Friedenszeiten Gewalt gegen Frauen und Kinder nur in Ausnahmefällen existiert. Sexualisierte Gewalt steht gesellschaftlich gesehen in engem Zusammenhang mit patriarchalen Geschlechterrollen und Einstellungen, die eine Privilegierung des Mannes akzeptieren und damit beispielsweise Alltagssexismus, Diskriminierung von Frauen und die Gewaltanwendung gegen sie tolerieren. Diese Gewalt von Männern gegen Frauen und Kinder ist weltweit verbreitet und ist eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen. Da die Machtposition und der soziale Status des Mannes durch die Krise erschüttert wird, setzen die Täter unter ihnen Gewalt vermehrt als Mittel des Machterhalts ein.

Steffi Meyer, Trauma-Expertin bei medica mondiale:
„Eine Krisensituation ist nur eine Art Verstärker. Die Krise intensiviert Missstände. Manchmal bringt sie diese erst an die Oberfläche.“

Die gute Nachricht: Jeder einzelne Mensch kann etwas tun. Beispielsweise durch gelebte Null-Toleranz gegenüber Gewalt und Sexismus im Alltag oder durch Spenden an Organisationen, die sich für die Rechte und den Schutz von Gewaltbetroffenen einsetzen.

Jemand ist von familiärer Gewalt betroffen. Was kann ich tun?

Vermuten Sie, dass jemand in Ihrem Bekanntenkreis zuhause Gewalt erlebt? Oder sind Sie selbst betroffen? In beiden Fällen finden Sie zum Beispiel beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ sicheren, anonymen und kostenlosen Rat – rund um die Uhr und in vielen verschiedenen Sprachen: 08000 116 016. Sie würden lieber nur per Chat Kontakt aufnehmen? Auch das ist auf der Website des Hilfetelefons möglich! Beratungsstellen stehen Ihnen mit viel Praxiserfahrung zur Seite und Frauenhäuser bieten Schutz vor akuter Bedrohung.

Von Gewalt betroffene Frauen und Kinder sind in den kontaktarmen Corona-Zeiten besonders auf die Unterstützung durch Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld angewiesen. Gewaltbetroffene brauchen unsere solidarische Verbundenheit. Wollen Sie unterstützend zur Seite stehen, können Sie durch übliche nachbarschaftliche Gesten Ihre menschliche Zugewandtheit zum Ausdruck bringen und sich als vertrauensvolle Kontaktperson anbieten. Lassen Sie sich im Einzelnen von Expertinnen dabei beraten, was Sie tun können, um Sicherheit herzustellen ohne sich selbst in eine Gefahrensituation zu bringen. Speziell bezüglich Gewalt an Frauen und Mädchen haben wir einige Links zu Ansprechpartnerinnen für Sie zusammengestellt.

Autorin: Christine Vallbracht, Online-Referentin bei medica mondiale

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